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Materialdienst 2/2013
Michael Roth

Überlegungen zum eigenen Unbehagen mit dem Ruf nach Spiritualität

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Die Mahnung, dass andere religiöse Gemeinschaften mehr an Spiritualität zu bieten haben als die eigene, ist inzwischen Allgemeingut. Astrid Reglitz zeigt in ihrer Untersuchung aus dem Jahr 2011, dass der Begriff „Spiritualität“ bereits seit den 1970er Jahren zunehmend als „Krisenbegriff“ fungiert.2 So formuliert beispielsweise die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Nairobi 1975 in einem Gebet: „Wir sehnen uns nach einer neuen Spiritualität, die unser Planen, Denken und Handeln bestimmt.“3 Man hat gegenwärtig fast den Eindruck, als sei man etwas altmodisch, wenn man nicht an der Armut an Spiritualität in unserer Kirche leidet und in den Ruf nach mehr Spiritualität einstimmt. Hier ist nun bereits der Punkt gekommen, an dem ich etwas gestehen muss: Mir ist gar nicht immer klar, was eigentlich genau gemeint ist, wenn nach „Spiritualität“ verlangt wird. Aber das Eingeständnis geht noch weiter: Irgendwie stellt sich bei mir bei dem Ruf nach Spiritualität ein gewisses Unbehagen ein. Ich kann anbieten, gemeinsam nachzudenken, was sich hinter dem Begriff Spiritualität eventuell verbirgt, worin das berechtigte Moment des Interesses an Spiritualität bestehen kann und wo Gefahren lauern können, die ein gewisses Unbehagen vielleicht verständlich machen.

Spiritualität als Krisenbegriff

Das erste, was bei dem Begriff „Spiritualität“ auffällt, lange bevor man in Erfahrung gebracht hat, was mit ihm gemeint ist, habe ich bereits angesprochen: Spiritualität scheint das zu sein, was es gegenwärtig zu wenig gibt, worin andere Religionen uns überlegen sind und was wir unbedingt integrieren müssen, um auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten zu bestehen. So spricht der Praktische Theologe Christian Möller von einer „Selbstghettoisierung von Christentum und Kirche“, wenn der „Hunger ..., der sich in dem Begriff ‚Spiritualität‘ meldet“ nicht vernommen wird.4 In diese Richtung verweisen auch die Überlegungen des Praktischen Theologen Peter Zimmerling, wenn er behauptet, dass sich aufgrund der „gestörten Beziehung zwischen Theologie und Spiritualität“ die „Wiederkehr der Religion“ meist „an der evangelischen Kirche vorbei ereignet“.5 Überspitzt formuliert: Der boomende religiöse Markt verlangt nach Spiritualität, die Kirchen hinken bei ihrer Marktanalyse hinterher und haben daher ihre Regale noch nicht mit dem nachgefragten Produkt aufgefüllt. Ich nehme an, dass diese Diagnose auch Rückfragen provoziert. Ich beschränke mich auf drei:

