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Materialdienst 4/2013
Fundamentalismus

Verband Evangelischer Bekenntnisschulen legt sich auf den Kreationismus fest

Mit Datum vom November 2012 publizierte der Verband Evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS) eine dreiseitige Empfehlung an seine rund 45 Mitgliedsschulen, sich im Religions- und Naturwissenschaftsunterricht an der Position der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“ zu orientieren. Verfasser ist der langjährige Geschäftsführer der Studiengemeinschaft, Reinhard Junker (Evolution und Schöpfungslehre an christlichen Bekenntnisschulen, www.vebs-online.com).

Damit legt sich der VEBS, anders als die evangelikale Bewegung mit ihrer inneren Vielfalt, auf die Theologie und Wissenschaftskritik des US-Fundamentalismus fest. Weder die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) noch der Gnadauer Verband, als Dachverband des Pietismus, noch die Evangelische Allianz empfehlen eine solche Festlegung. Auch der VEBS will nicht „fundamentalistisch“ sein. Daher schlägt er zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema das kurze Taschenbuch von Thomas Schirrmacher vor: „Fundamentalismus – Wenn Religion zur Gefahr wird“ (2010). Schirrmacher, der wichtige Funktionen in der Evangelischen Allianz bekleidet, definiert allerdings den US-Fundamentalismus einschließlich des Kreationismus aus diesem Begriff hinaus: „Man sollte nämlich meines Erachtens nur von Fundamentalismus sprechen, wenn Gewalt im Spiel ist oder eine echte Gefahr für die innere Sicherheit besteht“ (www.bucer.de/uploads/tx_org/gudh-005.pdf). Damit stellt er sich gegen den Erkenntnisbestand von Religionssoziologie und Theologie und macht den Fundamentalismusbegriff unbrauchbar. Denn Gewalt im Namen der Religion gab es schon immer, ein spezieller Begriff ist dafür nicht erforderlich. Fundamentalismus wird demgegenüber wissenschaftlich als eine mögliche Erscheinungsform des Verhältnisses von Religion und Modernität angesehen und entsprechend analysiert. Zentrales Thema dabei ist – wenn es um den protestantischen US-Fundamentalismus geht – das fundamentalistische Bibelverständnis mit seinen moralischen und politischen Konsequenzen. Schirrmacher betrachtet diesen Punkt jedoch nur historisch als zum Fundamentalismus gehörig. Auch der Text von Reinhard Junker legt nicht offen, dass es bei seiner Wissenschaftskritik um die Rechtfertigung eines fundamentalistischen Bibelverständnisses geht. „Wort und Wissen“ nutzt dafür seit Jahrzehnten eine indirekte Argumentation, die den Eindruck erweckt, man könne die naturwissenschaftlichen Evolutionstheorien aus methodischen und philosophischen Gründen ablehnen, ohne theologische Gründe heranzuziehen und ohne wissenschaftsfeindlich zu sein. Dabei wird die argumentative Weichenstellung zum Kreationismus (scientific creationism) hinter Halbwahrheiten und Irrtümern verborgen. Diese Weichenstellungen sind für Schülerinnen und Schüler, sowie für die meisten Lehrkräfte, nicht leicht zu durchschauen.

Einige Beispiele:

• Beim Thema „Schöpfung und Evolution“ geht es um Fragen des Ursprungs, die nicht experimentell untersucht werden können. Die Naturwissenschaft hat hier die Rolle des Indizienlieferanten. Indizien sind in der Regel aber nicht eindeutig. Eine Offenheit für verschiedene Deutungen ist daher gefordert.“ Es soll begründet werden, dass „historische“ Theorien, insbesondere Ursprungstheorien, weniger verlässlich seien als „aktualistische“ Theorien. Die Verlässlichkeit naturwissenschaftlicher Theorien hängt jedoch davon ab, ob und in welchem Maß sie durch „beschreibendes Wissen“ geprüft werden können; Experimente sind nur ein Weg, solches Wissen zu gewinnen. Zahlreiche Theorien, an denen kein vernünftiger Mensch zweifelt, beruhen nicht oder wenig auf Experimenten: Die geologische Theorie der Kontinentaldrift, die kosmologischen Theorien der Astrophysik, meteorologische Theorien usw. Eine Offenheit für verschiedene Deutungen ist in der Naturwissenschaft immer gefordert, nicht nur bei Ursprungstheorien. Allerdings müssen diese Deutungen auch tatsächlich das vorhandene Wissen deuten. Wenn sie dazu nicht imstande sind, können sie keine „Offenheit“ einfordern. Das obige Zitat geht folgendermaßen weiter:

• „Die Zuordnung naturwissenschaftlich begründeter Theorien ... und biblischer Aussagen zum Thema ... baut darauf auf. Dann kann festgestellt werden, wo es Harmonisierungsmöglichkeiten von naturwissenschaftlichen Daten und biblisch begründeten Aussagen gibt, und wo Widersprüche auftreten.“ Hier wird die zentrale Frage, ob „naturwissenschaftliche Daten“ und „biblisch begründete Aussagen“ überhaupt auf einer Ebene liegen, vorab und ohne Diskussion im Sinne des Kreationismus beantwortet. Der Unterschied ist aus der Sicht Junkers ein methodischer; während Theologie und Wissenschaftstheorie übereinstimmend von einem kategorialen Unterschied ausgehen. Damit wird die entscheidende Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Glaube den Schülern und Lehrkräften nicht erläutert und nicht zur eigenen Entscheidung vorgelegt.

