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Materialdienst 3/2012

Chiliasmus / Millenarismus

Die religiös motivierte Erwartung eines innerweltlichen tausendjährigen messianischen Friedensreiches, auch bezeichnet als Chiliasmus (von chilia ete, griech.: tausend Jahre) bzw. als Millenarismus (nach millenarius, lat.: tausendjährig) hat Menschen fasziniert, motiviert und in Bewegung gesetzt, manchmal auch zu Fanatikern gemacht. Im deutschsprachigen Kontext wird eher von Chiliasmus, im englischsprachigen eher von Millenarismus gesprochen. Märtyrer haben für das Tausendjährige Reich gelitten, religiöse Minderheiten haben dafür ihr Leben riskiert. In der Geschichte des lateinischen Christentums war der Chiliasmus vor allem eine Protestbewegung gegen die offizielle Religion. Im Kontext eines neuzeitlichen, auf Modernitätsverträglichkeit ausgerichteten Christentums wurde die Erwartung des Tausendjährigen Reiches an den Rand gedrängt und ausgeschlossen. In erwecklichen Strömungen des Protestantismus bekam sie eine hervorgehobene Rolle, ebenso in einzelnen christlichen Gemeinschaften (u. a. Adventbewegung, aus der die Siebenten-Tags-Adventisten hervorgegangen sind, und Katholisch-apostolische Gemeinden) und christliche Sondergruppen wie Jehovas Zeugen und Mormonen. Säkularisierte Spuren des Chiliasmus finden sich in geistesgeschichtlichen Strömungen, philosophischen Konzepten und politischen Bewegungen. In Bezugnahme auf solche Spuren hat der Begriff Erweiterungen erfahren und wird im Zusammenhang religions- und sozialwissenschaftlicher Forschungen als Bezeichnung bestimmter Heilserwartungen verwendet, die in gesellschaftlichen und politischen Krisensituationen aufkommen und mit der Ansage einer grundlegenden Veränderung der Verhältnisse verbunden sind. 

Zur Geschichte

Nur ein einziges Mal wird im Neuen Testament die chiliastische Erwartung erwähnt. Die Märtyrer wegen „des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen“ werden auferstehen und „mit Christus tausend Jahre“ regieren (Offb 20,4). Im Kontext der drei letzten Kapitel der Johannesapokalypse stellt sich das endzeitliche Szenario zur Durchsetzung der Gottesherrschaft wie folgt dar: Bändigung des Bösen für 1000 Jahre, Herrschaft der Märtyrer und Bekenner mit Christus in einem Reich des Friedens; eine kurze Zeit bekommt der göttliche Widersacher vor dem Ende noch Raum, dann folgen seine endgültige Entmachtung, das universale Weltgericht, die allgemeine Auferstehung der Toten, die Trennung der Gottlosen von den Gerechten, die endgültige Aufrichtung einer neuen Schöpfung, in der alle Tränen abgewischt sind und der Tod nicht mehr sein wird.

Die chiliastische Utopie erfuhr im Verlauf der Theologie- und Kirchengeschichte unterschiedliche Rezeptionen und Interpretationen. Irenäus (ca. 135-202) hielt in seiner antignostischen Hermeneutik an ihr im Unterschied zur Theologie des Ostens fest. Augustin (354-430) deutete das Tausendjährige Reich ekklesiologisch. Joachim von Fiore (1130-1202) war einer der mittelalterlichen Theologen, der die Erwartung innerweltlicher Vervollkommnung vertrat und das 1260 erwartete Reich des Geistes mit dem Tausendjährigen Reich der Apokalyse gleichsetzte. In den reformatorischen Bekenntnissen wird der Chiliasmus ausdrücklich verworfen, also diejenigen Lehren, „nach denen vor der Auferstehung der Toten eitel [reine] Heilige, Fromme ein weltliches Reich aufrichten und alle Gottlosen vertilgen werden“ (CA Art. 17, 1530). In der reformierten Tradition finden sich vergleichbare Abgrenzungen, u. a. im Art. 11 der Confessio Helvetica Posterior (1566). Trotz offizieller kirchlicher Ablehnung, die auch in der römisch-katholischen Kirche bestimmend war, standen zahlreiche Bewegungen im Einflussbereich chialistischen Gedankengutes: die Hussiten bzw. Taboriten, der sogenannte linke Flügel der Reformation, der englische Protestantismus des 17. Jahrhunderts, der Pietismus des 18. und erweckliche Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Einzelne Vertreter gingen z. B. davon aus, dass es vor dem Jüngsten Tag einen Heilszustand auf Erden geben könne, gekennzeichnet durch die Bekehrung von Heiden und Juden, die Erneuerung kirchlichen Lebens und die Überwindung der Gegner der Kirche. U. a. die Verbindung zwischen chiliastischen Erwartungen und ethischen Handlungsorientierungen konnte zu sozialen und politischen Wirkungen führen und bereitete den Weg für die Säkularisierung chiliastischer Erwartungen, vor allem die Verbindung von Chiliasmus und säkularem Fortschrittsoptimismus. Die Vorstellung eines irdischen Friedensreiches war in der Aufklärung (u. a. bei Kant und Lessing) und der aufkommenden Geschichtsphilosophie bestimmend. Elemente des Chiliasmus begegnen in der marxistischen Utopie. Im 20. Jahrhundert integrierte Ernst Bloch den Chiliasmus in eine Theorie der Utopie, die auch in Jürgen Moltmanns „Theologie der Hoffnung“ wirksam wurde.

