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Materialdienst 4/2013
Friedmann Eißler

Streitfall islamische Theologie in Deutschland

Mouhanad Khorchides Buch "Islam ist Barmherzigkeit" und die Folgen

Vertreter islamischer Organisationen in Deutschland haben Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster, scharf kritisiert und unter anderem öffentlich aufgefordert, Reue (arab. tauba) für seine Thesen zu zeigen „und sich wie ein Muslim zu verhalten“. Das musste und sollte wohl auch so verstanden werden, dass Khorchide sich bisher in seiner Funktion als Universitätslehrer für angehende islamische Theologinnen und Theologen nicht als Muslim verhalten habe. Was steht hinter diesem schwerwiegenden Vorwurf und wie ist er einzuordnen? Dazu der Reihe nach:

„Islam ist Barmherzigkeit“

Im Herbst 2012 erschien Khorchides Buch „Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion“ im Herder-Verlag. Es enthält ein leidenschaftliches Plädoyer für ein Islamverständnis, das die „Botschaft der Barmherzigkeit, die von einem absolut barmherzigen Gott ausgeht“, in den Mittelpunkt stellt (27; Seitenangaben beziehen sich auch im Folgenden auf dieses Buch). Die Beziehung zwischen Gott und Mensch soll nicht auf Angst und Gehorsam gründen, sondern wie die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind auf Liebe und Respekt.

Der Autor wurde als Sohn palästinensischer Flüchtlinge in Beirut geboren, wuchs in Saudi-Arabien auf und studierte in Österreich Soziologie sowie in Beirut islamische Theologie (am Al Imam Al Ouzai College for Islamic Studies). Seine Dissertation zur Situation des islamischen Religionsunterrichts in Österreich (Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft, 20091) hatte schon für Aufregung gesorgt und ihn den Job in der Islamlehrerausbildung an der Wiener Islamischen Religionspädagogischen Akademie gekostet (IRPA, seit 2007 „Privater Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen“). 2010 wurde er nach Münster berufen, wo er einem der vier vom Bund geförderten islamisch-theologischen Zentren vorsteht.

Die neue Theologie in Khorchides Buch

Das neue Buch setzt in der Tat neue Impulse. Es ist ein reformorientierter, fast schon revolutionärer Ansatz, der vieles in Frage stellt, was vielen Muslimen bislang als unumstößlich erschien. Khorchide erklärt in der Einleitung, wie er persönlich dazu kam, das Bild eines Macht demonstrierenden, Angst einflößenden und Gehorsam fordernden Gottes zu hinterfragen und schließlich abzulehnen, um demgegenüber eine islamische Theologie der Barmherzigkeit zu formulieren. Das dogmatisch enge und ausgrenzende Glaubensverständnis, das ihm in Saudi-Arabien begegnet war, schien ihm das Wesen des Korans und Gottes selbst zu verfehlen. Nicht an der Frage der Pflichterfüllung von Regeln, nicht an einer äußerlich-formalen Zugehörigkeit „Muslim ja oder nein“ könne sich eine wahre Gottesbeziehung entscheiden, sondern am lebendigen Gegenüber zu Gott, an menschlichen Werten, an Handlungen und Haltungen, an der Liebe zwischen Gott und Mensch.

Dies bedeutet, dass es einen „Islam“ bzw. ein „Muslimsein“ gibt, das unabhängig von den religiösen Formen und Pflichten der konkreten Religion Islam Wirklichkeit ist, nämlich als „Annahme von Gottes Liebe und Barmherzigkeit und deren Verwirklichung im Handeln, sowohl gegenüber den Mitmenschen als auch gegenüber Gottes Schöpfung“ (87).2 Und dies ganz in Übereinstimmung mit dem Koran, der Noah, Abraham, ja die Jünger Jesu und andere als „Muslime“ bezeichnen kann, natürlich ohne dass sie dem Islam im dogmatischen Verständnis angehören konnten. Doch Khorchide zieht die Linien weiter aus, und das wird für Missverständnisse sorgen und die Kritiker auf den Plan rufen. Denn Muslim ist nicht nur „jeder, der Ja zu Gottes Liebe und Barmherzigkeit sagt“, wie die Überschrift des Kapitels heißt (85). Vielmehr „ist jeder, der sich zu Liebe und Barmherzigkeit bekennt und dies durch sein Handeln bezeugt, ein Muslim, auch wenn er nicht an Gott glaubt, denn Gott geht es nicht um die Überschriften ‚gläubig’ oder ‚nichtgläubig’“ (88).3 Kriterium für Glaube bzw. Unglaube (kufr) eines Menschen ist nicht die Zugehörigkeit zu einer Religion, sondern die Annahme oder Ablehnung der Einladung Gottes zu Liebe und Barmherzigkeit (90). Khorchide wird sich rechtfertigen, dass er auf die Vorstellung der angeborenen fitra rekurriere, der gemäß jeder Mensch die natürliche Anlage, gleichsam das Potenzial zur Ausrichtung seines Lebens auf Gott hin habe (Sure 30,30; 7,172). Diese könne auch dann zur Geltung kommen, wenn ein Mensch ein verzerrtes Bild von Gott habe und nichts vom Islam (als Glaubensbekenntnis) wisse.

So weit mag die Argumentation für traditionell denkende Muslime schon gewagt, aber noch nachvollziehbar sein. Doch klar ist auch: Khorchide bleibt nicht in den Bahnen der traditionellen Theologien.

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Anmerkungen

1 Mouhanad Khorchide, Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft. Einstellungen der islamischen ReligionslehrerInnen an öffentlichen Schulen, Wiesbaden 2009.
2 Mit Hans Küng gesprochen handelt es sich um den „islam, sozusagen klein geschrieben“ (H. Küng, Der Islam. Geschichte, Gegenwart, Zukunft, München 2004, 114).
3 Der Text fährt fort: „Gott sucht nach Menschen, durch die er seine Intention, Liebe und Barmherzigkeit, verwirklichen kann; Menschen, die bereit sind, seine Angebote anzunehmen und zu verwirklichen. Und umgekehrt ist jeder, der meint, an Gott zu glauben, jedoch Liebe und Barmherzigkeit nicht durch sein Handeln bezeugt, kein Muslim. So sagte der Prophet Muhammad: ...“ (88)

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