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Materialdienst 12/2008
Psychoszene / Psychotraining

Wohin entwickelt sich der Coaching-Markt?

(Letzter Bericht: 5/2007, 189f) Dem Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) scheint es ein Dorn im Auge zu sein, dass sich auf dem florierenden Coaching-Markt zahlreiche Anbieter tummeln, die keine Psychologen sind. Deshalb hat der Sektionsvorsitzende der Wirtschaftspsychologie im BDP angekündigt, eine eigene Zertifizierung psychologischer Coachs anzubieten. Manche Verbandsmitglieder gehen nämlich davon aus, dass viele Coaching-Prozesse deshalb scheitern, weil nicht-psychologischen Coachs das Wissen fehle, psychische Störungen zu erkennen, oder sie mit der Psychodynamik helfender Beziehungen nicht vertraut seien. Die festgelegten und überprüfbaren Qualitätsstandards eines professionellen Berufsverbandes sollen dem Nutzer helfen, sich fachlichen Führungskriterien anzuvertrauen und keinem Motivationsguru auf den Leim zu gehen.

Im Unterschied zur Supervision, die zu einem bewährten Instrument zur Reflexion und Optimierung beruflicher Praxis auch in der Kirche geworden ist1, sind die Entwicklungsziele eines Coachingprozesses schwer zu bestimmen. Zynisch fragt Christian Schüle in seinem Dossier über „Das gecoachte Ich“: „Heißt Coaching, den Einzelnen zu optimieren, um ihn besser auszubeuten?“2 Trotz der unklaren Zielrichtung investieren Unternehmen hohe Summen in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt die Weiterbildung in den Betrieben mit insgesamt 200 Millionen Euro. Kommunikationsfähigkeit, Teamgeist und fachliches Know-how sollen verbessert werden. Weil es jedoch schwierig bis unmöglich ist, die eigenen Schwächen grundsätzlich zu überwinden und starre Systeme zu verändern, kommen manche Experten zu dem Ergebnis: „Weiterbildung – bringt nichts!“3

Weil der Begriff „Coaching“ nicht geschützt ist und keine klare fachliche Anbindung hat, tummeln sich unter diesem Label die unterschiedlichsten Angebote: Es gibt Glückscoachs, Hypnose-, Astro- und Tantracoachs, Bachblüten- und Kinesiologie-Coaching (der „feinstoffliche Mensch“), Shamanic Selling (Verkaufen mit dem Unterbewusstsein) und Berater, die Karrierewege anhand der Schädelform ablesen wollen. Spirituelles Coaching liegt ganz im Trend einer Wiederkehr des Religiösen.4

Der Nährboden dieser Wiederkehr des Religiösen trägt auch zur Wiederbelebung von sektenhaften Strukturen bei. Davon profitieren jedoch weniger die klassischen, institutionalisierten Gruppen wie etwa die Zeugen Jehovas. Die individuumszentrierte Religiosität kreist vielmehr um die beiden Ur-Sehnsüchte Gesundheit und Erfolg. Deshalb boomen „neureligiöse und spirituelle Kleingruppen um Gurus und erleuchtete Meister“5, die ihren Schwerpunkt entweder auf Heilung oder auf Erfolg legen. Die problematischen Märkte sind die Alternativmedizin bzw. der Psychomarkt und die Coaching-Szene.

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Anmerkungen

1 Michael Klessmann / Kerstin Lammer (Hg.), Das Kreuz mit dem Beruf. Supervision in Kirche und Beruf. Neukirchen-Vluyn 2007.
2 Christian Schüle, Das gecoachte Ich, in: Die Zeit vom 21.8.2008, 15-17, hier 17.
3 Richard Gris, Weiterbildung – bringt nichts! In: Psychologie Heute 9/2008, 76-80.
4 Klaus Horn, Spirituelles Coaching, Berlin 2007. Als ein exemplarisches diesbezügliches Angebot sei auf die „Change-Agentur“ von Mushin J. Schilling hingewiesen (www.change-agency.org).
5 Hansjörg Hemminger / Annette Kick / Andrew Schäfer, Ein Land voller Propheten. Neureligiöse und spirituelle Kleingruppen um Medien, Gurus und erleuchtete Meister, in: MD 5/2008, 163-173, und 6/2008, 203-212.

Michael Utsch

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