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Materialdienst 3/2013
Anja Gundelach

Notizen zum Schamanismus

Ein spiritueller Weg der Verbindung zur Erde und zur geistigen Welt

Bewusstseinstechniken, die sich auf den Schamanismus berufen, werden heute auf dem Markt spiritueller Lebenshilfe häufig eingesetzt. Mittels Trance-Ritualen soll es möglich sein, einen veränderten Bewusstseinszustand herzustellen und sich auf eine Seelenreise in die Geisterwelt zu begeben. Von der Begegnung mit jenseitigen Wesen wird Rat und Hilfe zur Problembewältigung erwartet. Im Rahmen einer EZW-Fortbildungstagung für die Beratungsarbeit bei Weltanschauungsfragen im Februar 2012 stellte die Leiterin eines schamanischen Zentrums die Heilkraft schamanischer Rituale dar. Wir dokumentieren hier ihren Impulsvortrag. Informationen über die Hintergründe dieses Weltbilds sind im Stichwort „Schamanismus“ in MD 4/2012, 153-157, zu finden.


Ursprünge

Der Schamanismus ist schon mehr als 26000 Jahre alt. Er bildet den Beginn der menschlichen Suche nach Kontakt mit dem Göttlichen, noch vor der Ausbildung der großen monotheistischen Religionen wie Judentum, Islam und Christentum. Er stammt aus der Zeit der Jäger und Sammler, als für die Menschen die Verbindung zur Erde, zu den Tieren und Pflanzen und zu den Sternen unabdingbar war, um zu überleben. Feuer und Wasser, Wind und Sonne, all diese Elemente waren für die Menschen jener Zeit lebendige Kräfte, die verehrt und mit Gaben bedacht werden mussten. Der Mensch empfand sich noch nicht als Krone der Schöpfung, sondern als ein untergeordneter Teil im großen Kräftespiel des Universums.

Der Schamane war dabei der Vermittler zwischen der menschlichen und der geistigen Welt. Er kannte sich genau mit den Kräften der Natur aus, konnte aus ihnen seine Schlüsse ziehen und sie gegebenenfalls beeinflussen. Er konnte Wolken zusammenrufen, wenn es regnen sollte, oder sie zerstreuen, wenn eine ruhige See zum Fischen gebraucht wurde. Er sorgte für das Geschick seines Stammes auf der Erde und beim Tod Einzelner für den Übergang der Seelen in die himmlische Welt. Es gab – und gibt bis heute bei Naturvölkern wie z. B. den Huichol in Mexiko – Wetterschamanen und Wasserschamanen, Seelenführer, Propheten und weitere Spezialisierungen, je nach den Erfordernissen des Ortes. Der Schamane gab sein Wissen zu Lebzeiten an seine Tochter oder seinen Sohn weiter oder an ein Clanmitglied mit besonderen Begabungen.

Schon mit der Sesshaftigkeit des Menschen und der Entwicklung der Landwirtschaft ließ die enge Verbindung des Menschen mit der ihn umgebenden beseelten Natur nach. Im Zuge der sich spezialisierenden und diversifizierenden Gesellschaften verschmolz der Schamanismus nach und nach mit neuen Religionen, koexistierte mit ihnen oder wurde von ihnen verdrängt. In Europa kann man, glaube ich, sagen, dass in den 400 Jahren der Inquisition traditionelles, mündlich überliefertes Geheim- und Heilwissen nahezu ausgerottet wurde. In vielen traditionellen Kulturen in Amerika, Afrika und Asien sind Elemente des Schamanismus nach wie vor lebendig und werden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Je nach den örtlichen und kulturellen Gegebenheiten weisen sie sehr unterschiedliche Prägungen auf.

Neoschamanismus

Seitdem der Ethnologe Carlos Castañeda in den 1960er Jahren bei dem mexikanischen Schamanen Don Juan in die Lehre ging und mit seinen Büchern darüber weltberühmt wurde, haben sich viele Menschen aus den industrialisierten Ländern aufgemacht, um bei traditionellen Schamanen von Naturvölkern in aller Welt zu lernen, mit dem Ziel, schamanisches Wissen, vor allem Heilwissen, wiederzugewinnen und für unseren Kulturkreis zugänglich zu machen. Bei dieser Transposition von schamanischen Elementen von einer Kultur in eine andere wurde allerdings der Schamanismus, der auf einem völlig anderen Weltbild basiert, auf einige wenige Fragmente reduziert, die mit dem westlichen Lebensstil vereinbar sind.

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