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Materialdienst 6/2013
Horst-Dieter Mellies

Die Externsteine, ein mystischer Ort der Kraft?

„An der südwestlichen Gränze der Grafschaft Lippe zieht sich ein langes waldiges Gebirge hin ... An der nordöstlichen Seite gegen das flache Land zu, in der Nähe der Stadt Horn, am Ausgang eines Thales, stehen, abgesondert vom Gebirg, drey bis vier einzelne senkrecht in die Höhe strebende Felsen; ein Umstand der bei genannter Gebirgsart nicht selten ist. Ihre ausgezeichnete Merkwürdigkeit erregte von frühesten Zeiten Ehrfurcht; sie mochten dem heidnischen Gottesdienst gewidmet seyn und wurden sodann dem christlichen geweiht.“1 In diesem Zitat Johann Wolfgang von Goethes, das er vermutlich 1824 aufgeschrieben hat, spiegelt sich ein Grundproblem in der Beurteilung der Externsteine wider: Sind sie ein Kultort einer germanischen Religion, oder bekamen sie ihre spirituelle Bedeutung erst mit der Christianisierung? Leider haben diejenigen, die sich in ihrer germanischen Kulttheorie vermeintlich auf Goethe stützen, seiner ausgezeichneten theologischen Deutung der Kreuzesabnahme Christi wenig Aufmerksamkeit zugewendet. Diese steht deutlich im Zentrum seiner Ausführungen und nicht etwa mystische oder mythologische Spekulationen.

Schon seit Jahrhunderten wird um die Deutungshoheit über die Bedeutung der Externsteine gestritten. Grundsätzlich scheinen aber weder das Alter der Anlage noch eine frühe kultische Nutzung sicher belegbar. Auftrieb erhielt der Mythos um die eindrucksvolle Felsformation im Dritten Reich, als insbesondere Himmler ein hohes Interesse zeigte, eine germanische Kultstätte vorweisen zu können.

Ausgehend vom Goethe-Zitat wird immer wieder auf den germanischen Ursprung der Externsteine hingewiesen, der allerdings im Bereich der Archäologie höchst umstritten ist. Arbeiten von Uta Halle weisen darauf hin, dass eine kultische Nutzung erst ab dem 8. Jahrhundert belegbar ist.2 Einen weiteren Hinweis bietet die Datierung der Feuer­stellen auf das frühe Mittelalter.3 Diese Ergebnisse spiegelt auch die 2011 eröffnete Ausstellung des Landesverbandes Lippe an den Externsteinen wider.4 Es werden zwar Spuren menschlicher Besiedlung bis in die Steinzeit nachgewiesen, aber es sind keinerlei Hinweise auf eine kultische Nutzung auffindbar.

Bedeutung in der NS-Zeit und für die rechte Szene

Sowohl die neuheidnische als auch die rechte Szene streiten über die Bedeutung der Externsteine. Dabei kann die rechte Szene an verhängnisvolle Traditionen des letzten Jahrhunderts anknüpfen. In der Absicht, eine geschichtliche Kontinuität der arischen Rasse auch in einem transzendenten Sinn herzuleiten, wurden Versuche unternommen, an eine – wie auch immer abzuleitende – germanische Kultpraxis anzuknüpfen. Dazu brauchte man auch sichtbare Denkmäler und Kultorte. Dabei schien es und scheint es auch heute keine Rolle zu spielen, dass man wissenschaftlich nur schwer von „der“ germanischen Religion sprechen kann, sondern wohl vielmehr von „den Religionen“ sprechen muss.5

Neben anderen entwickelte insbesondere Heinrich Himmler ein hohes Interesse daran, einen Ort zu haben, an dem eine Kontinuität zu den germanischen Ahnen aufgezeigt wird. Die Externsteine und der Pfarrer Wilhelm Teudt (1860 – 1942) spielten dabei eine besondere Rolle. Teudts 1929 erschienenes Werk „Germanische Heiligtümer“6 verbreitete seine These, dass die Externsteine der Standort der Irminsul seien, des mythologischen Weltenbaums der Germanen in Form einer Stele. Die 1935 gegründete „Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte ‚Deutsches Ahnenerbe’“ wurde beauftragt, diese These durch archäologische Untersuchungen zu bestätigen. Das Referat „Ahnenerbe“ hatte als Aufgabe u. a. „die weltanschauliche Schulung [der SS] mit dem Endziel einer neuen ‚säkularisierten Religiosität’“.7 Damit wird deutlich, dass die Erforschung der Externsteine in dieser Zeit immer im Zeichen der ideologischen Vergewisserung stand.Die These, dass in den Externsteinen eine alte germanische, vorchristliche Kultstätte zu finden sei oder sie gar den Standort der Irminsul darstellen, ist allerdings nie verifiziert worden. Im Gegenteil: Die umfangreichen Grabungen in der NS-Zeit, zum Teil mit großen Opfern unter den Zwangsarbeitern verbunden, förderten – trotz großen propagandistischen Aufwands – keine belastbaren Beweise zutage. Die Grabungen und die Umarbeitungen der Landschaft um die Externsteine während der NS-Zeit prägen ihr Erscheinungsbild bis heute.8

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Anmerkungen

1 Johann Wolfgang von Goethe, Die Externsteine, in: Goethes Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand, Bd. 39, Stuttgart 1830, 304.
2 Siehe Uta Halle, „Der Reichsführer SS wird sich für positive Ergebnisse an den Externsteinen stark interessieren“. Die Mittelalterarchäologie im Spannungsfeld nationalsozialistischer Forschung und Propaganda, in: Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 12, 2001, 50-54. Vgl. auch Clemens Woda, Lumineszenz-Datierung an den Externsteinen, in: Licht in das Dunkel der Vergangenheit, Schriftenreihe der Schutzgemeinschaft Externsteine, Bd. 1, hg. von Robin Jähne u. a., Bielefeld 2007, 38.
3 Ebd., 123.
4 Infozentrum Externsteine, www.landesverband-lippe.de. (Die in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten wurden zuletzt am 29.4.2013 abgerufen.)
5 Vgl. Rudolf Simek, Götter und Kulte der Germanen, München 22006, bes. 9.6 Wilhelm Teudt, Germanische Heiligtümer. Beiträge zur Aufdeckung der Vorgeschichte, ausgehend von den Externsteinen, den Lippequellen und der Teutoburg, Jena 1931.
7 Michael Kater, Das „Ahnenerbe“ der SS 1935 – 1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, München 2006, 53.
8 Vgl. zur Geschichte der Grabungen während der NS-Zeit: R. Schwarzenberg, Braune Wallfahrtsorte, http://eisberg.blogsport.de/2007/05/28/braune-wallfahrtsorte-die-externsteine-bei-paderborn.

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