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Materialdienst 8/2008
Ingo Wiwjorra

Zwischen Spurensuche und Fiktion

Was wissen wir über die Religionen "unserer Ahnen"?

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Zur Überlieferung der Ureinwohner Australiens gehören Felszeichnungen, die zum Teil bis zu 40 000 Jahre alt sein sollen. Die Sitte, mythologische Bilder auf Felswänden festzuhalten, wird in Australien stellenweise noch bis in unsere Zeit geübt. Es heißt, dass die Bildwerke sowie eine lange Kette mündlicher Überlieferung eine für heutige Vorstellungen kaum zu begreifende Kulturkontinuität widerspiegeln. Die „Aborigines“ begreifen diese Zeitspanne als „Traumzeit“, in der sie sich in einer ewigen Verbindung zwischen den Ahnen und den zukünftigen Geschlechtern eingereiht sehen.2

Auch das Beispiel der Juden verweist auf eine ungebrochene Weitergabe von Religion und Kultur über immerhin etwa 3000 Jahre. Allerdings ist die historische Verifizierung der mythischen Entstehung des jüdischen Volkes und seines Glaubens vor dem Hintergrund neuerer archäologischer Studien nicht unproblematisch.3

Derartig lange Wege der Religions- und Kulturweitergabe haben eine große Anziehungskraft für viele Menschen unserer Zeit, die teils Bewunderung, teils Neid erkennen lassen. Die Anteilnahme bezieht sich weniger auf die Religionsinhalte, sondern schlicht auf die Attraktion des Alters und die Faszination der langen Kontinuität, die im Kontrast zur Kurzlebigkeit und Bindungslosigkeit unserer Gegenwart steht. Dass die Überlieferungen ethnisch bzw. an strenge Zugehörigkeitsregeln gebunden sind, verstärkt die Faszination eher noch, wirken sie in diesen Gruppen doch in erheblichem Maße identitätsprägend. Zwar hat bei den australischen Ureinwohnern der erzwungene und nahezu vollständige Traditionsabriss deren Existenz massiv in Frage gestellt, dennoch sehen manche von ihnen im Aufgreifen der Überlieferungen die essentielle Voraussetzung ihres ethnischen und kulturellen Fortbestehens. Auch für die Juden war das Wissen um die uralte religiöse und kulturelle Überlieferung stets ein Anlass zur Selbstvergewisserung als Schicksalsgemeinschaft oder sogar als Nation und half, antisemitischen Ressentiments zu widerstehen.

Anders als die Juden und ähnlich wie die australischen Ureinwohner mussten die christianisierten Völker Europas (und der übrigen Welt) einen Glaubenswechsel verkraften. Die klischeehafte Vorstellung von der abrupten und nur gewaltsamen Missionierung „mit Feuer und Schwert“ verstellt jedoch den Blick auf die vielschichtigen historischen Prozesse, die in Mittel- und Nordeuropa etwa zwischen dem 8. und dem 13. Jahrhundert mit der Christianisierung verbunden waren.4 Aufgrund ihres Universalitätsanspruchs sieht sich die christliche Weltreligion nicht dazu berufen, das Bewusstsein ethnischer Identität hervorzukehren. Andererseits ist zu konstatieren, dass sich die europäischen Nationsvorstellungen gerade im Anschluss an das christliche Mittelalter herausbildeten.5 Die Frage, ob dies so auch ohne den Glaubenswechsel geschehen wäre, bleibt fiktional. Aber ebenso konstruiert und vor allem politisch motiviert ist die von radikalen Anhängern einer neuheidnischen Glaubensrenaissance unterstellte Behauptung, die Christianisierung hätte bewusst auf eine Identitätsabschneidung hingearbeitet.

Mit der unter antiklerikalen Vorzeichen stehenden Diskreditierung der Christianisierung zu einem moralisch nicht zu rechtfertigenden Gewaltakt wurde häufig die Annahme verknüpft, das Heidentum habe sich in bestimmten gesellschaftlichen Nischen über Jahrhunderte zumindest bruchstückhaft erhalten. Denkbar ist wohl, dass zum Teil Generationen vergingen, bis sich der christliche Glaube nicht nur in den Eliten, sondern auch in den unteren Volksschichten festigte, zumal die lateinische Liturgie einem individuellen Verständnis der Glaubensinhalte über Jahrhunderte hinderlich war. Dies mag zur Bildung synkretistischer Traditionen beigetragen haben. Inwieweit christliche Glaubensinhalte und noch gegenwärtiges heidnisches Brauchtum miteinander verschmolzen, war und ist eine von christlichen Theologen wie neuheidnischen Autoren leidenschaftlich diskutierte Frage. Bis heute wird darüber gestritten, ob Weihnachten und Ostern originär christlich sind6 oder ob die Bräuche dieser Jahresfeste auch Relikte heidnischer Glaubensformen enthalten.7

Dispute um den Stellenwert der heidnischen Vergangenheit standen regelmäßig unter dem Eindruck bestimmter Erwartungen und gerieten dabei selbst häufig in die Nähe eines Bekenntnisaktes, der eine distanzierte historische Beschreibung des Glaubensumbruchs erschwerte. Vor allem im 19. Jahrhundert wurde der vorchristliche Glaube zunehmend positiv rezipiert und als „Deutsche Mythologie“ zum nationalen Erbe erhoben.8 Stellte diese Identifikation mit dem heidnischen Altertum das christliche Selbstverständnis der Gegenwart zunächst noch nicht grundsätzlich in Frage, ist seit der Wende zum 20. Jahrhundert eine Radikalisierung dieser produktiven Aneignung vorchristlicher Glaubensformen zu beobachten, die bis zu Bestrebungen einer Renaissance bzw. eines Neuentwurfs heidnischer Religionsvorstellungen reicht.