1. Mit seiner Warnung vor einer „Selbstghettoisierung von Theologie und Kirche“ nimmt Möller (bewusst oder unbewusst) ein viel zitiertes Diktum des Systematischen Theologen Emanuel Hirsch auf. So fordert Hirsch in seiner Schrift „Christliche Rechenschaft“ bereits im Vorwort programmatisch, dass die Kirche nicht zu einer Ghettoexistenz erstarren darf, indem sie auf eine „Anteilhabe am Gesamtleben“ verzichtet.6 Hirsch plädiert damit für eine Theologie, die auf der geistigen, wissenschaftlichen und kulturellen Höhe der Zeit den christlichen Glauben artikuliert. Sicherlich wird man ihm darin zustimmen, dass der Verzicht auf die intellektuellen Standards der Zeit ein zum Schaden gereichender Verzicht ist. Allerdings folgt daraus nicht, dass jeder Verzicht auf den Anschluss an den Zeitgeist negativ als Selbstghettoisierung stigmatisiert werden kann. Nehmen wir einmal hypothetisch an, es käme in Mode, im religiösen Diskurs die Religion gegen die Wissenschaft auszuspielen (z. B. die Schöpfungslehre gegen die Evolutionstheorie), dann hielte ich einen Rückzug aus diesem religiösen Zeitgeist durchaus für einen wägbaren Gedanken – wenn man es denn in dieser Situation vermeiden will, dass Christentum und Barbarei Hand in Hand gehen. Um ein geschichtliches Beispiel für einen m. E. gelungenen „Rückzug vom Zeitgeist“ zu nennen: Die Stimmen innerhalb der Kirche, die in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland dafür plädiert haben, dass sich die Kirche endlich dem Zeitgeist anschließt, werden – wenn ich es richtig sehe – heute eher kritisch beurteilt, während die Stimmen, die damals den Zeitgeist kritisch hinterfragt haben, sich heute einer größeren Zustimmung erfreuen dürfen als damals. Von daher scheint mir die Warnung vor „Selbstghettoisierung“ etwas missverständlich und unpräzise, sodass ich sie als Begründungshorizont eher für schwierig, zumindest für ergänzungsbedürftig halte.

2. Auch den Formulierungen „Hunger, der sich im Begriff Spiritualität äußert“ und der „vernommen“ werden muss, kann zunächst zugestimmt werden. Natürlich müssen alle Phänomene in der Gesellschaft „vernommen“ und theologisch und kirchlich bedacht werden. Wer würde schon sagen, dieses oder jenes Phänomen solle nicht gesehen werden, oder wer würde Theologie und Kirche den Rat geben: „Vor diesem oder jenem Phänomen verschließt mal besser die Augen“? Aber was folgt aus dem „Vernehmen“? Die christliche Kirche muss nicht jeden menschlichen Hunger stillen, den sie vernommen hat. Es gibt ja nicht nur solchen Hunger, von dem wir die berechtigte Hoffnung hegen dürfen, dass er in guten Restaurants angemessen aufgehoben ist, sondern auch einen solchen religiösen Hunger, von dem wir zugestehen müssen, dass er in der Esoterik eindeutig besser gestillt wird, einfach deshalb, weil er eher durch esoterische Bedürfnisse verursacht wird. Um ein Beispiel zu nennen: Wer nach einem „höheren Wissen“ um die Gesetzmäßigkeiten der Welt und nach einem in sich stimmigen System von Welt, Gott und Mensch sucht, von dem aus er sein Leben verstehen und durchschauen und dieser Einsicht in seinen Ort in der Welt entsprechend leben kann, wird vom christlichen Glauben enttäuscht werden, der ein solches „höheres Wissen“ nicht zu geben vermag und das Bedürfnis nach einer Deutungshoheit über die Wirklichkeit eher kritisch beurteilt.

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Anmerkungen

1 Um Anmerkungen und Ergänzungen überarbeiteter Vortrag, gehalten auf einem Pfarrkonvent am 17.10.2012 in Euskirchen.
2 Astrid Reglitz, Erklären und Deuten. Glaubenspraxis in diskursanalytischer und systematisch-theologischer Perspektive (Theologie – Kultur – Hermeneutik 12), Leipzig 2011, 239.
3 Zit. nach Hans-Martin Barth, Spiritualität, Ökumenische Studienhefte 2 (BensH 74), Göttingen 1993, 100.
4 Christian Möller, Spiritualität – Gestaltwerden christlichen Lebens, in: Wilfried Härle/Heinz Schmidt/Michael Welker (Hg.), Das ist christlich. Nachdenken über das Wesen des Christentums, Gütersloh 2000, 143-155, 147.
5 Peter Zimmerling, Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Göttingen 2003, 18.
6 Vgl. Emanuel Hirsch, Christliche Rechenschaft, Bd. 1, bearbeitet von Hayo Gerdes, Berlin/Schleswig-Holstein 1978, 21.

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