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Materialdienst 8/2008

Mit der Evolution gegen den "Bibelfundamentalismus"

Stellungnahme der "Studiengemeinschaft Wort und Wissen" zu: Hansjörg Hemminger, Mit der Bibel gegen die Evolution

Evolutionskritik ist Gegenstand öffentlicher Diskurse geworden. Im November 2007 publizierte die EZW den 74-seitigen Text von Hansjörg Hemminger, „Mit der Bibel gegen die Evolution. Kreationismus und ‚intelligentes Design’ – kritisch betrachtet“ (EZW-Texte 195), der Beachtung und eine breite Rezeption fand. Widerspruch gegen die Thesen Hemmingers wurde in einer offiziellen Stellungnahme der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“ zum Ausdruck gebracht. „Wort und Wissen“ ist in Deutschland maßgeblich an der Verbreitung kreationistischen Gedankengutes beteiligt. Im Folgenden dokumentieren wir den ersten Abschnitt der Stellungnahme*  und ein Statement des Naturwissenschaftlers Andreas Beyer zu dieser Auseinandersetzung.

*[Der vollständige Wortlaut der Stellungnahme ist im Internet abrufbar unter der Adresse: http://www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=disk/d08/2/d08-2.html]


 

I. Kurzgefasster kommentierter Überblick

„Naturwissenschaft und Kreationismus“ – so überschreibt Hemminger sein erstes Kapitel und charakterisiert damit aus seiner Sicht das eigentliche Kernproblem der aktuellen Debatte: Kreationismus – in welcher Form auch immer – stünde im Gegensatz zur modernen Naturwissenschaft und nicht nur zur „Evolutionstheorie“. Diese Folgerung zieht Hemminger aus den vom Kreationismus vertretenen „Theorien“ und fasst sie so zusammen:

• das Alter der Erde beträgt weniger als 10 000 Jahre
• die Erde und alle Lebewesen wurden in sechs Tagen geschaffen „wie die Bibel es sagt“
• die Lebewesen wurden von Gott so geschaffen, wie sie heute sind, oder als Grundtypen, aus denen die heutigen Arten hervorgegangen sind
• die Sintflut fand „wie in der Sintflutgeschichte beschrieben“ statt, ein Teil der Kreationisten ordnet alle geologischen Ablagerungen und Fossilien der Sintflut oder nachfolgenden Ereignissen zu
• „In der ursprünglichen Schöpfung gab es keine Sünde und keinen Tod. Der Tod kam erst durch den Fall des Menschen in die Welt“ (S. 6).

Neben diesen „Thesen“ zählt Hemminger noch weitere Zusatzannahmen auf, von denen viele „offenkundig“ falsch seien wie z. B. der Zweifel an der Konstanz des radioaktiven Zerfalls oder der Lichtgeschwindigkeit.

Abgesehen vom Titel („Mit der Bibel ...“) bleibt in Hemmingers Darstellung unklar, dass die hier aufgelisteten Positionen der „Kreationisten“ in erster Linie nicht aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern aufgrund von Überzeugungen über die Wahrheit der Heiligen Schrift vertreten werden. Die spezifische, durch die biblische Heilsgeschichte begründete Motivation der Arbeit von Wort und Wissen bleibt im gesamten Text unerwähnt. Der Leser erfährt vom zentralen Konzept der Grundtypenbiologie nur schlaglichtartig. Der von Wort und Wissen vertretene Ansatz der „biblisch-urgeschichtlichen Geologie“ wird nicht einmal erwähnt.

Die Mitarbeiter der SG Wort und Wissen sind sich dessen bewusst, dass die o. g. Positionen gegenwärtig mit vielen wissenschaftlichen Daten nicht befriedigend in Einklang gebracht werden können.

Dem populären und medienkonformen Bild vom Kreationismus stellt Hemminger die populäre Version einer „modernen Evolutionstheorie“ gegenüber, wie sie in den meisten Lehrbüchern (z. B. U. Kutschera, Evolutionsbiologie, 2006) zu finden ist. Diese beruhe nach wie vor auf einigen „zentralen Entdeckungen“ der Selektionstheorie von Charles Darwin.