Erweckungschristentum

Für alle Ausdrucksformen des Erweckungs- christentums gilt, dass chiliastische Erwartungen ein charakteristisches Merkmal darstellen. Mit der wirkungsvollen und weltweiten Ausbreitung evangelikaler Frömmigkeitsformen – vor allem in ihrer pfingstlich-charismatischen Gestalt – wurden auch ihre endzeitlichen Erwartungen bekannt gemacht. Es wäre freilich falsch, in Charismatikern und Evangelikalen pauschal weltflüchtige oder aktivistische Chiliasten zu sehen. Ein gesteigertes apokalyptisches Endzeitdenken entwickelte sich vor allem da, wo antimodernistische und fundamentalistische Motive wirksam werden (Unfehlbarkeit der Schrift, elitäre Abgrenzung gegenüber anderen Christen, beanspruchtes Wissen über die Zukunft, weltbildhafter Dualismus). Für ein apokalyptisch gesteigertes Endzeitdenken ist insbesondere eine bestimmte Auslegung der prophetischen und apokalyptischen Texte der Bibel kennzeichnend. Endzeitliche Erwartungen werden in eine konkrete Ereignisfolge gebracht und in allernächster Nähe erwartet: Wehen der Endzeit, Trübsal, Entrückung, Schlacht von Harmagedon, Gericht, Wiederkunft Jesu, Tausendjähriges Friedensreich (Millennium), neuer Himmel und neue Erde.

Zu unterscheiden ist zwischen einem Prämillenarismus, der davon ausgeht, dass die Wiederkunft Christi ein Ereignis vor dem Tausendjährigen Reich ist, und dem Postmillenarismus, der damit rechnet, dass die Parusie Christi das Millennium beendet. Die vorherrschende apokalyptische Denkform ist fraglos der Prämillenarismus, im amerikanischen Kontext viel stärker verbreitet als in Europa. Gesteigertes apokalyptisches Bewusstsein beansprucht, verlässliche Deutungen für gegenwärtige weltgeschichtliche Entwicklungen zu geben, vor allem in ihrer Bezogenheit auf den Nahen Osten und Israel. Beispiele evangelikaler Endzeitautoren sind u. a. Hal Lindsey, der mit seinem Bestseller „Alter Planet Erde wohin?“ (1971) bekannt wurde, seit einigen Jahren Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins, die das gesteigerte Endzeitdenken in zahlreichen Romanen (Left Behind) popularisiert und dabei Lindsey noch übertroffen haben.

Geschichtliche Vorläufer der dispensationalistischen Geschichtsschau, bei der die Heilsgeschichte in verschiedene Zeitalter eingeteilt wird, liegen im Darbysmus. John Nelson Darby (1800-1882) war es, der ein streng fundamentalistisches Schriftverständnis und eine exklusivistisch bestimmte Ekklesiologie mit entsprechenden Heilsabschnitten verband und die endzeitlichen Glaubensaspekte mit höchster Autorität und geistlichem Anspruch vertreten konnte. Darbys dispensationalistisch ausgerichtete Hermeneutik ging in die Fußnoten der Scofield-Bibel (1909) ein, die in bibelfundamentalistischen Kreisen Standardbibel war, und wurde dadurch wirkungsvoll verbreitet.

Während evangelikal-fundamentalistische und pentekostale Ausprägungen des Dispensationalismus weitgehend im Bereich eines dezidiert christlichen Selbstverständnisses verbleiben, spielen dispensationalistische Konzepte auch eine signifikante Rolle im Zusammenhang der Entstehung von Neureligionen und Neuoffenbarungsgruppen (vgl. Neue Kirche Swedenborgs, Vereinigungskirche, Universale Kirche, New Age). Die Periodisierung der Geschichte göttlichen Handelns wird dabei zur Distanzierung gegenüber gegenwärtigen Gestalten des Christentums genutzt und zu ihrer evolutionären Überschreitung.

