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Materialdienst 2/2013
Robin Bachmann

Die Tarantella und die Entgrenzung des Selbst

Auseinandersetzung mit der Forschung um veränderte Bewusstseinszustände ausgehend von einem italienischen Tanz

Spirituelles Erlebnis im Kulturbetrieb

Versucht man auf einschlägigen Internetseiten, einen Überblick über das „spirituelle Erlebnisangebot“ der Hauptstadt zu bekommen, ist man zunächst überrascht, wenn auf die Apulischen Kulturtage des Museums Europäischer Kulturen verwiesen wird. Dass auch ein Museumsbesuch eine „spirituelle Erfahrung“ sein kann, manchmal auch als solche inszeniert wird, ist Kulturhermeneutikern bekannt. Doch was ist das „spirituelle Erlebnis“ der Apulischen Kulturtage? Antwort: ein traditioneller italienischer Tanz. Bei der Eröffnung der Kulturtage sind weit über den Hof zu Tamburin, Akkordeon, Kontrabass, Gitarre und Flöte Melodien in einer fremden Sprache zu hören. Die Musiker, die aus der apulischen Stadt Grecìa Salentina stammen, gehören zu einer kleinen, Griko sprechenden Minderheit. Die Worte, die durch die Nacht hallen, sind altgriechischen, byzantinisch-griechischen und italienischen Ursprungs und könnten zum Teil noch aus Zeiten Homers stammen. Eingewoben in diese alten Worte und die schnelle, rhythmusdominierte Musik im 3/4- oder 3/8-Takt tanzt eine Frau in weitem Kleid und mit erhobenen Armen Tarantella. Man sagt, vom Biss der Tarantel Besessene tanzten diesen Tanz zu ihrer Heilung mehrere Tage bis zur völligen Erschöpfung. Der Tanz ist für das 17. Jahrhundert erstmals dokumentiert, bietet aber eine hervorragende Projektionsfläche für antike dionysische Tänze. So war Goethe auf seiner Italienreise fasziniert von diesem auf ihn archaisch wirkenden Tanz, Rilke beschrieb ihn als wie von Satyrn und Nymphen erfunden, und wohl in diesem Sinne griff auch die romantische Instrumentalmusik – beispielsweise Schubert, Liszt und Chopin – die Tarantella auf. Das Publikum an diesem Abend, das eher an fernöstlichen Vorstellungen und spirituellen Praktiken interessiert ist, rezipiert die ihm gebotene Tarantella in ganz ähnlicher Weise.

Die Frage nach einem tanzenden Bewusstsein

Die Tänzerin bindet die Tarantella nicht so sehr an mythische Erzählungen. Auch an den Biss der Tarantel glaubt sie nicht. Sie versteht ihn symbolisch. Die Tarantella ist für sie ein komplexes kulturelles, soziales, sogar teilweise politisches Phänomen. Dennoch geht ihre Interpretation des Tanzes über eine folklorische oder künstlerische Dimension hinaus. Sie beschreibt die Tarantella mit einer deutlich mystischen Sprache. Der Tanz trage zu den Ursprüngen zurück. Gefühle und Gedanken verwandelten sich in Bewegung, und Körper und Geist würden mit dem Kosmos verschmelzen. Man träte heraus aus dem Chaos des Alltags in eine wiederhergestellte kosmische Ordnung. Die hinter der mystischen Sprache zumindest im besonderen Fall liegende Erfahrung könnte man mit Trance betiteln. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts versucht man sie – losgelöst vom ethnologischen Interesse an „primitiven Kulturen“ im 19. Jahrhunderts und der Pathologisierung durch die Psychoanalyse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – sachlich als „veränderten Bewusstseinszustand“ zu fassen. Von sozialen Rollen reglementiert und sozialen Lernprozessen geformt ist dieser prinzipiell jedem Menschen zugänglich.

Susann Vorwerk hat einen Fragebogen zur Wirkung des Tanzes entwickelt, um zu untersuchen, ob man beim Tanzen von einem veränderten Bewusstseinszustand sprechen kann (Vorwerk, 2011). Sie hat 316 zufällig ausgewählten Tänzern aus ganz unterschiedlichen Tanzrichtungen und mit unterschiedlichen Einstellungen zum Tanzen 34 Fragen zur Einschätzung ihrer Erfahrung beim Tanzen gestellt. Sie konnte sechs Dimensionen der Tanzerfahrung feststellen: inneres Spüren (Selbst- und Körperbewusstsein), Offenheit (Selbst-Entgrenzung), Regeneration und Wohlbefinden, Flow-Erleben (Aufgehen in der Tätigkeit), gesteigertes emotionales Erleben und Alltagsbewusstsein (Schrittfolge, Wettbewerb). Zudem fand sie drei unterschiedliche Ausprägungsmuster dieser Dimensionen. Eine niedrige Ausprägung der Dimension Alltagsbewusstsein und eine hohe Ausprägung in allen anderen Dimensionen bezeichnet sie als Tanzen im veränderten Bewusstsein.

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