• „Ungelöste Fragen werden angesprochen, ebenso die Vorläufigkeit der Ergebnisse und der darauf aufgebauten Theorien. Eine unideologische Herangehensweise wird diese beiden Aspekte nicht verschweigen und ihre Thematisierung nicht unterdrücken. Entsprechend dem Charakter naturwissenschaftlicher Aussagen wird „Evolution der Lebewesen“ als Gesamtkonzept nicht als unumstößliche Wahrheit vermittelt. Alternative Herangehensweisen, die von einer Schöpfung ausgehen, werden angesprochen.“ In der Naturwissenschaft gibt es keine unumstößliche Wahrheit, weder in der Biologie noch anderswo. Das bedeutet bekanntlich nicht, dass sich jede Spekulation als Alternative darstellen darf. „Alternative Herangehensweisen“ müssen in der Naturwissenschaft alternative Erklärungen für den Datenbestand liefern können. Die „Schöpfungswissenschaft“ kann das nicht, sie produziert eine Ansammlung innerer und äußerer Widersprüche. „Wort und Wissen“ behauptet jedoch das Gegenteil:

• „Übernatürliche Schöpfung ist Ausgangspunkt für die Deutung naturwissenschaftlicher Daten. Die wissenschaftlichen Daten, die durch Schöpfung gedeutet werden, sind dieselben wie die Daten, die durch Evolution gedeutet werden.“ Man muss hier genau hinhören: „Wort und Wissen“ beansprucht, auf der Grundlage biblischer Schöpfungsberichte Deutungen beschreibenden Wissens (also naturwissenschaftliche Hypothesen und Theorien) zu haben, die mit den schulmäßigen Theorien konkurrieren könnten. Dafür gibt es kein einziges Beispiel, jedoch zahlreiche Gegenbeispiele falscher und gescheiterter Erklärungsversuche. Dass darüber hinaus oft ein Missbrauch biblischer Texte vorliegt, wenn man wissenschaftliche Daten „durch Schöpfung“ zu deuten versucht, wurde bereits gesagt. Alles, was die „Schöpfungswissenschaft“ damit produziert, ist Detailkritik an Einzeltheorien, die sich bei näherer Betrachtung als haltlos herausstellt, sowie eine Fülle von Widersprüchen mit der Naturwissenschaft. Dennoch weist „Wort und Wissen“ den Vorwurf der Wissenschaftsfeindlichkeit von sich. So wird Kritikern des Kreationismus unterstellt, sie würden fordern, dass „Evolution als Wahrheit geglaubt wird“. Außerdem werde „eine Wissenschaftsfeindlichkeit von Evolutionskritikern und Befürwortern der biblischen Schöpfungslehre behauptet“. Die erste Unterstellung ist pure Polemik, die zweite trifft zu: Kreationisten werden mit Recht als wissenschaftsfeindlich betrachtet. „Wort und Wissen“ erweckt zwar den Eindruck, man habe berechtigte Zweifel an der Evolutionstheorie, aber sonst kein Problem mit der Naturwissenschaft. In Wirklichkeit ist der „wissenschaftliche Kreationismus“ nicht nur mit der Biologie unvereinbar, sondern ebenso mit Geologie, Astrophysik und Kernphysik, von Paläontologie, Archäologie usw. ganz zu schweigen. Vom imposanten Gebäude der modernen Naturwissenschaft lässt der Kreationismus nur eine Ruine übrig. Und mit der wissenschaftlichen Theologie liegt er ebenso im Streit wie mit der Wissenschaftstheorie.

Dass sich der VEBS auf den Kreationismus als Inhalt und Lernziel festlegt, ist von großer kirchenpolitischer Bedeutung. Da in der Öffentlichkeit nicht zwischen dem VEBS und den zahlreichen evangelischen Schulen in kirchlicher und diakonischer Trägerschaft unterschieden wird, entsteht dem gesamten evangelischen Schulwesen ein Schaden. Es wird dem Arbeitskreis Evangelischer Schulen kaum etwas anderes übrigbleiben, als sich mit dem Kurs des VEBS zu befassen – dies umso mehr, weil sich der Verband auf die gesamte Geschichte des evangelischen Schulwesens seit August Hermann Francke beruft und im Internet von „30.000 Schülerinnen und Schülern an 168 Schulen seit 39 Jahren“ spricht. Was diese Zahl zu bedeuten hat, ist allerdings unklar, da maximal 90 Schulen nach den Grundsätzen des VEBS unterrichten. Auch pädagogisch ist zu fragen, was es für intelligente Schülerinnen und Schüler bedeutet, wenn ihnen die Position von „Wort und Wissen“ vermittelt wird. Sie werden entweder darauf verzichten müssen, einen sinnvollen Zugang zur Wissenschaft zu finden bzw. selbst Naturwissenschaftler zu werden; oder sie werden später den Schluss ziehen müssen, dass der christliche Glaube obskurantistisch ist und nicht ernst genommen werden kann. Damit manövriert man intelligente und gläubige junge Menschen in einen ebenso unnötigen wie belastenden Zwiespalt. 

Hansjörg Hemminger, Stuttgart

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