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Materialdienst 1/2013
Gerhard Dunker u. a.

Beschneidung

Eine Information zur derzeitigen Debatte

Die Debatte um die Beschneidung nicht einwilligungsfähiger Jungen wurde und wird kontrovers geführt. Verantwortliche Vertreter aus den Bereichen christlich-islamischer und christlich-jüdischer Dialog der Evangelischen Kirche von Westfalen fassen den Diskussionsstand zusammen und geben eine Orientierungshilfe. Wir dokumentieren eine leicht gekürzte Fassung.

Gerhard Duncker, Bielefeld, in Zusammenarbeit mit Ralf Lange-Sonntag, Vicco von Bülow und Ralph van Doorn


Im Oktober 2012 hat das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf gebilligt, der die Beschneidung von nicht einwilligungsfähigen Jungen unter bestimmten Vor­aussetzungen erlaubt. Anfang November 2012 stimmte der Bundesrat zu. Mitte Dezember hat der Bundestag diesen Entwurf bestätigt. Damit fand eine Debatte ein zumindest vorläufiges Ende, die in den letzten Monaten in Deutschland kontrovers und mit Vehemenz geführt wurde. War die Beschneidung, wie sie vor allem im Judentum und im Islam praktiziert wird, in den vergangenen Jahrzehnten unhinterfragt akzeptiert worden, so war seit dem Urteil des Kölner Landgerichts im Mai 2012 die rechtliche Situation unübersichtlich und die gesellschaftliche Akzeptanz nicht mehr gesichert. Der vorliegende Text beleuchtet die Hintergründe des Gerichtsurteils, erläutert die religiösen Praktiken und Sinnzusammenhänge, stellt die wichtigsten Argumente zusammen und referiert in Kürze einige der Vorschläge zur Lösung des aufgeworfenen Problems.

Das Urteil des Kölner Landgerichts

Am 4. November 2010 führte ein Kölner Allgemeinmediziner die Beschneidung eines vierjährigen muslimischen Jungen durch. Da es nach der Operation zu Nachblutungen kam, wandte sich die Familie zwei Tage später an die Notaufnahme eines Krankenhauses, wo das Kind unter Vollnarkose operiert wurde. Der dort behandelnde Arzt hatte den Eindruck, dass die das Kind begleitende Mutter der Beschneidung ihres Sohnes nicht aus freien Stücken zugestimmt hatte.

Er informierte die Polizei, es kam zur Anzeige gegen den Arzt, der die Beschneidung vorgenommen hatte. In der ersten Instanz sprach das Amtsgericht den Arzt vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung frei. Das Amtsgericht begründete das Urteil damit, dass die sorgeberechtigten Eltern in den ärztlichen Eingriff eingewilligt hätten und mit ihrer Entscheidung dem Wohl des Kindes dienen wollten. Die Beschneidung sollte die kulturelle und religiöse Zugehörigkeit verdeutlichen und einer möglichen Ausgrenzung des Kindes entgegenwirken. Zudem sei die Zirkum­zision in vielen Ländern der Welt aus hygienischen und gesundheitlichen Gründen bei der Mehrheit der Gesellschaft anerkannt.

Aufgrund der von der Staatsanwaltschaft eingelegten Berufung beschäftigte sich in nächster Instanz das Landgericht Köln mit dem Vorfall und kam zu einer gänzlich anderen Beurteilung. Zwar sprach es den angeklagten Arzt frei, weil dieser sich in einem unvermeidbaren Verbotsirrtum befunden habe, da er sein Tun als rechtmäßig angesehen habe und angesichts der ungeklärten Rechtslage nicht abschließend beurteilen konnte. Dennoch stufte die Kammer die Beschneidung als einfache Körperverletzung ein. Da der Eingriff nach Meinung des Landgerichts nicht dem Wohl des Kindes entspreche, sei die Einwilligung der Eltern irrelevant. Das Kind könne später selbst über die Beschneidung und damit über die religiöse Zugehörigkeit entscheiden.

Das Urteil des Landgerichts hatte keine bindende Gesetzeskraft. Ärzte (und Eltern), die eine Beschneidung durchführen, setzten sich aber der Gefahr aus, wegen einfacher oder gefährlicher Körperverletzung angezeigt und verurteilt zu werden. Ein unvermeidbarer Verbotsirrtum konnte ihnen nun nicht mehr bescheinigt werden.

Beschneidung in den Religionen

In der Diskussion der vergangenen Monate ist zu Recht darauf hingewiesen worden, dass mit der Beschneidung die kulturelle Identität von Juden und Muslimen berührt sei und dass die Beschneidung von Jungen in beiden Religionen eine zentrale religiöse Bedeutung habe. In mehrfacher Weise muss diese Einschätzung jedoch spezifiziert werden. Zum einen wird die Beschneidung von Jungen auch in manchen christlichen Kirchen praktiziert, z. B. in der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Zum anderen – und für den deutschen Kontext entscheidender – muss angemerkt werden, dass die Beschneidung in Judentum und Islam bei aller Relevanz dennoch Unterschiede hinsichtlich ihrer Bedeutung und Praxis aufweist. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass abgesehen von einer Minderheit (s. u.) die Beschneidung von Jungen nicht mit der oft ebenfalls Beschneidung genannten Genitalverstümmelung bei Mädchen in Beziehung gesetzt wird. Daher geht diese Orientierungshilfe nur am Rande auf das Thema ein. Für weitere Informationen zum Thema Genitalverstümmelung sei die Publikation „Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen“, EKD-Texte 65, Hannover 1999, empfohlen.

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