Trotz der bekannten „Erklärungslücken“ und der methodischen und theoretischen Probleme der „Evolutionstheorie“ besteht für den Autor kein Zweifel daran, dass Evolution als Tatsache (S. 21) oder als Faktum (S. 18) zu gelten habe. „Das ‚Dass’ der Evolution steht nicht mehr infrage ... Eine wissenschaftliche Diskussion über diese Frage ist deshalb heutzutage überflüssig“ (S. 13-14; ähnlich S. 24). Auch die Mechanismenfrage gilt für ihn als im Wesentlichen geklärt (S. 22).

Die Debatte kann in Wirklichkeit aus naturwissenschaftlicher und philosophischer Perspektive keineswegs als abgeschlossen betrachtet werden. Die beobachteten mikroevolutiven Vorgänge und die Indizien aus Biologie und Paläontologie reichen u. E. in keiner Weise aus, eine Entwicklung neuer Baupläne als bewiesen oder gut begründet zu betrachten. Neben den von zahlreichen Evolutionsbiologen (Gould, Kirschner & Gerhart, zahlreiche „Evo-Devo“-Vertreter1) immer wieder betonten Begründungsdefiziten von Evolutionstheorien kann Evolution formal auch aus wissenschaftstheoretischen Gründen nicht als Tatsache deklariert werden. Deshalb hat die Evolutionstheorie für den Wissenschaftsphilosophen K. Hübner (2004, 56) „nicht den Rang einer echten wissenschaftlichen Theorie, weil sie für die Erscheinungen ihres Bereiches nur in sehr begrenztem Maße Erklärungen liefert (Selektion), gerade in ihrem wesentlichen Teil aber, der Entstehung des makrobiologisch Neuen, also der Evolutionsrichtung, solche vermissen lässt“. Seine Kollegen R. Spaemann & R. Löw (2005, 199f.) konstatieren: „Die ‚Beweise’ der Evolutionstheorie setzen deren zentrale Gedankenfigur immer schon voraus ... Tatsächlich aber hat der Darwinismus nach wie vor den Status einer Hypothese.“ Der Wissenschaftstheoretiker H. Poser (2004, 270) betrachtet „Evolution als geschichtsmetaphysisches Deutungsschema“.2 Evolution – als Entwicklung im hypothetischen Modus (Gutmann 20053) gedacht – stellt eine fruchtbare konzeptionelle Vorgabe für die biologische Forschung dar. Biologie konnte und kann aber auch unter anderen konzeptionellen Vorgaben erfolgreich betrieben werden.

Kritische Rückfragen an die „Tatsache der Evolution“ und die Erklärungskraft von Evolutionstheorien für überflüssig zu erklären, könnte man einerseits als Symptom einer überzogenen Wissenschaftsgläubigkeit, andererseits als Arroganz der Mehrheit werten. Sachkritik auszuschließen ist auf jeden Fall kein Beispiel für wissenschaftliches Arbeiten.

Im zweiten Abschnitt „Wissenschaft und Gegenwissenschaft“ beschäftigt sich Hemminger konkreter mit einzelnen Formen und Vertretern des Kreationismus sowie ihren Argumenten. Dabei liegt sein Schwerpunkt auf der Studiengemeinschaft Wort und Wissen.

Positiv zu vermerken ist, dass der Autor die SG Wort und Wissen als eine weniger extreme und fachlich vergleichsweise solide Organisation zu würdigen weiß. Dass er trotzdem in der Sache auch keine teilweise Zustimmung zur inhaltlichen Arbeit von Wort und Wissen gibt, erklärt sich vielleicht aus seiner die Evolution erstaunlich unkritisch bejahenden Grundeinstellung.

Das von Wort und Wissen herausgegebene Werk „Evolution – Ein kritisches Lehrbuch“ bietet laut Hemminger die Grundlage für eine „kreationistische Propaganda“ vor allem „im theologisch konservativen, evangelischen, katholischen und orthodoxen Milieu“ (S. 24). Nur durch „Verzerrung der naturwissenschaftlichen Methoden und Inhalte“ (S. 25) und durch einen „kollektiven Verdrängungsmechanismus“ (S. 33) gelänge es der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, ihre unhaltbare Position zu verteidigen. Angesichts der Anomalien der Schöpfungslehre von Wort und Wissen lasse sich „die Hartnäckigkeit, nicht wissen und nicht denken zu wollen, nur als ein Akt der Selbsttäuschung verstehen“ (S. 33). Generell könne der Kreationismus aufgrund der ihn charakterisierenden vielen „skurrilen“ Annahmen keine „echte Naturwissenschaft und keine gute Theologie“ (S. 38) liefern. Für Hemminger bleibt nur Unverständnis gegenüber den Vertretern des Kreationismus: „Wie man angesichts solcher handfester, mit menschlichen Sinnen ohne viel technischen Aufwand nachprüfbarer, Daten Kreationist und gleichzeitig Wissenschaftler sein kann, ist eine Frage, die man sich immer wieder – und immer wieder vergeblich – stellt“ (S. 11).

