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Materialdienst 12/2008
Reinhard Hempelmann

Protestphänomen Sekte

Annäherungen an einen umstrittenen Begriff

Obwohl das Wort „Sekte“ vieldeutig und für den religiös-weltanschaulich neutralen Staat von keinem das religiöse Leben bestimmenden Gewicht ist, behält es im Kontext von Kirche, Theologie und Religionswissenschaft seine Bedeutung. Es ist die Bezeichnung der Kirche bzw. der Mutterreligion für häretische Abspaltungen, die das eigene Selbstverständnis im dezidierten Gegenüber zu ihr entwickelt haben. Sekten stehen in Lehre und Praxis einer Religion gegenüber, von der sie sich getrennt haben. Insofern impliziert der Sektenbegriff Konflikte und Auseinandersetzungen im Beziehungsfeld Kirche/Religion und Sekten, zu denen wechselseitige Abgrenzungen gehören. In unterschiedlichen geschichtlichen Situationen steht kirchliches Handeln vor der Aufgabe, die Identität des Glaubensgutes zu wahren und nach derjenigen Übereinstimmung in Glaubenslehre und -praxis zu fragen, die für die Einheit der Kirche schlechterdings notwendig ist. Das beinhaltet die Möglichkeit der Unterscheidung gegenüber Gemeinschaften, „die mit christlichen Überlieferungen wesentliche außerbiblische Wahrheits- und Offenbarungsquellen verbinden und in der Regel ökumenische Beziehungen ablehnen“ (Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen). Vergleichbare Auseinandersetzungen und Abgrenzungen lassen sich auch in anderen Religionen (u. a. Hinduismus, Buddhismus, Islam) beobachten, auch wenn das Gegenüber von Ortho- und Heterodoxie bzw. Kirche und Sekte dort kaum ein so großes Gewicht hat wie im Christentum.

Philologisch leitet sich dieser klassische, konfessionskundlich und theologisch orientierte Sektenbegriff von griechisch „hairesis“, lateinisch „secta“, und dem lateinischen Verb „sequi“ (folgen) ab und bezeichnet im ursprünglichen Sinn eine Richtung, Partei, Schule, Gefolgschaft. In diesem Sinne wurden die Anhänger Jesu von Nazareth „Sekte“ genannt (Apg 24,5). Die Ableitung vom lateinischen Verb „secare“ (abschneiden, -trennen) ist etymologisch unzutreffend, hat die Begriffsgeschichte teilweise jedoch mit bestimmt. Obgleich ursprünglich neutral verwendet, wurde der Sektenbegriff in der Christentumsgeschichte nicht als Beschreibungs-, sondern als Bewertungsbegriff aus der Perspektive eines normativen Standpunktes wirksam. Er ist zugeschriebene Fremdbezeichnung und keine Selbstdefinition. Dies beginnt bereits im Neuen Testament, wo „hairesis“ die negative Bedeutung von Sondergruppe und (Ab-)Spaltung annimmt (Apg 24,14; 1. Kor 11,19; Gal 5,20).

Phänomene und Terminologien

Als Definitionskriterien für die als Sekten bezeichneten Gruppen lassen sich anführen: religiöse Ausrichtung, kultische Praxis (im Unterschied zu Weltanschauungsgemeinschaften, für die dies nicht zwingend ist), fundamentale Differenzen zur Mutterreligion, die nicht nur stilistischen, sondern kanonischen Charakter haben (z. B. Abwertung bzw. Ergänzung des biblischen Kanons, Ablehnung des trinitarischen oder christologischen Bekenntnisses, eklektische Rezeption der christlichen Tradition). Die Abspaltung von der Mutterreligion kann unmittelbar sein, sie kann aber auch eine sich auf neue Offenbarungen, Visionen und paranormale Erfahrungen berufende Weiterentwicklung sein.

Diesem klassischen Verständnis lassen sich zahlreiche aus der christlichen Tradition kommende Gruppen zuordnen, u. a. die beiden im deutsch-sprachigen Bereich zahlenmäßig größten Gruppen: Neuapostolische Kirche und Jehovas Zeugen – ebenso die Christliche Wissenschaft / Christian Science und die Christengemeinschaft. Weitere Merkmale wie exklusives Heilsverständnis, aggressive Missionspraxis, scharfe Abgrenzungen zur Außenwelt, hierarchische Leitungsstrukturen, normierte Lebenspraxis kommen in zahlreichen Sekten vor, sind aber nicht in jedem Fall charakteristisch und nicht verallgemeinerungsfähig.

