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Materialdienst 6/2013
Christian Ruch

Ein Reiseführer ins Jenseits?

Das Tibetische Totenbuch

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Dass Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in Westeuropa ein breites Interesse an Tibet erwachte, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es schon immer Menschen gab, die sich für Tibet interessierten, und so gelangte auch das legendäre Tibetische Totenbuch schon einige Jahrzehnte vor Beginn des Tibet-Booms in den Westen. Der berühmte amerikanische Tibetologe Walter Yeeling Evans-Wentz (1878 – 1965), der stark von der Theosophie beeinflusst war und später zum Buddhismus konvertierte, gab es 1927 erstmals auf Englisch heraus, wobei die Übersetzung das Werk eines tibetischen Lamas sein soll. Der Titel dagegen stammt von Evans-Wentz, dies in Anlehnung an das bekannte Ägyptische Totenbuch. 1935 lag das Werk zum ersten Mal auf Deutsch vor und enthielt dabei einen Kommentar des Psychoanalytikers C. G. Jung, von dem noch zu sprechen sein wird. Dieser Kommentar wurde später auch den weiteren Auflagen der englischsprachigen Ausgabe beigefügt. Mittlerweile liegt das Werk auch auf Deutsch in verschiedenen Versionen und neueren Übersetzungen vor, wobei das Interesse an dem Werk durch den Tibeter Sogyal Rinpoche, den Gründer der Organisation „Rigpa“, nicht unwesentlich angeheizt worden sein dürfte. Er hatte Anfang der neunziger Jahre seinen Bestseller „Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“ veröffentlicht, das auch auf das Tibetische Totenbuch eingeht und mit diesem durch die Ähnlichkeit des Titels immer wieder verwechselt wird.

Der tibetische Name des Tibetischen Totenbuchs lautet korrekt „Bardo Thödröl Chenmo“ (meistens wird er jedoch nur „Bardo Thödröl“, auch „Bardo Thödol“, geschrieben), was so viel bedeutet wie „Große Befreiung durch Hören im Bardo“. Als Bardo (Sanskrit antarabhava) wird meistens – und so auch im Tibetischen Totenbuch – der Zwischenzustand zwischen Tod und Wiedergeburt beschrieben. Eigentlich meint Bardo aber ganz generell den Übergang von einer Situation zur anderen. In einem spirituellen Sinn sieht der tibetische Buddhismus Bardos als „besonders kraftvolle Gelegenheiten zur Befreiung, denn gewisse Momente, so sagen die Lehren, sind machtvoller als andere, mit viel mehr Potential aufgeladen, und was immer man dann tut, zeitigt starke und weitreichende Wirkungen“, schreibt Sogyal Rinpoche. „Der mächtigste und energiegeladenste dieser Momente“ sei „jedoch der Augenblick des Todes“.2 Dieser Augenblick soll, wie der tibetische Titel des Totenbuchs bereits aussagt, zur „Befreiung durch Hören“ genutzt werden. Der, der hört, ist niemand anders als der Verstorbene, dem die Anweisungen und Ratschläge des Bardo Thödröl Chenmo vorgelesen werden, um ihn so zur Befreiung, d. h. zum Ausbruch aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zu befähigen.

In seinen schriftlichen Fassungen lässt sich das Bardo Thödröl Chenmo bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Wie der Anfang des Textes aber deutlich werden lässt, wird es dem bereits erwähnten Tantriker und Magier Padmasambhava („der Lotus Geborene“, tibetisch Guru Rinpoche, „kostbarer Lehrer“) zugeschrieben, der im 8. Jahrhundert n. Chr. den Buddhismus in Tibet etablierte, indem er viele Elemente der schamanisch ausgeprägten Bön-Religion in den Buddhismus integrierte und so einen Buddhismus „à la tibétaine“ schuf, der sich von den buddhistischen Traditionen Südasiens, gerade durch die ihm innewohnenden schamanischen Wesenszüge, stark unterscheidet.

Die Überlieferungslücke zwischen der Ära Padmasambhavas und den ersten schriftlichen Fixierungen wird damit erklärt, dass es sich beim Tibetischen Totenbuch um einen sogenannten „Terma“-Text handle. Darunter werden in der Schule der Nyingmapa, der ältesten Tradition des tibetischen Buddhismus, die sich direkt auf Padmasam­bhava zurückführt, Dokumente verstanden, die aufgrund äußerer Umstände in Höhlen, Mauerlöchern oder Felsspalten versteckt werden mussten und oft erst Jahrhunderte später durch bedeutende Lamas, sogenannte Tertön („Schatz-Lehrer“) gefunden wurden. Im Falle des Bardo Thödröl Chenmo war es der Lama und Tertön Karmalingpa (1326 – 1386), der den Text am Berg Gampodar entdeckt haben soll.

Der Inhalt

Das Bardo Thödröl Chenmo beginnt mit einer Huldigung und einer Einleitung, aus denen hervorgeht, dass die nun folgenden Anleitungen insbesondere für Menschen gedacht sind, die noch nicht über den nötigen Bewusstseinszustand verfügen, um sich ohne Anleitung aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zu befreien.

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Anmerkungen

1 Gekürztes Manuskript eines Vortrags, gehalten am 23.2.2013 bei der EZW-Fortbildung zum Thema „Das Ende ist mein Anfang. Jenseitsvorstellungen in neuen religiösen Bewegungen“ in Berlin.
2 Sogyal Rinpoche, Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben. Ein Schlüssel zum tiefen Verständnis von Leben und Tod, München 211998, 26.

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