Die Charakterisierung des evolutionskritischen Lehrbuchs als Grundlage für „Propaganda“ wird nicht näher begründet. Tatsächlich versuchen dessen Autoren, Evolutionstheorien kritisch, aber fair darzustellen, und sie nehmen eine klar erkennbare methodische Unterscheidung der Argumentationsebenen bezüglich des naturwissenschaftlichen Wissens und des biblischen Glaubens vor. Ungeklärte wissenschaftliche Fragen der eigenen Sichtweise werden benannt und gelungene Deutungsmöglichkeiten im Rahmen von Evolutionstheorien gewürdigt.

Das Unverständnis von Hemminger liegt in seiner im Vergleich zu den Lehrbuchautoren unterschiedlichen Denkvoraussetzung begründet. Wer einen allmächtigen, in die Geschichte konkret eingreifenden Schöpfer aus Geschichtsrekonstruktionen ausklammert, wird Menschen nicht verstehen, die mit einem solchen Eingreifen rechnen und dem in historischen Rekonstruktionen Rechnung zu tragen versuchen.

Bedenklich ist, dass Hemminger die Motivation der Studiengemeinschaft in die Nähe von Symptomkomplexen psychischer Krankheitsbilder rückt (z. B. die „Hartnäckigkeit, nicht wissen und nicht denken zu wollen“ oder „kollektive Verdrängungsmechanismen“ [S. 33]). Es ist beleidigend und herabsetzend, evolutionskritischen Wissenschaftlern die Fähigkeit abzusprechen, Tatsachen realistisch wahrnehmen und methodisch sauber bewerten zu können. Ein Diktat darüber, was wissenschaftlich, philosophisch und theologisch diskutabel ist und was nicht, kann keinesfalls hingenommen und noch weniger durch den Verweis auf die „Tatsache“ Evolution begründet werden. Hemminger, der das Schriftverständnis der Wort und Wissen-Mitarbeiter als „Bibelfundamentalismus“ bezeichnet4, muss sich angesichts dieser Dialogverweigerung fragen lassen, ob nicht er selbst Argumentationsmuster benutzt, die er anderen vorhält.

Ausgeprägt negativ werden auch alle Versuche des Intelligent Design (ID)-Ansatzes beurteilt, dem sich Hemminger im dritten Teil („Sehnsucht nach einer Welt mit Zweck und Ziel“) zuwendet. Als besondere Spielart des Kreationismus versammle sich hinter der ID-Bewegung eine breite Front von Evolutionskritikern. Durch ein „einziges, vielfach entfaltetes Argument“ (S. 41), das auf die evolutionär nicht erklärbaren komplizierten Merkmale von Lebewesen verweist, versuche die ID-Bewegung ihre „wedge strategy“ (Keilstrategie) umzusetzen. Die Forderung, intelligente Planung oder eine steuernde Vernunft als Erklärung zuzulassen, stellt für Hemminger eine „politische und wissenschaftlich untaugliche Antwort dar“ (S. 41).

Es ist nicht ersichtlich, wieso die Annahme einer schöpferischen Intelligenz untauglich und unvernünftig sein soll. Warum müssen bestimmte Erklärungsmöglichkeiten, die nicht nur auf naturwissenschaftlich Prüfbares abheben, von vornherein ausgeschlossen werden? Wie will man umgekehrt begründen, dass der von vielen Forschern ausdrücklich bemühte Zufallsgedanke für den Ursprung der Welt und des Lebens in der Wissenschaft Platz beanspruchen darf, da er doch eindeutig weltanschaulichen Ursprungs ist?

Das Argument des Intelligent Design würde tatsächlich nur als Grund oder Vorwand benutzt, um „wissenschaftliche Inhalte aus Lehrplänen zu entfernen, sie in der Forschungsförderung zu unterdrücken und Politiker unter Druck zu setzen ...“ (S. 42).

