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Materialdienst 4/2013
Matthias Petzoldt

Naturalistischer Szientismus und religiöse Indifferenz

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Auf dem Hintergrund der aus den Naturwissenschaften, speziell aus der Biologie stammenden Evolutionstheorie erhebt heute ein naturalistischer Szientismus den Anspruch einer Weltanschauung, die alles erklären kann. So erleben wir in der Gegenwart etwas Ähnliches wie den Monismus2 vor hundert Jahren. Mit diesem geschichtlichen Vergleich sei zunächst darauf aufmerksam gemacht, dass der Atheismus, der sich heutzutage als ein neuer in Szene setzt, gar nicht so neu ist.3

Atheistischer Bekenntnisfanatismus

In der Sache ist an jenem modernen Monismus des gegenwärtigen Atheismus unter anderem Folgendes zu beklagen:

• Die Sinnfrage wird naturalistisch wegdiskutiert. Richard Dawkins spottet: „Einem langweiligen Klischee zufolge ... beschäftigt sich die Naturwissenschaft mit Fragen nach dem Wie, während nur die Theologie die Voraussetzungen mitbringt, Fragen nach dem Warum zu beantworten. Was um alles in der Welt ist eine Frage nach dem Warum? Nicht jeder Satz, der mit dem Wort ‚Warum’ beginnt, ist eine legitime Frage. Warum sind Einhörner innen hohl? Manche Fragen verdienen einfach keine Antwort.“4 „Warum sollen wir als Naturwissenschaftler keine Kommentare über Gott abgeben? Und warum ist Russells Teekanne oder das fliegende Spaghettimonster nicht ebenso immun gegenüber naturwissenschaftlicher Skepsis?“5

• Zu beklagen ist weiterhin die Wissenschaftsgläubigkeit dieses sich naturwissenschaftlich ausgebenden Atheismus, die die Erkenntnisgrenzen verkennt, denen die Wissenschaften (hier: die Naturwissenschaften) durch ihren je spezifischen Zugriff auf den Untersuchungsgegenstand unterliegen – eine Wissenschaftsgläubigkeit, die zu einem „Wissenschaftswahn“ führt, wie ihn z. B. jüngst Rupert Sheldrake mit seinem gleichnamigen Buch kritisiert.6

• Vor allem ist der Bekenntnisfanatismus anzusprechen, mit dem diese Wissenschaftsgläubigkeit öffentlich vertreten und gar missionarisch verbreitet wird. Mit dieser Bemerkung will ich freilich nicht das Phänomen kritisieren, dass Weltanschauungen wie Religionen bekenntnismäßig auftreten. Nur ist an dieser Stelle die Problematik festzuhalten, dass Vertreter von Wissenschaften diese als Weltanschauung ausgeben. Auch will meine Bemerkung nichts an Bekenntnissen als solchen kritisieren. Wir wissen aus der Erfahrung christlicher Glaubenstradition nur zu gut, dass zum Glauben notwendig das Bekennen gehört. Im Bekenntnis denkt der christliche Glaube auf seinen Reflexionsebenen nach, was ihn von den anderen Weltanschauungen und Religionen unterscheidet. Dabei gewinnt er bekennende Klarheit über seine spezifische Eigenart als Christusglaube. Somit führt das Bekenntnis den christlichen Glauben auf seinen Reflexionsebenen gerade zu der Einsicht, dass er sich neben anderen Religionen und Weltanschauungen vorfindet und dass er sich angesichts dieser Pluralität seiner spezifischen Eigenheit bewusst ist und sich so auch zu erkennen gibt. Ein Pluralitätsbewusstsein gehört also zum Bekennen des christlichen Glaubens! Allerdings muss eingeräumt werden, dass seit der Konstantinschen Ära und besonders mit dem mittelalterlichen Einheitsdenken dieses Pluralitätsbewusstsein über Jahrhunderte hinweg verkümmert war; mit der Neuzeit ist es aber wieder zum Durchbruch gelangt. Schon der Monismus vor hundert Jahren war ein Rückfall in altes Einheitsdenken. Und der neue Atheismus mit seinem Bekenntnisfanatismus fällt auf seine Weise hinter die kulturelle Errungenschaft des Pluralismus zurück. Auf diesen geschichtlichen Zusammenhang gilt es hier aufmerksam zu machen. Nicht nur werden naturwissenschaftliche Hypothesen zu einer Weltanschauung ideologisiert, sondern diese noch zur alternativlosen Weltanschauung monopolisiert. Neben ihr können andere Sichtweisen nicht geduldet werden. Wer heute noch an Gott glaubt, leide unter einer Art psychotischem Wahn, so der Tenor von Dawkins Buch.7 Anliegen seines Buches ist es daher, seine Leser „zu bekehren“.8 Solcher Bekenntnisfanatismus schließt den Dialog mit religiösen Sichtweisen aus und zielt nur noch darauf ab, Religionen insgesamt aus der Öffentlichkeit zum Verschwinden zu bringen.