Erweiterungen und eine nicht zu übersehende Unschärfe hat der aus dem theologischen Kontext kommende Begriff der Sekte seit den 80er Jahren u. a. durch seine Assoziierung mit den so genannten Jugendreligionen und meist hinduistisch geprägten Gurubewegungen (Hare Krishna / ISKCON, Vereinigungskirche, Kinder Gottes, Transzendentale Meditation, Bhagwan- bzw. Osho-Bewegung) erfahren, die mit ihrer „schockierenden Fremdheit“ (Werner Thiede) und ihren umstrittenen Werbemethoden zahlreiche Konflikte im familiären und gesellschaftlichen Kontext verursachten und nicht nur kirchliche, sondern auch staatliche Reaktionen auslösten (in zahlreichen deutschen Bundesländern und verschiedenen europäischen Staaten, u. a. in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz, Österreich und Schweden). Ebenso wurde der Begriff Sekte auf pseudoreligiöse, therapeutische und ideologische Gruppen und Gemeinschaftsbildungen angewendet (Scientology, LaRouche-Bewegung u. a.).

Der säkularisierte und umgangssprachlich (Medien, populäre Literatur) ausgerichtete Sektenbegriff bezieht sich auf ethisches Fehlverhalten und signalisiert Konfliktträchtigkeit: fanatisch vertretene Überzeugungen, autoritäre Binnenstrukturen, Vereinnahmungstendenzen, scharfe Abgrenzungen nach außen, manipulative Werbung etc. Die unter diesen Begriff gefassten Gruppierungen weisen in religiöser Hinsicht unübersehbare Unterschiede auf. Ihre Gemeinsamkeit liegt im Aufbau radikaler Gegenwelten, die der Lebensweise offener, pluralistischer Gesellschaften entgegenstehen. Die Sektenabhängigkeit lässt sich aus den sozialen Beziehungen in der Gruppe erklären, nicht durch Theorien einer Gehirnwäsche.

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt die Sektenthematik in der Öffentlichkeit durch militante Extremgruppen, deren weltpessimistische Wirklichkeitsauffassungen bis zu apokalytisch motivierten Massenselbstmorden und Morden gesteigert wurden. Die erlösende Entrückung aus der untergehenden Welt in eine bessere war das Motiv zur Selbstvernichtung der Anhängerinnen und Anhänger der UFO-Sekte Heavens Gate (1997). Auch die esoterisch geprägten Sonnentempler haben vor dem Hintergrund eines gesteigerten apokalyptischen Weltverständnisses das Verlassen der Welt propagiert und in aufsehenerregenden Aktionen inszeniert (1995). In ähnlich motivierten Zusammenhängen standen der Giftgasterror in der Untergrundbahn in Tokio durch die neubuddhistische Gruppe Aum Shinrikyo (1995) und das Feuergefecht mit der adventistisch beeinflussten Endzeitgemeinschaft der Davidianer (1993) in Waco/Texas mit über 70 Toten. Eine Gesamtdeutung des Sektenphänomens lässt sich anhand militanter Einzelgruppen nicht vollziehen. Sie stellen extreme Beispiele für den Missbrauch von Religion dar.

Die Ausweitung und die vieldeutige Verwendung des Sektenbegriffs wird auch in terminologischen Unsicherheiten deutlich. Regierungsamtliche Stellungnahmen sprechen von „neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen“ oder von „sogenannten Sekten“. Auf Seiten katholischer Theologie redet man von „neuen religiösen Bewegungen und Sekten“. Andere Bezeichnungen wie Kulte („cults“) bzw. destruktive Kulte („destructive cults“) werden von Betroffeneninitiativen und Antikultgruppen aufgegriffen und beziehen sich teilweise auf dieselben Phänomene. In religionswissenschaftlichen Studien, die sich wertneutral verstehen, wird der Begriff Sekte als unsachgemäß abgewiesen, u. a. mit dem Argument, dass er Vergleichbarkeit suggeriert, die nicht gegeben ist, und in abwertender Weise sehr unterschiedliche Phänomene und Gemeinschaftsbildungen bezeichnet. Stattdessen werden neutrale Begrifflichkeiten vorgeschlagen: z. B. neue religiöse Bewegungen (new religious movements), neue Religionen, nicht konventionelle Religionen, neureligiöse Bewegungen. Diese Bezeichnungen verzichten zwar auf jegliches Werturteil, sind aber wenig aussagekräftig. Auch auf kirchlicher und theologischer Seite gab und gibt es verschiedentlich Versuche, den Begriff Sekte fallen zu lassen bzw. zu ersetzen. Sie setzten sich jedoch nicht durch. Der Vorschlag, Sekte durch den Begriff „sektiererisch“ zu ersetzen und mit ihm charakteristische Elemente wie Elitebewusstsein, ethischen Rigorismus, Verengung des religiösen und geistigen Horizonts, Reduktion der Sprache etc. zu verbinden, übersieht den Sachverhalt, dass Sekten ein soziales und nicht nur ein individuelles Phänomen sind, zu dem ein gewisses Maß an Institutionalisierung, an Stabilität und Verbreitung gehört.

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