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Materialdienst 6/2013
Psychologie / Psychotherapie

Epidemische Ausbreitung psychischer Erkrankungen?

In diesen Tagen erscheint die fünfte Überarbeitung des Diagnoseschlüssels für psychische Erkrankungen DSM-5, der seit 1952 in unregelmäßigen Abständen von der weltweit größten Psychiatervereinigung, der American Psychiatric Association, herausgegeben wird. Das aus den USA stammende Standardwerk ist richtungsweisend, weil es die Grundlage des in Europa gültigen Klassifikationssystems ICD bildet, das von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben wird.

Schon im Vorfeld hat es massive Kritik an der neuen Fassung gegeben, und einige neue Bücher mit dem Tenor „Psychotherapeuten erfinden immer neue Krankheiten und leisten immer weniger Hilfe“ sind erschienen. Während die alte Version 182 verschiedene Krankheitsdiagnosen unterscheidet, beschreibt das neue DSM-5 fast 300 Störungen. Einer Studie zufolge erfüllen heute schon über 80 Prozent der jungen Erwachsenen die Kriterien für eine psychische Störung.

In Frankreich wurde vor zwei Jahren die Kampagne „Stop DSM“ ins Leben gerufen. Dahinter stehen engagierte Psychiater und Psychologen mit der Überzeugung, dass der Geist des DSM auch in Europa zu mächtig werde. Damit meinen sie die Tendenz, psychische Erkrankungen vorschnell zu diagnostizieren, vermehrt biologisch zu erklären und damit auch vorrangig medikamentös behandeln zu wollen – ganz im Interesse der mächtigen Pharmaindustrie. So werde einem schlecht gelaunten, reizbaren Kind eine „disruptive Launenfehlregulationsstörung“ (DMDD) attestiert, und eine pubertär bedingte Schüchternheit werde zu einer „sozialen Phobie“.

In einer Stellungnahme (Nr. 5/2013) hat der größte deutsche Psychiater-Fachverband, die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) davor gewarnt, die Zahl der Krankheitsdiagnosen durch die Hinzunahme leichter Störungen – für die es auch gar keine Behandlungen gebe! – zu erhöhen. Es finde eine unzulässige Pathologisierung statt, wenn eine normale und wichtige Trauerreaktion oder altersbedingte Leistungseinschränkungen als Krankheiten eingeschätzt würden. Krankheitskonzepte seien nur dann auszuweiten, wenn sie wissenschaftlich begründet seien und es möglichst auch neue Therapien zur Behandlung gebe.

Die wissenschaftliche Begründung von Krankheiten ist auch deshalb wichtig, weil auf dem Markt esoterischer Lebenshilfe Krankheiten höchst spekulativ – etwa durch karmische Hypotheken aus angeblich früheren Leben – begründet werden.

Die Pathologisierung normaler Entwicklungsstadien und eine einseitig biologisch-funktionale Sichtweise der Seele haben zur Folge, dass vorhandene Widerstandskräfte und soziale Ressourcen weder entwickelt noch gestärkt werden. Außerdem wird dabei übersehen, welche entwicklungsförderlichen Impulse häufig durch Krisen ausgelöst werden. Schon vor zwei Jahren hat ein führender deutscher Medizinethiker auf diese Gefahren und die ethischen Grenzen einer Industrialisierung des Heilens hingewiesen, die von dem Irrglauben der Machbarkeit, Objektivierbarkeit und Berechenbarkeit von Therapie ausgehe (Giovanni Maio, in: Psychotherapeutenjournal 2/2011, 132-138). Das gegenwärtig vorherrschende Machbarkeitsdenken kann durch die Würdigung des Scheiterns korrigiert werden – eine zutiefst menschliche (und christliche) Lebensoption.

Michael Utsch

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