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Materialdienst 3/2013
Esoterik

Viadrina beharrt auf umstrittenem Studiengang für Komplementärmedizin

(Letzter Bericht 8/2012, 302f) Wie die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder (EUV) mitteilt, hat die Kulturwissenschaftliche Fakultät Ende 2012 beschlossen, den Masterstudiengang „Kulturwissenschaften – Komplementäre Medizin“ fortzuführen, der von Mitarbeitern des „Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften“ (IntraG) federführend geleitet wird.

Das IntraG und der Masterstudiengang waren 2007 eingerichtet worden und wenden sich an Ärzte, Apotheker, Psychotherapeuten und andere Heilberufe. Im Oktober 2012 hatte der Fakultätsrat beschlossen, die Entscheidung für den Studiengang zu überprüfen.

 An dem umstrittenen Institut werden „alternative“ Heilungsmethoden jenseits der wissenschaftlich fundierten Schulmedizin gelehrt und erforscht. Gelehrt wurde in der Vergangenheit unter anderem Edelstein- und Bach-Blütentherapie sowie die „Neue Homöopathie“ des österreichischen Elektrotechnikers Erich Körbler, der behauptete, man könne Patienten durch das Aufmalen magischer geometrischer Zeichen auf den Körper heilen. Kooperationspartner war unter anderem die „Deutsche Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin“ (DGEIM), unter den Lehrenden befinden sich viele bekannte Esoteriker ohne medizinische Fachkenntnisse.

Wirbel verursachte zuletzt die Masterarbeit eines Berliner Orthopäden zum sogenannten „Kozyrev-Spiegel“ (Peter Conrad, „Der Kozyrev-Spiegel in der Praxis“), einer Vorrichtung, bei der Probanden in einer Aluminiumröhre durch Strahlenreflexion biologischer Objekte in den Stand versetzt werden sollen, übersinnliche Wahrnehmungen bis hin zum Kontakt mit Verstorbenen zu haben. Die vom Institutsleiter des IntraG, Harald Walach, persönlich betreute und als hervorragend bewertete Arbeit fand Hinweise auf eine entsprechende Wirksamkeit des Kozyrev-Spiegels.

Die jetzige Meldung des IntraG, dass das Institut erhalten und der Studiengang fortgesetzt werden soll, verschweigt, dass die seit seiner Gründung andauernde öffentliche Kritik zu einer Überprüfung des Projekts durch die Hochschulstrukturkommission des Landes Brandenburg geführt hatte. Deren Bericht lag im Sommer 2012 vor und kritisierte den Studiengang scharf. Zusammenfassend empfahl die Hochschulstrukturkommission der EUV „nachdrücklich den künftigen Verzicht auf das Angebot des MA-Studienganges“. „Eine Fortführung des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften ist weder wie bisher als In-Institut noch als An-Institut zu befürworten. Vertretbar erscheint allenfalls, das Institut privatwirtschaftlich außerhalb der Hochschule zu betreiben.“

Die Europa-Universität Viadrina hat sich nunmehr gegen diese vernichtende Bewertung und dringende Empfehlung entschieden. Mit der Fortsetzung des schon als „Hogwarts an der Oder“ verspotteten Instituts setzt sie ihr akademisches Renommé aufs Spiel. Da hilft es auch wenig, dass der jetzige Beschluss zur Fortführung des Studiengangs ankündigt, man wolle, um „eine gleichermaßen auf kulturwissenschaftlichem und auf medizinischem Sachverstand basierende wissenschaftliche Qualitätssicherung in Lehre und Forschung zu gewährleisten, ... innerhalb der nächsten 24 Monate eine gleichberechtigte Trägerschaft mit einer medizinischen Fakultät eingehen“. Es bleibt abzuwarten, ob sich eine staatliche medizinische Fakultät zur Kooperation mit dem IntraG bereitfinden wird.

Kai Funkschmidt

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