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Materialdienst 7/2013
Andreas Fincke

Klein, zerstritten, einflussreich

Humanistische und atheistische Organisationen

Zeitgleich zum Deutschen Evangelischen Kirchentag fand in Hamburg vom 30. April bis zum 4. Mai 2013 der „Deutsche Humanistentag 2013“ unter dem Motto „Gut ohne Gott“ statt. Veranstalter war die Hamburger Stiftung „Geistesfreiheit“ in Kooperation mit den Hamburger Regionalgruppen der „Giordano Bruno Stiftung“, der „Jugendweihe Deutschland“ und dem Hamburger Regionalverband des „Humanistischen Verbands Deutschlands“. Der frühere EZW-Referent Andreas Fincke hat einige Veranstaltungen besucht und berichtet über den Humanistentag, aber auch über die Hintergründe der beteiligten Organisationen.


Die „Szene“ der humanistischen, freidenkerischen und kirchenkritischen Organisationen in Deutschland ist verwirrend und selbst für Insider nur schwer überschaubar.1 Es gibt eine Fülle regionaler Initiativen und kleiner Zirkel, aber auch vergleichsweise einflussreiche Organisationen wie den Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) und die Giordano Bruno Stiftung (gbs). Über die Organisationsgrenzen hinweg findet man freundschaftliche Beziehungen und Doppelmitgliedschaften, aber auch Animositäten und deutliche strategische Differenzen.

Daher kann man es aus Sicht der Veranstalter bereits als Erfolg werten, dass überhaupt ein bundesweiter Humanistentag zustande gekommen ist. Ob es jedoch angemessen war, diesen Tag als „Gegenveranstaltung“ zum Kirchentag zu platzieren, möchte ich bezweifeln. Da weite Bereiche des öffentlichen Lebens in Hamburg vom Kirchentag geprägt waren, wirkte das Atheistentreffen marginalisiert. Große Posaunenchöre vereinten schnell mehr Mitstreiter, als im Festzelt des Humanistentags versammelt waren – zumindest bei den von mir besuchten Veranstaltungen. Auch das seltsame Phänomen, dass Moderatoren, Referenten und Diskutanten sich meist per Du anredeten, verstärkte den Eindruck, dass die Öffentlichkeit nicht erreicht wurde.

Dennoch gibt es Anlass, diesen äußeren Anschein zu hinterfragen. Denn auch die bunten Kirchentage können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kirchen in Bedrängnis geraten sind. Nach wie vor sind die Austrittszahlen hoch und nimmt die Bindung vieler Menschen an Kirche und Religion ab.2 So gibt es z. B. in Brandenburg Kirchenkreise, die allein in den letzten acht Jahren mehr als 25 Prozent ihrer Mitglieder verloren haben. Diese Entwicklung vollzieht sich leise, weitgehend unbemerkt von kirchenleitenden Kreisen und demoralisiert die verbleibenden kirchlichen Mitarbeiter und engagierten Laien, weil sie sich verantwortlich fühlen – aber mit ihrer Ratlosigkeit allein bleiben.

Die massiven Säkularisierungs- und Entkirchlichungsprozesse beflügeln die Szene der humanistischen und atheistischen Organisationen. Interessiert nimmt man hier zur Kenntnis, dass die Gruppe der Konfessionslosen die am schnellsten wachsende weltanschauliche Orientierung in Deutschland darstellt. Da schließlich Missbrauchsvorwürfe, Diskussionen um das kirchliche Arbeitsrecht und andere Themen das Ansehen der Kirchen weiter beschädigen, könnte man erwarten, dass die freidenkerischen und säkularen Organisationen nennenswerten Zulauf verzeichnen. Aber dem ist nicht so. In den letzten zehn Jahren haben alle Organisationen zusammen die Zahl ihrer Mitglieder nur unwesentlich steigern können. Sie liegt nach wie vor bundesweit bei etwa 15000 bis höchstens 20000. Damit scheint der Verbandsatheismus auch weiterhin eine zu vernachlässigende Größe zu sein. Aber trotz der bescheidenen Mitgliederzahl gelingt es den verschiedenen atheistischen, freidenkerischen und humanistischen Organisationen, ihre Anliegen geschickt in die Gesellschaft zu tragen. Sie sind klein und zerstritten – aber auch ein Indikator für Veränderungsprozesse.

Humanistische Lebenskunde

Das kann man z. B. am Berliner Religionsunterricht zeigen. In der Bundeshauptstadt ist der Religionsunterricht kein ordentliches Lehrfach, sondern nur ein freiwilliges Angebot der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Mehr noch: In Berlin gibt es ein Konkurrenzfach zum Religionsunterricht. Aus den Wurzeln der Freidenkerbewegung ist der Weltanschauungsunterricht des Humanistischen Verbands Deutschlands (HVD), die „Humanistische Lebenskunde“, hervorgegangen. Man könnte, auch wenn das seltsam klingt, das Fach als „freidenkerischen Religionsunterricht“ apostrophieren. Dieses Unterrichtsfach hat in Berlin eine längere Tradition.

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Anmerkungen

1 Vgl. Andreas Fincke, Freidenker – Freigeister – Freireligiöse, EZW-Texte 162, Berlin 2002, 53ff; Horst Groschopp, Säkulare und freigeistige Organisationen und Verbände in Deutschland 2009, http://hpd.de/files/Säkulare Organisationen heute 2.pdf (die angegebenen Internetseiten wurden zuletzt abgerufen am 27.5.2013).
2 Zuletzt: Bertelsmann-Stiftung (Hg.), Religionsmonitor. Verstehen was verbindet, www.religionsmonitor.de.

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