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Materialdienst 3/2013
Dennis Koselowsky

Die islamische "Zeitehe"

Religiös legitimierte Prostitution, Erniedrigung der Frau - oder zeitgemäße Wahrung ihrer Unabhängigkeit?

Im Juni 2012 kam der Film „Im Bazar der Geschlechter“ der iranisch-österreichischen Regisseurin Sudabeh Mortezai auf DVD heraus.1 Er thematisiert die sogenannte Zeitehe, eine bestimmte Form der Ehe, wie sie hauptsächlich von Schiiten praktiziert wird.2 Was hat es mit dieser „Zeitehe“ auf sich?

Mit Sigheh (pers.) bzw. Mut’a (arab.) wird eine Ehe auf Zeit bezeichnet, deren Vorläufer man bei den vorislamischen Arabern und Beduinen, gelegentlich auch bei den Zoroastriern annimmt.3 In der Umgangssprache wird im Iran meist der Ausdruck Sigheh gebraucht und bezieht sich dabei auf den Vertragscharakter dieser Ehe. Die Zeitehefrau wird ebenfalls Sigheh genannt. Im Folgenden wird der bekanntere Begriff Mut’a verwendet, der in Anspielung auf den Koran, Sure 4,24, die „Genussehe“ bezeichnet (nikah al-mut’a)4. Dieser Koranvers dient als Grundlage für die religiöse Legitimation der Institution der Mut’a bei den Schiiten, die sie mithin als Teil der islamischen Lehre betrachten: „... Erlaubt ist euch, was darüber hinausgeht, (nämlich) dass ihr mit eurem Besitz (Frauen) begehrt zur Ehe und nicht zur Hurerei (Frauen). Welche von ihnen ihr dann genossen habt, denen gebt ihren Lohn als Pflichtteil. Es liegt aber keine Sünde für euch darin, dass ihr, nachdem der Pflichtteil (festgelegt) ist, (darüber hinausgehend) euch miteinander einigt.“

Verbreitung der Zeitehe

Die Zeitehe findet aktuell fast ausschließlich in der schiitischen Glaubensrichtung des Islam Anwendung. Die größte Verbreitung hat sie daher im Iran, ist aber auch im Irak und im Libanon zu finden. Die (schiitischen) Zaiditen des Jemen lehnen sie allerdings ab. Zuspruch fand sie dagegen auch unter Nichtmuslimen: In Reiseberichten aus dem 19. Jahrhundert über den Iran ist von (christlichen) Ausländern die Rede, die Zeitehen mit Armenierinnen schlossen. Im Irak, wo die Zeitehe unter Saddam Hussein verboten war, erlebte sie mit der US-Invasion seit circa 2003 einen Aufschwung. Zahlreiche mittellose Kriegswitwen wählen die Mut’a, um sich finanziell abzusichern. Man kann auf diesem Gebiet einen steigenden iranischen Einfluss im Irak erkennen.5

Der Großajatollah Iraks, Seyyid Ali al-Sistani, legitimiert die Zeitehe und bezieht auch auf seiner offiziellen Internetseite Stellung.6 Ihm zufolge ist u. a. auch eine Zeitehe mit einer Frau der Leute des Buches (Christen, Juden) möglich, wenn der muslimische Mann nicht schon mit einer muslimischen Frau verheiratet ist. Diese Frage stellt sich v. a. für Muslime, die in hauptsächlich christlichen Ländern leben und eine religiös legitime Kurzbeziehung eingehen wollen. Eine schon verheiratete Christin darf jedoch erst nach ihrer Scheidung geheiratet werden.

Im Libanon erfährt die Zeitehe seit dem zweiten Libanonkrieg 2006 einen Aufschwung und breitet sich in den südlichen Bezirken Beiruts und im Südlibanon aus. Damals musste die Hizbollah eine ausufernde Prostitution eindämmen und fand in der Institution der Zeitehe ein geeignetes Mittel. Die Hizbollah nutzt sie außerdem, um Kontrolle und Unterstützung für ihr Anliegen zu sichern und auch um neue Mitglieder zu gewinnen, indem sie die sexuellen Bedürfnisse ihrer Anhänger auf eine islamisch legitimierte Grundlage stellt. Auch im Libanon hält eine schwierige wirtschaftliche Situation junge Schiiten von einer Dauerehe ab, da sie mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden ist. Die Zeitehe erfüllt ebenso ihren Zweck, und z. T. wird die Erfüllung des sexuellen Begehrens als religiöse Pflicht gesehen. Witwen, deren Männer als Märtyrer gefeiert werden, da sie im Kampf gegen Israel gefallen sind, sollen gar ihren neuen Ehegatten eine erhöhte Belohnung im Himmel einbringen.7 Eine vermittelnde Position nimmt der schiitische Schriftsteller Ahmad al-Katib (Pseudonym) ein, der von einer Erlaubnis einer Zeitehe in Krisenzeiten ausgeht.8

Regularien der Zeitehe

Nach schiitischer Tradition kann ein Mann unendlich viele Zeitehen eingehen, sofern er die finanziellen Ressourcen dazu hat, und gleichzeitig eine Dauerehe führen. Eine Frau kann jedoch nur eine Zeitehe oder eine Dauerehe (nikah) eingehen, nicht jedoch beides gleichzeitig. Mitunter wissen die in einer Dauerehe lebenden Ehefrauen nichts von den Zeitehen, die ihr Mann nebenher führt. Das Bekanntwerden einer Zeitehe führt oft zu einer Scheidung bzw. Scheidungsanstrengung der Dauerehegattin.

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Anmerkungen

1 Im Bazar der Geschlechter (2009), Regisseurin: Sudabeh Mortezai, DVD, 87 Min., Österreich/Deutschland: W-Film.
2 Aufgrund seiner angeblich „sarkastischen Sichtweise gegenüber einem religiösen Thema“ ist der Film in Teheran verboten; vgl. S. Farshid Motahari, Kinofilm über umstrittene Zeitehe im Iran, in: Nassauische Neue Presse, www.fnp.de/nnp/nachrichten/kultur/kinofilm-ueber-umstrittene-zeitehe-im-iran_rmn01.c.9091036.de.html (6.2.2013).
3 Die Zeitehe im sasanidischen Recht – ein Vorläufer der schiitischen mut’a-Ehe in Iran?, in: Archäologische Mitteilungen aus Iran 18 (1985), 187-203.
4 Werner Ende, Ehe auf Zeit (mut´a) in der innerislamischen Diskussion der Gegenwart, in: Die Welt des Islams, New Series, Vol. 20, 1/2 (1980), 1-43.
5 Nancy Trejos, Temporary „Enjoyment Marriages“ in Vogue Again with Some Iraqis, 2007, www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/01/19/AR2007011901850.html (6.2.2013).
6 The Official Website of Grand Ayatollah al-Uzma Seyyid Ali al-Sistani, http://www.sistani.org/index.php?p=616687&id=1190 und www.sistani.org/index.php? p=251364&id=48&pid=2350 (9.3.2012).
7 Hanin Ghaddar, The Militarization of Sex, 2009, www.foreignpolicy.com/articles/2009/11/25/the_militarization_of_sex (6.2.2013).
8 Ahmad al-Katib, Sexual relationships for Muslims in the West: The problem and its different solutions, www.alkatib.co.uk/sexual%20problem.htm (6.2.2013).

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