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Materialdienst 1/2013
Ulrike Schiesser

Flirting with Disaster

Erklärungsansätze für Faszination und Angst in Bezug auf Weltuntergangsvorhersagen

Erklärungsansätze für Faszination und Angst in Bezug auf Weltuntergangsvorhersagen Wirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen, atomare Bedrohungen und historische Kalendersysteme, die angeblich den Untergang verkünden – apokalyptische Szenarien haben Hochkonjunktur. Über alle Kulturkreise hinweg, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart, haben sich Menschen mit dem Ende der Welt beschäftigt, davor gewarnt, sich darauf vorbereitet und sich davor gefürchtet (Tilly 2012). Und obwohl diese Vorhersagen bisher nicht eingetroffen sind, übt dieses Thema eine ungebrochene Faszination aus. Eine verbreitete Auseinandersetzung damit hat 1999 im Umfeld der Jahrtausendwende stattgefunden, und zuletzt stießen Vorhersagen einer weltweiten Katastrophe oder zumindest einer globalen Transformation für die Tage um den 21.12.2012 auf eine erstaunliche Resonanz. Eine Flut an Büchern, Artikeln und Webseiten nimmt sich des Themas an, ein ganzer Wirtschaftszweig scheint sich um das Ende der Welt und ein mögliches Überleben zu bilden. Dabei werden sowohl spirituell inspirierte Szenarien diskutiert als auch weltliche Bedrohungsszenarien und Umweltkatastrophen.

Michael Shermer beschreibt den Menschen als „pattern seeking belief engine“ (Shermer 2011), immer auf der Suche, aus der überwältigenden Flut an Informationen, aus den chaotischen, oft widersprüchlichen Eindrücken und Erfahrungen des kleinen Ausschnitts der Welt, der uns zugänglich ist, eine in sich schlüssige, sinnstiftende Welt zu extrahieren, eine Welt, in der wir uns zurechtfinden, die nach verständlichen Gesetzen zu funktionieren scheint. Auch in den Warnungen vor einem Weltuntergang werden Orientierung, Handlungsanweisungen und Erklärungsmodelle vermittelt.

In der aktuellen Fachliteratur, die sich mit Weltuntergangsankündigungen auseinandersetzt, wird das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln analysiert. Im Folgenden werden die verschiedenen Betrachtungen mosaiksteinartig in sieben Themenblöcken zusammengefasst. Der Begriff „Apokalypse“ wird dabei im umgangssprachlichen Gebrauch synonym zum Begriff Weltuntergang verwendet und nicht in christlich-theologischer Interpretation.

1. Apokalypse als Gegenwartsphänomen

Durch die mediale Vernetzung leben wir heute in einem „globalen Dorf“. Naturkatastrophen, Unfälle in Atomreaktoren, technische Pannen mit bedrohlichen Konsequenzen sind Teil der täglichen Berichterstattung, auch wenn sie an weit entfernten Orten stattfinden. Dadurch mag der Eindruck entstehen, dass sich menschheitsbedrohende Vorfälle häufen, dass die Bedrohung allgegenwärtig ist. Es gibt keine Garantie mehr für materielle Sicherheit, einen lebenslangen Arbeitsplatz, sichere Pensionsversorgung. Der Glaube an den technischen Fortschritt ist in eine Krise geraten und schwenkt zuweilen in eine Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen, medizinischen Entwicklungen und in Technologiefeindlichkeit um (Utsch 1999).

Die Warnungen vor einer Katastrophe und die Auseinandersetzung mit Katastrophenszenarien sind seit einigen Jahrzehnten ein verbreitetes Motiv in Literatur und bildender Kunst, in Musik und Film, in der Friedens- und Umweltschutzbewegung. Die Menschheit scheint fortlaufend am Rande einer globalen Katastrophe zu stehen, ein Bedrohungsszenario folgt auf das andere. „Viele halten die Menschheitsdämmerung für unausweichlich“ (Körtner 1999, 7). Die Bandbreite der Untergangsszenarien reicht von atomarer Bedrohung (Atomkrieg, Reaktorunfall, atomarer Müll), ökologischen Gefahren (Klimaerwärmung, Ressourcenknappheit, Artensterben, Umweltverschmutzung), demografischen Bedrohungen (Überbevölkerung, Überalterung), medizinischen Herausforderungen (AIDS, Vogelgrippe, resistente Keime) bis zu technologischen Entwicklungen, die als bedrohlich wahrgenommen werden (Gentechnik, Artificial Intelligence). Die Gegenwart wird von vielen als sehr unsicher erlebt. „Es zeichnet die zeitgenössische Diskussion um die ökologische Krise und die Gefahr eines atomaren Weltkrieges aus, daß sie in abgewandelter Form von apokalyptischen Deutungsmustern Gebrauch macht, die von den angesprochenen Gefahren unabhängig bestehende Bewußtseinsphänomene sind“ (Körtner 1999, 8).

Im Gegensatz zu christlichen apokalyptischen Vorstellungen fehlt den säkularen Szenarien die Hoffnung auf Erlösung, auf eine bessere Welt nach dem Untergang (Körtner 2010). In bestimmten esoterischen Deutungen wird diese Hoffnung wieder eingeführt. Eine Erleuchtung der Menschheit soll zu einem globalen Umdenkprozess führen, ein Aufstieg in eine „höhere Energiedimension“ die Probleme lösen.

Neben einem latenten Gefühl der Bedrohung der menschlichen Existenz spielt eventuell ein zweites alltägliches Phänomen eine Rolle: Die Zeit scheint stets zu knapp zu sein. Die Anforderungen des Alltags lassen sich nicht mehr in der vorhandenen Zeit bewältigen. Michael Nüchtern schreibt dazu: „Weltuntergangsbilder entsprechen darüber hinaus in unheimlicher Weise unserem Gefühl von Zeit. Das Ende der Zeit verkürzt die Gegenwart. Apokalyptik bedeutet, keine Zeit mehr zu haben“ (Nüchtern 1998, 4). Und dieses Gefühl, zu wenig Zeit zu haben, scheint heute allgegenwärtig. „Die immer kürzer werdenden Halbwertszeiten von Wissen, Gebrauchsgegenständen und menschlichen Beziehungen lassen ‚Gegenwart’ immer mehr schrumpfen ... Die Erfahrung, dass nichts bleibt und alles veraltet, ist allgemein. Wo soviel Untergang erlebt wird, bekommt die These, dass bald alles untergehen wird, etwas zutiefst Plausibles – und geradezu Beruhigendes. Ist das kosmische Endspiel doch nur die Verdichtung und Steigerung dessen, was man tagtäglich im Kleinen so und so erlebt: Untergang“ (Nüchtern 1998, 4).

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