Zu jener vorpluralistischen Denkweise gehört, dass sich solche Ideologien die politische Einheit einer Gesellschaft nur unter der Integrationskraft einer einheitlichen Weltanschauung bzw. Religion vorstellen können. Insofern kommt an dieser Stelle auch die Machtfrage ins Spiel.

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Anmerkungen

1 Gekürzte Fassung eines Vortrags vor dem Arbeitskreis für interkonfessionelle Fragen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau am 30.11.2012 in Frankfurt am Main.
2 Auf Initiative Ernst Haeckels wurde 1906 der Deutsche Monistenbund gegründet, der in seinem Gründungsaufruf erklärte, im Sinne von Tausenden und Abertausenden „nach einer neuen, auf naturwissenschaftlicher Grundlage ruhenden einheitlichen Weltanschauung“ zu suchen.
3 Schon Ernst Haeckel und ähnlich der Chemiker Wilhelm Ostwald, der von 1911 bis 1915 Vorsitzender des Deutschen Monistenbundes war, spekulierten über eine sozialdarwinistische Ausweitung der biologischen Evolutionstheorie auf die Bereiche von Kultur und Gesellschaft. Heutzutage suchen Richard Dawkins und Daniel Dennett mit einer Mem-Theorie das Paradigma Evolution als Erklärungsmuster auf Kultur und Gesellschaft zu übertragen. Und wenn in der Gegenwart Neurowissenschaftler wie Daniel Dennett, Patricia Churchland, Gerhard Roth und Wolf Singer die Wirklichkeit des Geistes auf Gehirnaktivitäten zu reduzieren suchen, so haben auch solche Erklärungsversuche schon ihre Vorläufer etwa in Haeckels Bemühen, die Assoziationsgebiete der Großhirnrinde als die eigentlichen Geistesorgane hinzustellen. Gemeinsam ist den Mitgliedern des einstigen Monistenbundes wie den Vertretern des neuen Atheismus, die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse mit der Aura einer Weltanschauung zu umgeben. In dem Ausmaß, in dem diese Verklärung auch religiöse Züge annehmen kann, unterscheidet sich vielleicht der neue Atheismus von dem einstigen Monismus. Bei Ernst Haeckel laufen die Ausführungen seiner „Welträtsel“ noch auf „theologische“ Erörterungen über eine „monistische Religion“ hinaus. Dort wurde der Kampf einer Naturreligion gegen eine Kirchenreligion ausgetragen. Wenn das „Manifest des evolutionären Humanismus“ (2006) der Giordano-Bruno-Stiftung mit „Zehn Angebote[n] des evolutionären Humanismus“ endet, ist dies eher als ein Spiel mit religiösen Versatzstücken zu werten.
4 Richard Dawkins, Der Gotteswahn, Berlin 92007, 81.
5 Ebd., 79. – Vgl. auch den Kampf des Biologen Ulrich Kutschera gegen die Geisteswissenschaften.
6 Rupert Sheldrake, Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat, München 2012.
7 Dawkins, Der Gotteswahn, a.a.O., vgl. bes. 17f.8 Ebd., 160.

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