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Materialdienst 1/2013
Islam

Nachfolger von Mustafa Cerić eingeführt

Der neue Großmufti von Bosnien-Herzegowina heißt Husein Kavazović. Der 48-Jährige trat am 19. November 2012 das Amt des Reis ul-Ulema an, das zuvor Mustafa Cerić (60) knapp zwanzig Jahre innehatte. Kavazović, laut bosnischen Medien enger Mitarbeiter und Wunschkandidat des scheidenden Oberhaupts, war im September von der Wahlversammlung der islamischen Gemeinschaft in Sarajevo mit klarer Mehrheit gewählt worden. Er studierte von 1985 bis 1990 islamisches Recht an der Al-Azhar-Universität in Kairo und war seit 1993 Mufti von Tuzla. Presseberichten zufolge will sich das neue Oberhaupt der rund zwei Millionen bosnischen Muslime vor allem für die Festigung der islamischen Gemeinschaft und die Zusammenarbeit mit den anderen Religionsgemeinschaften, aber auch für eine stärkere Einbindung der Frauen in die Arbeit der islamischen Religionsgemeinschaft einsetzen. Kavazović werde die derzeitige Politik des interreligiösen Engagements und der Versöhnung fortführen, erwartet Ahmet Alibašić, Professor an der Fakultät für Islamische Wissenschaften in Sarajevo. Es sei daher nicht mit großen Richtungsänderungen zu rechnen, vielmehr würde an die Traditionen des Vorgängers Cerić angeknüpft.

Das Amt des Reis ul-Ulema (Oberhaupt der Gelehrten) geht auf das Jahr 1878 zurück. Nach der Annexion der Gebiete von Bosnien und Herzegowina verordnete der österreichische Kaiser Franz Joseph I. den Muslimen eine quasi-kirchliche Struktur ganz analog zur kirchlichen Hierarchie. Was von vielen als Zwangsmaßnahme empfunden wurde, gehört heute zu den charakteristischen Besonderheiten des bosnischen Islam und kommt der Religionsgemeinschaft politisch zugute. Der „bosnische Weg“ des Islam findet als autochthone europäische Form des Islam seit Jahren besondere Beachtung. Der bisherige Großmufti Cerić (vgl. MD 11/2012, 429-431), der Träger des Theodor-Heuss-Preises und des Eugen-Biser-Preises ist, hat sich als Brückenbauer zwischen den Religionen verdient gemacht, aber auch regelmäßig aktiv für eine integrative europäische Islampolitik geworben, die auf eine Institutionalisierung des Islam auf europäischer Ebene abzielt. Cerić gehört nicht nur zu den Erstunterzeichnern des Briefes von 138 islamischen Gelehrten an die Weltchristenheit („A Common Word“), er ist unter anderem auch Gründungsmitglied des in Dublin ansässigen European Council for Fatwa and Research (ECFR, Europäischer Rat für Fatwa und Forschung), der 1997 von der der Muslimbruderschaft zugerechneten Föderation Islamischer Organisationen in Europa initiiert worden ist. Spiritus rector dieses Rates ist nach wie vor der 86-jährige „Global Mufti“ Yusuf al-Qaradawi, der als einflussreichster sunnitischer Gelehrter der Gegenwart und als Symbolfigur der weltweiten islamischen Erweckung gilt.

Gemäß den Regularien der Islamischen Gemeinschaft konnte Cerić nach zwei siebenjährigen Amtszeiten nicht wiedergewählt werden. Im europäischen Kontext wird weiterhin – vielleicht jetzt durch größere Spielräume auch verstärkt – mit ihm zu rechnen sein. Zumal mit Kavazović der Kandidat gewählt wurde, dem wenig internationale Ambitionen nachgesagt werden, der vielmehr vor allem „ein Großmufti des Volkes“ sein will.

Friedmann Eißler

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