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Materialdienst 7/2013
Edgar S. Hasse

Christliche Säkularität

Was glauben die Hamburger?

„Jeder zweite Hamburger fühlt sich als Christ“, titelte am 30. April 2013 das „Hamburger Abendblatt“ auf Seite 1 und veröffentlichte zum Start des Deutschen Evangelischen Kirchentages in der Hansestadt eine repräsentative Umfrage über den Glauben und die Religion der Hamburger und Bundesbürger. Kurz vor dem Ende des Kirchentages, der mit rund 120000 Dauerteilnehmern und dem Motto „So viel du brauchst“ die gesellschaftliche Diskussionslage mit bemerkenswerter Aktualität1 traf, legte die große Regionalzeitung aus dem Axel Springer Verlag2 nach und veröffentlichte diese Zahl: „Jeder zweite Hamburger Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren hält sich weder für religiös noch für gläubig.“3 Die Religionsumfrage wurde im Auftrag dieser Zeitung vom international tätigen Marktforschungsinstitut Harris Interactive AG in Kooperation mit der Hapag-Lloyd-Stiftung sowie der Drogeriekette Budnikowsky durchgeführt.4 Befragt wurden insgesamt 1541 Probanden.

Forschungsfrage und theoretische Basis der Hamburger Religionsumfrage

Ziel der komparativen Analyse war es, das „religiöse Feld“ (Pierre Bourdieu) in der 1,8 Millionen Einwohner zählenden Metropole Hamburg im Vorfeld des Kirchentages zu erkunden, mit dem arithmetischen Mittel ebenfalls erhobener bundesweiter Daten zu vergleichen und anhand des empirischen Befunds Handlungsimpulse für die kirchliche Arbeit zu vermitteln. Die Freie und Hansestadt Hamburg mit ihren 90 religiösen Gemeinschaften5 und den 130000 Muslimen gilt als multikulturelle und von Modernisierungsschüben geprägte Großstadt, in der Phänomene und Formen gelebter Religion ebenfalls wahrzunehmen sind wie Signaturen der Säkularisierung. Laut EKD-Statistik vom 31.12.2011 gehören 28,7 Prozent der Bevölkerung der evangelischen und 10,2 Prozent der katholischen Kirche an.6 Die Forschungsfrage lautete daher: Wie stark sind Prozesse der Säkularisierung in Hamburg im Vergleich zum Bundesdurchschnitt ausgeprägt, und welche religiösen Phänomene und Vorstellungen außerhalb der institutionalisierten christlichen Religion sind mit welchem Verbreitungsgrad in der Bevölkerung evident? Theoretische Basis für die Studie bildeten die (kontrovers diskutierten) religionssoziologischen Säkularisierungs-, Individualisierungs- und Pluralisierungstheoreme, die nicht in normativ-alternativer Grundierung, sondern mit jeweils heuristischer Offenheit forschungsleitend waren. Ausgehend von der Annahme, dass es zwischen Modernisierungs- und Säkularisierungsprozessen einen Zusammenhang gibt7, bei dem Wohlstandsanhebung und kulturelle Pluralisierung die Abschwächung religiös-kirchlicher Bindungen zur Folge haben, wird Hamburg als moderne Metropole im Norden verstanden, die in dieser Hinsicht prototypischen Charakter hat. Während Modernität entsprechend der konsensfähigen Pluralisierungsthese die multioptionale „Bewegung vom Schicksal zur Wahl nach sich zieht“8, wird unter Säkularisierung als mehrdeutige Interpretationskategorie sowohl der Funktionsverlust religiöser Institutionen9 („Entkirchlichung“) als auch der Prozess der Abnahme der gesellschaftlichen Bedeutung von Religion10 verstanden. Das Individualisierungstheorem behauptet dagegen die Virulenz des Religiösen außerhalb der tradierten kirchlichen Religionskultur11 – eine Entwicklung, die etwa in empirischen Untersuchungen der Massenmedien12 bestätigt und immer wieder in grundlegenden medienpädagogischen Arbeiten13 thematisiert wird.

Hypothesen und Untersuchungsmethode

Hypothese 1: Säkularisierungsprozesse sind in Hamburg stärker ausgeprägt als im Bundesdurchschnitt.

Hypothese 2: Fehlende konfessionelle Bindung (Mitgliedschaft in einer Kirche/Religionsgemeinschaft) impliziert nicht den Verlust religiöser Vorstellungen und Praktiken.

Hypothese 3: Die Affinität der Hamburger zum Christentum ist größer als zu anderen Religionen.

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Anmerkungen

1 Vgl. den Leitartikel von „Abendblatt“-Chefredakteur Lars Haider, in: Hamburger Abendblatt, 30. April/1. Mai 2013, 2.
2 IVW-geprüfte verkaufte „Abendblatt“-Auflage Mo.-Sa.: 200740 Exemplare (1. Quartal 2013).
3 Edgar S. Hasse, Im Zweifel für den Glauben, in: Hamburger Abendblatt, 4./5. Mai 2013.
4 Initiiert sowie wissenschaftlich und publizistisch begleitet wurde die Erhebung vom Autor des vorliegenden Beitrags. Den empirischen Teil mit dem Forschungsdesign entwickelte der Vorstand von Harris Interactive, Thomas Rodenhausen, gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Frank Drewes und David Schmidt.
5 Rund die Hälfte davon ist nichtchristlich; vgl. Wolfgang Grünberg/Dennis L. Slabaugh/Ralf Meister-Karanikas, Lexikon der Hamburger Religionsgemeinschaften, Hamburg 1995.
6 Vgl. ekd.de/download/kirchenmitglieder_2011.
7 Vgl. Detlef Pollack, Rückkehr des Religiösen? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland und Europa II, Tübingen 2009.
8 Peter L. Berger, Der Zwang zur Häresie. Religion in der pluralistischen Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1980.
9 Vgl. Karl Gabriel, Im Spannungsfeld von Entkirchlichung, individualisierter Religiosität und neuer Sichtbarkeit der Religion. Der gesellschaftliche Ort der Kirche in der Gegenwartsgesellschaft, in: Martin Reppenhagen/Michael Herbst (Hg.), Kirche in der Postmoderne, Neukirchen-Vluyn 2008, 117.
10 Vgl. Detlef Pollack, Säkularisierung – ein moderner Mythos? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland, Tübingen 2003, 5.
11 Vgl. Thomas Luckmann, Die unsichtbare Religion, Frankfurt a. M. 1991.
12 Vgl. Edgar S. Hasse, Weihnachten in der Presse. Komparative Analysen der journalistischen Wahrnehmung des Christfestes anhand der „Weihnachtsausgaben“ ausgewählter Tageszeitungen und Zeitschriften (1955 – 2005), Erlangen 2010. Zur Religion in der digitalen Medienwelt vgl. ders., Von der Offenbarung ins Web 2.0. Die Bibel im digitalen Zeitalter – Impulse für eine Medientheologie. Mit einem Vorwort von Bischöfin Kirsten Fehrs, Gießen/Basel 2013, 88-96.
13 Vgl. Roland Rosenstock, Religion im Fernsehen für Kinder und Jugendliche, in: Gott googeln? Multimedia und Religion. Jahrbuch der Religionspädagogik, Bd. 28, Neukirchen-Vluyn 2012, 108-116.

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