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Materialdienst 1/2013
Johannes Kandel

"Islamfeindschaft" und "Islamkritik"

Anmerkungen zur Studie "Mitte im Umbruch" der Friedrich-Ebert-Stiftung (2012)

Alle zwei Jahre untersucht die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung seit 2006 in einer repräsentativen Erhebung die Verbreitung von rechtsextremen und antidemokratischen Haltungen. Der neuen Studie „Die Mitte im Umbruch – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012“ zufolge sind in Deutschland in hohem Maße auch antisemitische und islamfeindliche Einstellungen vorhanden. Johannes Kandel, Politikwissenschaftler, Autor und ehemaliger Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung, nimmt Stellung zu Islamfeindschaft und Islamkritik.


Die Studie „Mitte im Umbruch“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (2012) differenziert zwischen „Islamfeindschaft“ und „Islamkritik“, was gemessen an der Vorgängerstudie „Die Abwertung der Anderen“ (2011) einen Fortschritt darstellt. In dieser wurde nur „Islamfeindlichkeit“ erhoben, auf Basis des problematischen Konstruktes der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (GMF) der Heitmeyer-Forschungsgruppe. Der Versuch der Forschungsgruppe, mithilfe der Kategorien des GMF-Konzepts „Islamophobie“ zu messen, muss als gescheitert angesehen werden und trug zur Konstruktion eines „Mythos Islamophobie“ bei.1 Die von den Autoren der „Abwertungs-Studie“ im Anschluss an Heitmeyers Konzept zur Messung herangezogenen Frage-Items waren so formuliert, dass im Ergebnis sich fast jeder, der Kritik am Islam übte, dem Vorwurf allgemeiner „Muslimenfeindlichkeit“ ausgesetzt sehen konnte.2 Offensichtlich haben die Autoren der „Mitte im Umbruch“-Studie (im Folgenden MU) diesen Mangel erkannt und mühen sich um Differenzierung.

Der „Rassismus-Vorwurf“ und die „Islamkritik“

Es war viele Jahre in Wissenschaft und Gesellschaft Konsens, den Begriff des Rassismus auf die Abwertung von Menschen aufgrund ihrer biologischen Eigenschaften („Rasse“) zu beziehen. Seit einigen Jahren (gefördert von der UN) hält ein „erweiterter“ Rassismusbegriff in den Sozialwissenschaften und politischen Diskursen Einzug, der über die biologistische Begriffsvariante hinausgreift. Die Autoren von MU verwenden diesen „erweiterten“ Begriff: „... diese biologistische Kategorie wurde abgelöst durch eine kulturalistische Begründung der Ressentiments, die von der Höher- oder Minderwertigkeit einer Kultur ausgeht und – analog zum biologistischen Rassenbegriff – unterstellt, dass eine Vermischung der Kulturen zu Lasten beider ginge. Wie tragfähig die Brückenfunktion dieser kulturalistischen Argumentation ist, wird daran deutlich, dass bis in demokratische Parteien hinein die Ansicht geteilt wird, es gebe ein kulturelles Gefälle zum Islam, der zudem eine Bedrohung darstelle. Mittlerweile ist ein von Frauen getragenes Kopftuch für viele in Deutschland ein stark mit Ressentiments aufgeladenes Symbol für die scheinbare Rückständigkeit der Menschen aus islamisch geprägten Kulturkreisen“ (MU, 8).

Im Klartext bedeutet diese These, dass alle, die – wie auch immer begründet – ein „kulturelles Gefälle“ zwischen Kulturen konstatieren und z. B. unterschiedliche kulturelle Entwicklungen beschreiben, pauschal als „kulturalistische Rassisten“ gelten müssen. Hier greift ein antidiskriminierungspathetischer Kulturrelativismus Platz, der Kulturen offenbar als nichtdynamische Entitäten versteht, denn sonst müsste man ja anerkennen, dass Kulturen in unterschiedlichen historischen Kontexten auch immer je verschiedene Entwicklungsphasen durchlaufen.

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Anmerkungen

1 Siehe die kritische Analyse von Felix Strüning, Vom Mythos der Islamophobie. Wie stehen die Deutschen wirklich zum Islam?, in: Hartmut Krauss (Hg.), Feindbild Islamkritik. Wenn die Grenzen zur Verzerrung und Diffamierung überschritten werden, Osnabrück 2010, 177ff.
2 Studie „Die Abwertung der Anderen“, 70ff. Die Autoren halten zudem den Begriff der „Muslimenfeindlichkeit“ für „treffender“ als „Islamfeindlichkeit“ (46).

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