Das gilt für die USA. Wort und Wissen hat sich eindeutig von solchen Bestrebungen distanziert. Es kann nicht darum gehen, Evolution aus den Lehrplänen zu streichen. Es ist für uns unverständlich, warum Hemminger die vor gut zwei Jahren veröffentlichte Stellungnahme von Wort und Wissen zu dieser Frage unter den Tisch fallen lässt. Wenn die Schüler aber damit konfrontiert würden, dass es neben Evolution auch andere Deutungen der Geschichte der Lebewesen gibt, wäre dies ein wichtiger Beitrag einer Erziehung zum kritischen Denken.

Weil Intelligent Design es strikt ablehne, die geforderte Intelligenz mit einem konkreten Gottesbild zu verknüpfen, könne dieser Ansatz nach Hemminger keine Unterstützung für das bieten, was der „protestantische Fundamentalismus“ beweisen möchte.

Es ist den Christen, die Hemminger mit dem ausgrenzenden Begriff „Fundamentalismus“ belegt, (hoffentlich) klar, dass es beim Intelligent-Design-Ansatz nicht um Beweise im wissenschaftlichen Sinne gehen kann. Wenn dieser Ansatz aber dazu beiträgt, das Wirken eines Schöpfers als vertretbare Alternative zur Erklärung von Historie und Wirklichkeit im Gespräch lebendig zu halten, ist viel erreicht.

Damit bleibe – so Hemminger – für das ID-Argument nur die Aufgabe eines Türöffners, „dessen Funktion in der Bezweiflung der Naturwissenschaft besteht“ (S. 42). Selbst ihrem prominentesten kirchlichen Vertreter, dem Wiener Kardinal Schönborn, kann Hemminger deshalb nur bescheinigen: „Aber er ist über die Methoden und Inhalte der Naturwissenschaft schlecht informiert und dadurch findet er sich in kreationistischer Gesellschaft wieder“ (S. 43).

Hemminger sieht in den „erfahrungsfernen“ Perspektiven des Kreationismus und des Intelligent Design, aus denen „Sektiererei und Fanatismus“ (S. 67) drohen, keine wissenschaftliche (s.o.), sondern allein eine pädagogische Herausforderung. Was mit den Kirchen und Gemeinden geschehen kann, wenn solche Positionen mit dem „nötigen Fanatismus in Gang gesetzt“ werden, versucht er im abschließenden Kapitel am Beispiel einer fiktiven „biblischen Meteorologie“ aufzuzeigen (s. dazu weiter unten!).

Wir hoffen, dass die biblische Schöpfungslehre nicht mit Fanatismus verbreitet wird, sondern mit nüchterner Überlegung, wissenschaftlich sauberem Denken und vor allem im Vertrauen auf die Wahrheit des Wortes Gottes.

Im gesamten Text weist Hemminger mehrfach auf die Gefahren des Kreationismus und des Intelligent Design hin. Diese bestünden zuerst in der Täuschung und Verunsicherung „fachunkundiger Christen“, „fachlich unkundiger Menschen“ oder von „naturwissenschaftlichen Laien in Kirche und Gemeinde“. Dies führe zweitens, so der Autor weiter, zu einer in Leserbriefen zur Schau getragenen „oft unerträglichen Arroganz und Selbstgerechtigkeit“ (S. 34) gegenüber der Evolutionstheorie und Naturwissenschaft. Evolutionskritik bedeutet für Hemminger, und darin bestehe die viel größere Herausforderung, ein Angriff auf die Wissenschaft und alle (!) ihre Ergebnisse. Denn dadurch würde man „gezwungen, große Teile der Naturwissenschaft durch alternative Thesen zu ersetzen ...“ (S. 5). Ein drittes Problem, das mit dem „wissenschaftlich irrigen“ Kreationismus und Intelligent Design heraufbeschworen werde, sei die Verhinderung des Erkenntnisfortschritts und der damit einhergehenden Blockade eines Dialogs zwischen Theologie und Naturwissenschaft. „Das Problem besteht darin, dass unser Wissen über die Natur, das offen für neue Einsichten und andere Erkenntnisse sein sollte, durch diese Positionen zur Ideologie erstarrt“ (S. 67).

