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Materialdienst 6/2013
Michael Utsch

Der Boom des Irrationalen

Zur Psychodynamik alternativer Glücksrezepte

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Warum trinken Menschen energetisiertes Wasser? Warum konsultieren sie einen Geistheiler oder steigen in eine indianische Schwitzhütte? „Warum trägt Joachim Löw während der Meisterschaftsspiele ein Shambhala-Armband mit aktivierenden Hämatit-Kugeln? Und warum kauft jemand eine Energiepyramide für 1300 Euro und stellt sie in seinem Schlafzimmer auf?“2

Irrationales Verhalten boomt. Es ist heute kein Widerspruch mehr, als Ingenieur während der Woche Computer zu programmieren und am Wochenende Engel-Seminare oder schamanische Trancereisen anzubieten. Viele Menschen können heute empirisches Wissen und esoterische Weisheit verbinden, ohne Bauchschmerzen zu bekommen. Soziologen beschreiben eine starke Pluralisierung der Lebensdeutungen und Weltanschauungen, die auch als Folge der großen Migrationsbewegungen in Europa zu erklären ist. Die Begegnung kultureller Traditionen bereichert, ist aber auch herausfordernd! Vor Kurzem hatte ich ein Beratungsgespräch mit einer aus Korea stammenden Musikerin, die sich vom Teufel besetzt fühlt und nach einem Befreiungsritual sucht, das den Bann des Bösen über ihrem Leben brechen kann und sie ein für alle Mal von den negativen Energien lösen soll. Eine Psychotherapie hatte die Musikerin wegen Wirkungslosigkeit abgebrochen. Wie gehen Psychotherapeuten mit spirituell-religiösen Erwartungen um? Bei solchen Themenschwerpunkten ist über psychodiagnostische Kompetenzen hinaus religionskundliches Wissen nötig, um die Erlebniswelt des Gegenübers besser verstehen und einordnen zu können.

Im Spannungsfeld von Religion und Medizin sind heute zahlreiche neue Heilsspezialisten tätig, die einen großen Wachstumsmarkt bedienen. Schätzungen zufolge werden allein in Deutschland damit pro Jahr 20 bis 25 Milliarden Euro verdient. Etwa 15 Prozent vom Jahresumsatz des deutschen Buchhandels werden mit esoterischer Lebenshilfe erwirtschaftet. Dabei bleibt es oft nicht bei der harmlosen Freizeitbeschäftigung abendlicher Lektüre. Manche Esoterik-Gläubige buchen Seminare und Kurse, flüchten sich von Heilsversprechen zu Heilsversprechen, stürzen sich zur Finanzierung in Schulden oder geraten vor bösen Flüchen in Panik. Oder sie meinen sogar, dass ihr neu gefundener Glaube den Arztbesuch gänzlich ersetzen könne.

Ob Aura-Reiniger, Reiki-Therapeut, schamanischer Berater, Engel-Dolmetscherin oder ganzheitlicher Astrologe – spirituelle Einzelanbieter haben den klassischen Sekten den Rang abgelaufen. Leider fehlen verlässliche empirische Daten über ihre Verbreitung. Die Studie des Bochumer Religionswissenschaftlers Markus Hero aber hat 2008 allein in Nordrhein-Westfalen über 1000 esoterische Lebenshilfe-Angebote gefunden, die pro Jahr von 90000 Menschen konsultiert werden.3 Religionswissenschaftler sprechen heute von einem „Markt der Sinnanbieter“, auf dem „spirituelle Wanderer“ nach Erleuchtung suchen.4 Dieser Markt wird Experten zufolge noch weiter expandieren. Nahezu jedes Wochenende findet irgendwo im deutschsprachigen Raum eine Tagung mit vollmundigen Glücksversprechen statt. Wohlfühl-Messen, Esoterik- und Naturheiltage oder die „Spirit and Life“-Messe werden von Menschen besucht, die alles haben und doch unglücklich sind.

Suche nach Erklärungen für die Popularität esoterischer Angebote

Die Erklärungsversuche dafür, dass im aufgeklärten 21. Jahrhundert Angebote magischer Rituale, esoterischer Lebenshilfe und versekteter, manipulativer Gemeinschaften nach wie vor Zulauf haben, sind vielfältig. Was lässt sich zur Psychodynamik der Sinn-Suchenden sagen? Nebenbei bemerkt: Nach wie vor ist Esoterik eher ein weibliches Phänomen. Obwohl sich auch zunehmend mehr Männer damit beschäftigen, sind ungefähr zwei Drittel der Rezipienten Frauen. Welche Motive bewegen diese Menschen?

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Anmerkungen

1 Überarbeiteter und gekürzter Text, der auf der Tagung „Glück und Seligkeit“ am 20.4.2013 im Palais Liechtenstein in Wien vorgetragen wurde. Das gesamte Konferenzprogramm sowie Videomitschnitte dieses Vortrags und weiterer Vorträge finden sich unter www.rpp2013.org.
2 Diese Fragen versuchte ein Spiegel-Reporter nach dem Besuch einer Hamburger Esoterik-Messe in seinem Artikel zu beantworten (Jochen-Martin Gutsch, Unter Einhörnern, in: Der Spiegel 30/2012, 52-56).
3 Markus Hero, Der Markt für spirituelles Heilen. Eine soziologische Betrachtung seiner Akteure und Institutionen, in: Constantin Klein u. a. (Hg.), Gesundheit – Religion – Spiritualität, Weinheim 2011, 149-162.
4 Christoph Bochinger/Martin Engelbrecht/Winfried Gebhardt, Die unsichtbare Religion in der sichtbaren Religion: Formen spiritueller Orientierung in der religiösen Gegenwartskultur, Stuttgart 2009.

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