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Materialdienst 3/2013
Scientology

Quo vadis, Scientology?

(Letzter Bericht: 10/2012, 376-381) Was wir in den letzten Jahren von Scientology zu hören bekommen, ist durchaus geeignet, Verwirrung zu stiften! Versteht sich der umstrittene Psychokonzern selbst als „am schnellsten wachsende Religion der Welt“ und versucht, diese Sicht nach Kräften zu verbreiten, sprechen die Zahlen eine andere Sprache. So gehen die Mitgliederzahlen in Deutschland nach Schätzungen des Verfassungsschutzes stetig zurück. Von noch etwa 4000 Mitgliedern sei bei uns auszugehen, Tendenz fallend. Eine Ausnahme stellt Scientology in Nordrhein-Westfalen (NRW) dar. Im Zwischenbericht des Landesverfassungsschutzes 2009 wurden noch ca. 400 Mitglieder gezählt, der Bericht für 2011 nennt erstaunliche 600 Mitglieder, ein Anstieg von immerhin gut 50 Prozent in zwei Jahren in diesem Bundesland. Zurzeit stagnieren die Zahlen offenbar auf dem genannten Niveau. Solche widersprüchlichen Zahlen und Tendenzen sind erklärungsbedürftig.

Festzuhalten ist zunächst, dass zurzeit die Zahl der Scientology-Mitglieder in Deutschland insgesamt abnimmt, vermutlich von einem vergleichsweise hohen Niveau aus auch in den USA.

Hierbei spielt sicher die massive Kritik prominenter Aussteiger wie die des Oscar-Preisträgers Paul Haggis oder ehemaliger hoher Funktionäre wie Marty Rathbun in den USA eine große Rolle, die Scientology inzwischen weltweit unter Druck setzt. Die Kritik wurde noch verstärkt durch Aktivitäten der Gruppe Anonymous, die unter anderem auch in Düsseldorf regelmäßig öffentlich gegen Scientology protestierte. In diesen Tagen hat der renommierte Journalist Lawrence Wright sein Scientology-kritisches Buch „Going clear: Scientology, Hollywood and the Prison of Belief“ veröffentlicht, das Scientology schon im Vorfeld juristisch zu behindern versucht hatte, weil erneut negative Schlagzeilen zu befürchten waren. Hinzu kommt in Deutschland eine seit Jahrzehnten solide Aufklärungsarbeit über Scientology, unter anderem durch die beiden großen Kirchen. Seit der Beobachtung Scientologys als extremistischer und mutmaßlich verfassungsfeindlicher Organisation durch die Verfassungsschutzbehörden 1997 ist der Druck in Deutschland noch größer geworden. Scientology versucht seither besonders durch seinen Pressesprecher Jürg Stettler in München, sich ein harmloses Image zu geben bzw. sich als zu Unrecht verfolgte Religionsgemeinschaft zu inszenieren. Tom Cruise als wohl weltweit prominentester Scientologe unterstützt Scientology bei diesem Versuch immer wieder. Die öffentliche Wahrnehmung Scientologys bleibt davon aber bisher weitgehend unbeeindruckt. Nicht zuletzt auch durch Fernsehfilme wie „Bis nichts mehr bleibt!“ (ARD, 2010) wird ein kritisches Scientology-Bild in der Öffentlichkeit geprägt. Überraschend ist, dass in NRW nach der Ausstrahlung des Films zunächst eine Zunahme der Mitgliederzahlen zu beobachten war.

Dass Scientology in NRW zuletzt wuchs, irritiert. Ein möglicher Grund für diesen Erfolg könnte in dem starken und offensiven persönlichen Engagement von Scientologen im Rheinland liegen. Im Großraum Düsseldorf, Mönchengladbach, Leverkusen gibt es eine Reihe hochrangiger Scientologen, die immer wieder von sich reden machen, so zum Beispiel der Hotelier und Immobilienmakler Klaus Kempe oder die Immobilienmaklerin Adelheid Rech-Gesche, die zugleich das Celebrity Center in Düsseldorf-Heerdt leitet. In letzter Zeit wurden auch mehr mittelständische Unternehmer aus NRW in der WISE-Liste der Organisation beobachtet als früher. In Düsseldorf sorgte im November 2011 für Aufregung, dass einige Scientologen offenbar versuchten, die Piratenpartei zu unterwandern. Im Raum Heinsberg bei Aachen gibt es ein aktives Nachhilfe-Unternehmen, das nach Scientologys Applied Scholastics arbeitet. Neben den regionalen Gründen für den Erfolg von Scientology in NRW sollte man nicht die Wirkung der sehr professionell gemachten Internetseiten unterschätzen, die mit Scientology im Zusammenhang stehen. Oftmals sind sie als solche gar nicht zu erkennen, wie zum Beispiel die Homepage von „Jugend für Menschenrechte“ (http://de.youthforhumanrights.org), oder nicht auf den ersten Blick wie www.sag-nein-zu-drogen.de (beide zuletzt abgerufen am 3.2.2013). Scientology ist in den letzten Jahren entweder offen oder verdeckt in diversen Social Networks wie Facebook, Twitter, MyVideo, SchülerVZ, StudiVZ, aber auch bei YouTube aktiv und kann so vor allem ein recht unvoreingenommenes, junges Publikum ansprechen. Dabei werden die unterschiedlichen Medien miteinander verlinkt und in Blogs, Foren und Communities regelmäßig Meldungen platziert und persönliche Vernetzungen und direkter Austausch geschaffen.

Das Lagebild zu Scientology ist komplex und zum Teil widersprüchlich. Ob sich der gegenwärtige allgemeine Abwärtstrend nachhaltig fortsetzt, ist noch offen. Wenn Scientology es schafft, die zurzeit massiv vorgetragene Kritik vor allem in den USA abzuwehren, sind neue Erfolge nicht nur dort, sondern auch in Europa denkbar. Sicher scheint: Scientology plant nicht in kurzfristigen Maßstäben, sondern mit langem Atem. Die Abnahme der Mitgliederzahl im Bund ist erfreulich, der kleine Gegentrend in NRW mahnt zugleich, die Scientologen nicht zu früh abzuschreiben. Totgesagte leben länger.

Andrew Schäfer, Düsseldorf

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