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Materialdienst 3/2012
Harald Lamprecht

Vampire überall

Die lebendige Idee der Untoten

Überblickt man die Geschichte der Vampire in den letzten 100 Jahren, so kann man eine erstaunliche Entwicklung feststellen: Seit den Anfängen ihrer Ausgestaltung in englischen Gruselromanen der ausgehenden Romantik hat die Idee der Vampire eine beeindruckende Erfolgsgeschichte hinter sich. In der Alltagskultur des 21. Jahrhunderts haben die nächtlichen Blutsauger ihren festen Platz errungen – wenn auch in sehr verschiedenen Rollen und Zuschreibungen. Man kann ihnen jedenfalls nicht entgehen.

Das beginnt im Schulunterricht der ersten Klasse, wenn das Rechnen mit dem kleinen Vampir Freddy geübt wird, der dann „vampirisch gute Noten“ verspricht. Da Vampiren ein Zähltick nachgesagt wird, liegt die Nähe zum Rechnen auf der Hand. Offenbar war die Zusammenarbeit zwischen Schulbuchverlag und Lernsoftwarehaus so gut, dass es jetzt auch weitere Titel gibt: Englisch 1-4, mit Freddy dem Vampir. Im Deutschunterricht helfen Vampire beim Deklinieren. Eine Kopiervorlage des Diesterweg-Schulbuchverlags (Sprachbuch 4, Ausgabe Sachsen) übt die Zeitformen mit „er beißt“, „du wirst fressen“, „ihr werdet stöhnen“, „ich habe geschlottert“ und deren Varianten im Angesicht eines Paares, das – ebenso wie die dazugehörige Katze (!) – überlange Eckzähne trägt. Für den Nachmittag gibt es im Kinderfernsehen „Mona, der Vampir“ beim ZDF, „Die Schule der kleinen Vampire“, „Grufthotel Grabesruh“ sowie „Caspers Gruselschule“ im KI.KA. (Kinderkanal von ARD und ZDF) und natürlich diverse Vampirfilme im Abendprogramm. Wer durch die Jugendabteilung der örtlichen Buchhandlung streift, kann dort in der Regel ebenfalls ein reichhaltiges Sortiment verschiedener phantastischer Erzählungen finden, die das Leben als Vampir beschreiben. Allen voran sind die Bestseller der „Twilight“-Serie von Stephenie Meyer zu nennen, deren deutsche Titel mit dem Wortspiel „Bis(s) zum ...“ beginnen. Diese Bücher und die nachfolgenden Verfilmungen haben einen regelrechten Vampir-Hype ausgelöst.1

Die Idee des Vampirs

Befragt man Jugendliche, was Vampire kennzeichnet, so erhält man schnell eine Zusammenstellung typischer Attribute: Sie haben herausragende Eckzähne, trinken Blut, sind nachtaktiv und unsterblich, mögen weder Knoblauch noch Kreuze und anderes mehr. Den wenigsten dürfte dabei bewusst sein, wie stark das Bild von dem, was einen Vampir bestimmt, durch die jeweils aktuellen literarischen Vorbilder geprägt ist – und wie stark es sich in dieser Folge ändert. So wird z. B. heute oft die Fähigkeit zum Gedankenlesen als typisches Vampirmerkmal genannt, das allerdings erst durch die Twilight-Serie in die Vorstellung eingetragen wurde. Andere traditionelle Elemente, z. B. die Scheu vor christlichen Symbolen, treten gegenwärtig dahinter zurück.

Das Bild des Vampirs ist ständig im Fluss, und jede Generation setzt ihm einen eigenen Stempel auf – je nachdem, welche der zum Teil recht gegensätzlichen künstlerischen Adaptionen des Themas breite Resonanz finden. Jenseits aller ausschmückender Attribute bleibt für die moderne Vampirvorstellung als Kernbestand dessen, was einen Vampir ausmacht, die Kombination von zwei konstitutiven Elementen: 1. das Trinken oder zumindest das Verlangen nach fremdem Blut und 2. das Dasein als „Untoter“, d. h. als ein Zwischenwesen, das – obwohl in der Welt der Lebenden aktiv – doch innerlich nicht dazugehört. Das Attribut der Unsterblichkeit hängt wesensmäßig an diesem besonderen Daseinszustand quer zur Normalwelt. Jedes dieser beiden Elemente für sich ist in der Natur bzw. in verschiedenen Volkstraditionen vorhanden. Es kommt in der Natur mehrfach vor, dass sich Lebewesen vom Blut fremder Wesen ernähren, woran jeder Mückenstich unangenehm erinnert. Die Vampirfledermäuse haben ihren Namen übrigens von den literarischen Vorbildern, nicht umgekehrt. Auch das Thema der Untoten beschäftigt in unterschiedlichen Varianten seit jeher die Phantasie der Völker. Die Kombination dieser Elemente jedoch erzeugt den modernen Vampir, und in diesem Sinne gibt es Vampire erst seit 1816.

Volkstraditionen

Starke Einflüsse auf die moderne Vampirvorstellung haben südosteuropäische Volkstraditionen von Untoten gewonnen. Insbesondere die rumänischen sogenannten Strigoi sind hier zu nennen. Bis heute gibt es in ländlichen Gegenden die Vorstellung von Untoten, die nach einem schlechten Leben nicht sterben können, sondern aus ihren Gräbern zurückkehren und ihre Angehörigen aufsuchen.

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Anmerkung

1 Vgl. Laura Tiziana Corallo, Zwischen Mission und Wertesehnsucht, in: MD 7/2009, 272f.

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