Wir sind uns dieser Gefahren sehr wohl bewusst. Wir sehen aber auch die Gefahr, dass fachunkundige Christen durch eine einseitige Darstellung der Evolution als einzig mögliche Erklärungsoption in die Irre geführt werden. Deshalb ist es unser Wunsch, alternative Erklärungsmodelle, die Bezug auf das wissenschaftlich Erkennbare sowie auf das biblische Schöpfungszeugnis und die biblische Heilsgeschichte nehmen, zu entwickeln und zu präsentieren. Es ist unbestritten, dass Theorien, die sich mit dem Ursprung des Lebens beschäftigen, auf biologische Forschungsergebnisse zugreifen, die ohne evolutionäre Vorüberzeugung gewonnen wurden. Deren alternative Interpretation im Rahmen von theistischen Ursprungsmodellen bedeutet nicht, dass diese feststehenden Erkenntnisse der Wissenschaft geschmälert oder ignoriert würden. Dabei ist der SG Wort und Wissen eine ausgewogene und faire Darstellung schöpfungstheoretischer wie evolutionstheoretischer Ansätze wichtig. Der Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft wird nicht dadurch gefördert, dass beide Seiten sich auf die Denkvoraussetzungen des Naturalismus einigen, sondern dadurch, dass man sich der unterschiedlichen Denkvoraussetzungen bewusst ist und sich auf sie einlässt. Gottes Eingreifen in die Natur und ihre Geschichte (inklusive der des Menschen) grundsätzlich auszuschließen, gelänge u. E. nur, wenn man starke Beweise gegen die Existenz Gottes hätte. Das möchte Hemminger aber nicht vermitteln. Seine berechtigte Forderung, es dürfe nicht jedes bisher unerklärte natürliche Phänomen mit einem Lückenbüßer-Gott gefüllt werden, darf aber nicht zu der Behauptung führen, alle Phänomene der Welt prinzipiell ohne Gott erklären zu können.

Unser Fazit. Kirchliche Verantwortungsträger und Mitarbeiter werden ebenso wie interessierte Gemeindeglieder mit dieser EZW-Broschüre ausgesprochen einseitig und z. T. leider auch falsch informiert. Denn über die biblische Motivation der Evolutionskritiker erfahren sie in dieser Broschüre nichts. Der Leser erhält auch keine Antwort darauf, wie die biblischen Zusammenhänge von Schöpfung, Sündenfall und Erlösung in einem evolutionären Rahmen verstanden werden können. Die Darstellung von Evolution als Tatsache oder Faktum wird dem Stand der wissenschaftlichen und philosophischen Debatte nicht gerecht, entspricht aber dem gängigen Muster ihrer medialen Präsentation. Die naturwissenschaftlichen Kritikpunkte an Evolutionstheorien kommen deshalb kaum ins Blickfeld; alternative Ansätze der Evolutionskritiker werden nur am Rande angesprochen (Grundtypenbiologie) oder gar nicht erwähnt (biblisch-urgeschichtliche Geologie). Stattdessen wird der Leser mit einer wenig differenzierten Präsentation und Kritik theologischer und naturwissenschaftlicher Argumentationen des weltweiten Kreationismus konfrontiert, dem die Intelligent Design-Bewegung de facto auch zugerechnet wird. Die Studiengemeinschaft Wort und Wissen ist sich der nur summarisch zusammengestellten Schwachpunkte sehr wohl bewusst und spricht sie auch öffentlich an. Leider wird dies dem Leser vorenthalten.

Weder der Arbeit noch der Motivation von Wort und Wissen wird Hemminger mit seiner Stellungnahme gerecht. Anstelle des Titels „Mit der Bibel gegen die Evolution“ erscheint uns die Formulierung „Mit der Evolution gegen den Bibelfundamentalismus“ besser geeignet, die Leitgedanken des Textes zu charakterisieren.

Anmerkungen

1 Vgl. z. B. R. Junker: Mikroevolution, Makroevolution und ID: http://www.genesisnet.info/schoepfung_
evolution/n93.php?a=0.
2 Hübner H (2004) Glaube und Denken. Dimensionen der Wirklichkeit. 2. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck; Spaemann R & Löw R (2005) Natürliche Ziele. Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens. 2. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta; Poser H (2004) Wissenschaftstheorie. Eine Einführung. Universalbibliothek 18125. Stuttgart: Reclam.
3 Gutmann M (2005) Begründungsstrukturen von Evolutionstheorien. In: Krohs U & Toepfer G (Hg). Philosophie der Biologie. Frankfurt am Main, S. 249-266.
4 So in seinen Vorträgen. In seiner EZW-Schrift spricht er öfter vom „protestantischen Fundamentalismus“.

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