Der Chiliasmus klammert sich an die biblischen Texte (v. a. Danielbuch, Endzeitreden Jesu in den Evangelien, Offenbarung des Johannes) in ihrer Buchstäblichkeit und behauptet, ihre wahre Auslegung zu verwirklichen. Als wesentliches hermeneutisches Instrument gelten angenommene Zeitperioden (dispensations). Meist wird von sieben Zeitaltern ausgegangen: 1. von Adam bis zur Vertreibung aus dem Garten Eden (innocence), 2. von der Vertreibung bis zur Sintflut (conscience), 3. von Noah bis zum Turmbau von Babel (human government), 4. von Abraham bis zur Versklavung in Ägypten (promise), 5. von Mose bis zum Heilswerk Gottes in Christus (law), 6. von der erlösenden Tat Christi bis zu seiner Wiederkehr (grace), 7. vom Tausendjährigen Reich bis zum Neuen Jerusalem (kingdom). Die apokalyptisch gestimmte Geschichtsschau gewinnt ihre Konkretionen dann, wenn biblische Prophetie einerseits und Gegenwartsgeschichte andererseits so aufeinander bezogen werden, dass einzelne geschichtliche Vorgänge als unmittelbare Ereignung prophetischer Verheißungen verstanden werden.

Einschätzung

In der Geschichte der Christenheit musste die christliche Zukunftserwartung gegenüber zwei Missverständnissen verteidigt werden: einem materialistischen Chiliasmus, der die Bildersprache apokalyptischer Texte übergeht und von einem grenzenlosen Optimismus oder einem düsteren Weltpessimismus bestimmt ist, aber auch gegenüber einem gnostisierenden Spiritualismus, der die Treue zu den endzeitlichen Hoffnungsbildern und dem Realismus der Verheißungen in der Bibel aufgibt, indem er sie vergeistigend übersetzt. Beides gab es in der Geschichte des Christentums: die fantasievollen Ausmalungen des Endes, verbunden mit dem unrealistischen Versuch, das Reich Gottes auf Erden zu errichten, aber auch die schwärmerische Identifikation kirchlichen und christlichen Lebens mit dem Reich Gottes und den Verzicht darauf, nach einem innergeschichtlichen „Mehr“ an Gerechtigkeit, Frieden und zeichenhafter Vorwegnahme des Reiches Gottes zu suchen.

Chiliastische Erwartungen werden schnell zu einer spekulativen Angelegenheit. Auch mit der Bibel in der Hand hören die Begrenzungen nicht auf, denen geschöpfliches Leben unterliegt. Das prophetische Zeugnis der Bibel eignet sich nicht dazu, die fromme Neugierde zu befriedigen. Die christliche Hoffnung vermittelt kein privilegiertes Zukunftswissen. Wenn zu häufig falscher Alarm geschlagen wird, führt dies unweigerlich zu Abnutzungserscheinungen und Glaubwürdigkeitseinbußen. Gesteigertes apokalyptisches Bewusstsein erliegt der Gefahr, sich durch den Blick auf erwartete kosmische Katastrophen gefangen nehmen zu lassen und in Angst, Resignation und Passivität zu erstarren oder aber in blinden Aktivismus umzuschlagen, der im Blick auf politische Konflikte, zum Beispiel im Nahen Osten, auf friedensethische Perspektiven weitgehend verzichtet. Die Faszination chiliastischer Utopien deutet gleichzeitig darauf hin, dass ihre kirchliche „Domestizierung“ nicht ausreicht, „um theologisch und spirituell ihr Hoffnungspotential ... auszuschöpfen“ (Medard Kehl). Auch wenn die Dialektik zwischen dem Schon-Jetzt und dem Noch-Nicht des Reiches Gottes sich nicht dadurch auflöst, dass sie in ein zeitliches Nacheinander gebracht wird, können auch die Kritiker des Chiliasmus anerkennen, dass er ein berechtigtes Anliegen verfolgt: Er verweist auf die diesseitige Dimension christlicher Hoffnung.

Quellen 

LaHaye, Tim/Jenkins, Jerry B., Finale, Aßlar 1997ff
Lindsey, Hal/Carlson, Carole C., Alter Planet Erde wohin? Im Vorfeld des Dritten Weltkriegs, Wetzlar 51972

Literatur

Berger, Klaus, Wie kommt das Ende der Welt?, Gütersloh 2002
Cohn, Norman, Die Sehnsucht nach dem Millennium, Freiburg i. Br. u. a. 1998
Ebach, Jürgen, Apokalypse und Apokalyptik, in: Schmidinger, Heinrich, Zeichen der Zeit, Innsbruck 1998, 213-273
Finger, Joachim (Hg.), Vom Ende der Zeiten. Apokalyptische Visionen vor der Jahrtausendwende, Freiburg/Schweiz 1999
Hunt, Stephen, Christian Millenarianism. From the Early Church to Waco, London 2001
Moltmann, Jürgen, Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie, Darmstadt 22005
Weber, Timothy P., Living in the Shadow of the Second Coming, American Premillennialsm 1875–1982, Grand Rapids/Mich. 1983

Reinhard Hempelmann

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