Das hier unter dem Begriff des Neuheidentums zusammengefasste Spektrum einer rückwärtsgewandten Religionssuche ist von den gleichzeitig spürbar werdenden Krisenerscheinungen der Moderne nicht zu trennen. Diese vor allem milieubedingt und dort vorwiegend subjektiv empfundene „Krise der Moderne“ lässt sich mit drei Beispielen illustrieren: Erstens sind soziale Verwerfungen zu verzeichnen, die Folgen der mit der Industrialisierung verbundenen Umbrüche sind. Die sichtbare Veränderung insbesondere der ländlichen Räume durch Industriebetriebe, Verstädterung, Verkehr und Migrationen in vorher kaum gekanntem Ausmaß hinterließ ein Gefühl der Entwurzelung, das als Reaktion eine facettenreiche Reformkultur hervorbrachte. Zweitens lassen die Konzepte zur Bewältigung der gesellschaftlichen Konflikte eine Radikalisierung des politischen Denkens erkennen: Sozialrevolutionärer Umsturz oder völkische Wiedergeburt sind Eckpfeiler des Argumentationsspektrums, gegenüber denen demokratische Liberalität als fauler Kompromiss erschien. Drittens lässt sich die Zuspitzung einer Glaubenskrise konstatieren, die aus der Unvereinbarkeit von moderner Naturwissenschaft und Bibel resultierte. Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie traten in einen unversöhnlichen Gegensatz, der Formen eines massenmedial ausgetragenen Kulturkampfes annahm.9 Einzelne Inhalte und Formen der Krisenphänomene des ausgehenden 19. Jahrhunderts haben noch immer Aktualität. Das in dieser Zeit aufkommende Neuheidentum existiert bis heute und spiegelt die Identitäts- und Modernitätskrise in besonderem Maße wider.10 Bei dem Versuch, die Frage zu beantworten „Was wissen wir über die Religionen ‚unserer Ahnen’?“11, müssen die aus der umrissenen Modernitätskrise handlungsleitenden Motivationen berücksichtigt werden, weil diese die im 19. und 20. Jahrhundert gegebenen Antworten maßgeblich mitprägten und zum Teil noch heute relevant sind. Die mit der Frage verbundenen Erwartungshaltungen und Erkenntnisinteressen zwingen aber zu einer Präzisierung der Aufgabenstellung: Was meinen Neuheiden heute über die Religionen „unserer Ahnen“ zu wissen, und welchen methodischen Problemen und wissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeiten stehen sie gegenüber?

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Anmerkungen

1 Eine inhaltlich erweiterte und durch weiterführende Literaturverweise ergänzte Fassung dieses Beitrages erscheint demnächst in: G. Ulrich Großmann / Uwe Puschner (Hg.), „Völkisch“. Denktraditionen und Mythenbildung im 21. Jahrhundert, Darmstadt.
2 Gerhard Leitner, Die Aborigines Australiens, München 2006.
3 Zum Problem der historischen Fassbarkeit frühester jüdischer Religionsbildung siehe Hans Küng, Das Judentum. Wesen und Geschichte, München / Zürich 2007, 47-53. Zu den Widersprüchen zwischen mythischer Überlieferung und archäologischem Befund siehe Israel Finkelstein / Neil A. Silberman, Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel, München 2004.
4 Lutz E. v. Padberg, Die Christianisierung Europas im Mittelalter, Stuttgart 1998.
5 Caspar Hirschi, Wettkampf der Nationen. Konstruktionen einer deutschen Ehrgemeinschaft an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, Göttingen 2005.
6 Thomas Gandow, Weihnachten. Glaube, Brauch und Entstehung des Christfestes, München 21994; Jens Herzer, Die Ursprünge der kirchlichen Feste. Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Weihnachten und ihre biblischen Grundlagen (= Brennpunkt Bibel 2), Stuttgart 2006.
7 Aus neuheidnischer Sicht z. B. Géza v. Neményi, Die Wurzeln von Weihnacht und Ostern. Heidnische Feste und Bräuche, Holdenstedt 2006.
8 Wolf-Daniel Hartwich, „Deutsche Mythologie“. Die Erfindung einer nationalen Kunstreligion (= Kulturwissenschaftliche Studien  3), Berlin / Wien 2000.
9 Horst Groschopp, Dissidenten. Freidenkerei und Kultur in Deutschland, Berlin 1997.
10 Stefanie v. Schnurbein / Justus H. Ulbricht, Völkische Religion und Krisen der Moderne. Entwürfe „arteigener“ Glaubenssysteme seit der Jahrhundertwende, Würzburg 2001.
11 Dieser Beitrag geht auf das Angebot zurück, anlässlich des 13. Ostelbischen Fortbildungsseminars zum Thema „Renaissance germanischer Kulte im Rechtsextremismus?“ zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Das Seminar wurde von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Dialog Zentrum Berlin und dem kirchlichen Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen vom 5. bis 7.11.2007 im Bildungszentrum Schloss Wendgräben durchgeführt.

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