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Materialdienst 3/2013
Islam (Ahmadiyya)

Neuer Campus für Ahmadiyya-Theologen

(Letzter Bericht: 7/2012, 263-265) Im hessischen Riedstadt nahe Darmstadt ist das „Institut für islamische Theologie und Sprachen“ der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) eingeweiht worden. Dass die Ahmadiyya-Bewegung eigene Imame ausbildet, ist nicht neu. Seit 1928 sind derartige Imam-Hochschulen unter der Bezeichnung Jamia Ahmadiyya (Ahmadiyya-Hochschule) weltweit bislang in gut einem Dutzend Länder eingerichtet worden, darunter Pakistan, Indien, Malaysia, Kanada, Ghana und Kenia, in Europa nur noch in Großbritannien.

Auch in Deutschland ist die Imamausbildung indessen nicht neu, der Startschuss für den Unterricht in den vorhandenen Räumlichkeiten der Frankfurter Ahmadiyya-Zentrale fiel schon 2008. Neu ist, dass die derzeit 80 Studenten jetzt einen neu erbauten Campus mit über 120 Studienplätzen und entsprechenden Unterkunftsmöglichkeiten im angeschlossenen Studentenwohnheim beziehen konnten.

Die „Jamia Ahmadiyya Deutschland“ mit der eingangs genannten Selbstbezeichnung wurde im Dezember 2012 im Beisein des Oberhaupts der Glaubensgemeinschaft, des fünften Khalifat-ul Masih Hazrat Mirza Masroor Ahmad (London), und unter öffentlicher Anteilnahme eröffnet. Es ist das erste Institut dieser Art, das ganz in Eigenregie eines islamischen Verbandes verantwortet und unterhalten wird. Die 5 Millionen Euro für den Neubau auf 7000 Quadratmetern neben der schon bestehenden Aziz-Moschee wurden komplett aus Spenden aus den eigenen Reihen aufgebracht, hieß es.

Die Studenten, in der Regel mit Abitur – nur Männer, da der Beruf des Vorbeters Männern vorbehalten ist –, durchlaufen hier eine intensive siebenjährige Ausbildung zu islamischen Theologen und Imamen. „Diese werden sowohl die Muslime in ihrem geistigen und gesellschaftlichen Leben betreuen, als auch der nicht-muslimischen Bevölkerung die friedvollen Lehren des Islam näher bringen“, so umschreibt die Internetseite die stark missionarische Ausrichtung der Ahmadiyya (www.ahmadiyya.de). Schwerpunkte des Studiums sind neben einem Praxisjahr Koran, Koranexegese, islamische Geschichte und Theologie, islamisches Recht, aber auch gesellschaftskundliche Aspekte und Sprachen (neben Englisch und Deutsch auch Arabisch und Urdu). Das Curriculum ist in allen Ahmadiyya Jamias gleich aufgebaut. Die zwölf Dozenten in Riedstadt kommen allesamt aus Pakistan und Indien. Auch die bisherigen Imame haben in diesen Ländern ihre Ausbildung erhalten. Das soll sich freilich mittelfristig ändern. Die Ahmadiyya will eine eigene theologische Elite ausbilden, die hier aufgewachsen und mit den Verhältnissen hierzulande vertraut ist.

Die islamtheologischen Zentren, die derzeit mit breiter staatlicher Unterstützung an Universitäten aufgebaut werden, sind für Ahmadis keine Alternative. Dazu sind die „konfessionellen“ Unterschiede zu groß. Einerseits werden Ahmadis bis heute von anderen Muslimen nicht als solche anerkannt und teilweise offen angefeindet. Andererseits werden die angehenden Ahmadiyya-Imame in dem speziell auf ihre Sonderlehren zugeschnittenen Studium intensiv mit den Schriften und Lehren des Gründers der Bewegung vertraut gemacht. Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908) aus Qadian hatte sich zum „Erneuerer“ und „Verheißenen Messias“ erklärt – für die muslimische Orthodoxie eine geradezu blasphemische Anmaßung. Eine Folge waren systematische Verfolgungen, vor der viele Ahmadis ins Ausland wichen – ein Grund für die weite Ausbreitung der Ahmadiyya in einer internationalen Diaspora. Eine andere Folge ist die relativ abgeschlossene Welt, in der die Jamia Ahmadiyya ihr eigengeprägtes konservatives Islamverständnis pflegt, das stark hierarchische, um nicht zu sagen autoritäre Züge trägt (vgl. auch das Stichwort „Ahmadiyya“ in MD 11/2011, 433-436).

Die Ahmadiyya stellt mit ihren ungefähr 30000 Anhängern (in Hessen sollen es ca. 15000 sein) eine kleine, aber wohlorganisierte Minderheit unter den rund 4,5 Millionen Muslimen in Deutschland. In Hessen gehört sie mit der DITIB (türkisch-islamische Union) zu den Ansprechpartnern des Staates, die ab dem nächsten Schuljahr islamischen Religionsunterricht anbieten sollen.

Friedmann Eißler

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