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Materialdienst 1/2013
Buddhismus

"Buddha im 21. Jahrhundert" - Kongress der Deutschen Buddhistischen Union

Schon der Titel deutete eine Absicht an, die die Deutsche Buddhistische Union (DBU) mit ihrem Kongress (12. – 14. Oktober 2012 in Hamburg) verfolgte. Es ging wesentlich darum, den Buddhismus als zeitgemäß zu präsentieren und womöglich erste Schritte auf dem Weg zu einem „westlichen“ Buddhismus zu gehen. Dem entsprechend war die Auswahl der Referentinnen und Referenten sowie der Themen für Vorträge und Workshops getroffen worden.

In der Einladung zum Kongress hieß es: „Buddhas Lehre passt ins 21. Jahrhundert. Sie wird bestätigt durch die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung.“ So hielt der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger den Hauptvortrag zur Eröffnung. Metzinger wurde einer breiteren Öffentlichkeit durch sein Buch „Der Ego-Tunnel“ bekannt, das 2009 auf Deutsch erschien und seitdem mehrere Auflagen auch als Taschenbuch erlebte. Der Autor präsentiert darin eine Theorie vom menschlichen Selbst, die sich auf die Ergebnisse der neueren Hirnforschung stützt und traditionelle Konzepte von einem personalen Selbst erschüttert. Wie Metzinger in einem Gespräch auf der Tagung äußerte, könnte vonseiten der buddhistischen Vertreter darin eine Bestätigung der klassischen buddhistischen Lehre vom Nicht-Selbst (skt. anatman) vermutet werden, ohne dass er das beabsichtigte. Metzinger praktiziert schon seit Jahren Meditation nach buddhistischem Vorbild, ohne sich einer religiösen Tradition zuzurechnen, was bei einem Beiratsmitglied der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) auch kaum möglich sein dürfte. Metzinger referierte über „Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit“. Sein Vortrag behauptete in seinen Spitzenaussagen einen Gegensatz von Religion und Spiritualität. Später präsentierte Metzinger in einem Workshop noch einen kurzen Abriss seiner philosophischen Position. Sie trug den für Buddhisten eventuell wieder verheißungsvoll klingenden Titel „Warum es kein Selbst gibt und das Selbst eine Illusion ist“. Aber auch hier blieb kein Raum für die klassischen buddhistischen Sichtweisen!

Ganz so religionsdistanziert ging es bei anderen Referenten nicht zu, auch wenn traditionelle Bahnen verlassen wurden. Der Wissenschaftsautor und ZEIT-Journalist Ulrich Schnabel z. B. präsentierte „Erfahrungen aus dem journalistischen Alltag eines Hobby-Buddhisten“. Der ehemalige buddhistische Mönch und erfolgreiche Buchautor Stephen Batchelor, der sich auch schon mal als „ungläubigen Buddhisten“ bezeichnet, trug seine Ansichten unter dem Titel „Buddhismus 2.0 – Eine säkulare Vision des Dharma“ vor. In seiner Terminologie ist „Buddhismus als glaubensbasiertes System“ ein „Buddhismus 1.0“. „Buddhismus 2.0“ versteht er als „praxisbasiertes System“, dessen Merkmale er unter Rückgriff auf den historischen Buddha zu entfalten suchte.

Manfred Folkers schließlich, Schüler des bekannten vietnamesischen Zen-Buddhisten Thich Nhat Hanh, stellte seine unorthodoxe Sicht des Buddhismus unter der Überschrift „Integrales Dharma – Buddhas Lehre im 21. Jahrhundert“ vor. Folkers hatte schon im Heft 2/2012 der DBU-Zeitschrift „Buddhismus aktuell“ Überlegungen präsentiert, wie sich „das Tor zum Dharma“, zur buddhistischen Lehre also, auch „für agnostisch und atheistisch denkende Menschen“ öffnen könnte. Dabei blieb manche traditionelle Sichtweise auf der Strecke. Die „drei Daseinsmerkmale“, die üblicherweise mit „Vergänglichkeit“, „Leidhaftigkeit“ und „Nicht-Selbst“ wiedergegeben werden, erfuhren eine viel positiver klingende Ausdeutung. In der nächsten Nummer der Zeitschrift wurde er sofort dafür kritisiert. Als er sich in diesem Jahr auch in der Zeitschrift des „Buddhistischen Bundes Hannover“ ähnlich äußerte, stieß sein Beitrag auf den Widerspruch von Altmeister Hans Wolfgang Schumann, dem wir mehrere Darstellungen des Buddha und des Buddhismus verdanken. Folkers hatte allerdings dessen traditionelle Sicht zuvor auch direkt kritisiert.

Diese Debatten zeigen, wie mühsam der Weg zu einer authentischen Interpretation des Buddhismus für das 21. Jahrhundert oder zu einem „westlichen“ Buddhismus ist und wie umstritten einige der in Hamburg vertretenen Ansichten sein können. Der Kongress suchte darum nicht ausschließlich nach Neuansätzen. In der Einladung hieß es ebenfalls: „Buddhas Lehre ist zeitlos“. Und dem gemäß stand dort weiter: „Viele Menschen spüren, dass diese Jahrtausende alte Lehre hilfreiche Antworten auf wichtige Fragen der Gesellschaft und zum Wohle aller Wesen dieser Erde geben kann.“

Neben neuen und alten Interpretationen der buddhistischen Lehre bot der Kongress eine Reihe praktisch ausgerichteter Veranstaltungen zu Meditation und Alltagsproblemen. Das Programm entsprach damit dem Untertitel des Kongressthemas, der lautete: „Damit unser Geist heilen kann“.

Die doppelte Ausrichtung der Veranstaltung zeigt exemplarisch auf, wie die Lage der westlich geprägten Anhängerinnen und Anhänger des Buddhismus in der hiesigen Gesellschaft aussieht. Sie leisten einen Spagat zwischen Tradition und Moderne und bewegen sich zwischen Buddhismus als Weltanschauung und Buddhismus vor allem als Praxis. Buddhisten mit Migrationshintergrund, die nach Schätzungen ja die andere Hälfte der buddhistischen Gemeinschaft in Deutschland bilden und noch einmal eigene Formen repräsentieren dürften, waren in Hamburg übrigens kaum bzw. gar nicht zu beobachten.

Nach den Anmeldezahlen vor Beginn der Veranstaltung war von bis zu 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auszugehen. In der Presse war später von bis zu 400 Personen die Rede. Die öffentliche Resonanz war eher gering. Für die größte Aufmerksamkeit sorgte ein Protest in konservativen kirchlichen Kreisen dagegen, dass ein buddhistischer Kongress mit dem Veranstaltungsort „Rauhes Haus“ in einer christlich geprägten Einrichtung stattfand. Der nächste derartige Kongress ist für 2014 geplant. Es bleibt abzuwarten, ob in Hamburg tatsächlich eine Tür aufgestoßen wurde, die zu einem Buddhismus des 21. Jahrhunderts führt.

Jürgen Schnare, Hannover

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