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Materialdienst 7/2008
Andreas Fincke

Die Grab-Altar-Kapelle in der Schlosskirche zu Ostrau

Ein anthroposophisches Kleinod

Nördlich von Halle an der Saale, kurz hinter dem beliebten Ausflugsziel Petersberg, liegt der kleine Ort Ostrau. In der dortigen Schlosskirche kann man Erstaunliches entdecken: Vor 75 Jahren wurde die Patronatsloge zu einer anthroposophisch inspirierten Grab-Altar-Kapelle umgebaut. Es dürfte keine zweite evangelische Kirche in Deutschland geben, in die ein Andachtsraum nach anthroposophischen Vorstellungen eingebaut ist.

In vielen Kirchen gibt es Patronatslogen. Das sind jene besonderen Räumlichkeiten im Kirchenschiff, die dem Patron bzw. Rittergutsbesitzer und seiner Familie vorbehalten waren. Patronatslogen sind oft prunkvoll ausgestattet. Heute werden sie unterschiedlich genutzt. Die seitlich an das Kirchenschiff angebaute Patronatsloge der Schlosskirche zu Ostrau ist nicht groß, verfügt aber, nicht zuletzt wegen ihrer Fenster, über einen außerordentlichen Zauber. Sie kann mit Recht als ein besonderes spirituelles Kleinod bezeichnet werden.

Das Schloss Ostrau gehört zu den bedeutendsten Barockschlössern Sachsen-Anhalts. Bis 1945 war es im Besitz der Familie von Veltheim. Ludwig von Veltheim veranlasste im Jahr 1713 den Bau des zweigeschossigen, dreiflügligen Barockschlosses. Ursprünglich stand hier eine Wasserburg, deren Gräben auch das neue Schloss umgeben sollten. 1764 ließ Friedrich August von Veltheim einen ersten Schlosspark als sog. „Lustwald“ anlegen. Schon damals beeindruckte die Anlage mit ihrer Reichhaltigkeit an fremden und seltenen Bäumen und Sträuchern.

1927 erbte Hans-Hasso von Veltheim den Familienbesitz. In den folgenden Jahren ließ er das Schloss vollständig sanieren und umbauen. Im Südflügel richtete er eine umfangreiche Bibliothek ein und trug eine ungewöhnliche Kunstsammlung zusammen. Besonderes Augenmerk richtete Veltheim auf die Pflege des großen Schlossparks. Hier ließ er eine Fülle exotischer Bäume und Pflanzen setzen. Teilweise soll er die Samen von seinen Reisen selbst mitgebracht haben. Den Parkwegen gab er Namen, die auf seine besonderen Interessen hinweisen. So entstand ein „Pfad der Ferne“, ein „Pfad der Nähe“ und ein „Rudolf-Steiner-Pfad“.

Hans Hasso von Veltheim begegnet der Anthroposophie

Hans Hasso von Veltheim wurde am 15. Oktober 1885 in Köln geboren. Der Familientradition folgend begann er eine Militärlaufbahn, doch schon bald wandte er sich anderen Interessen zu. So studierte er Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte. 1912 promovierte er mit einer Arbeit über burgundische Kleinkirchen. Schwierig waren die Jahre des ersten Weltkriegs. Veltheim war oft in Berlin. Hier hatte er eine folgenschwere Begegnung: Am Nachmittag des 27. Januar 1918 traf er erstmals Rudolf Steiner, den geistigen Vater der Anthroposophie. Das vierstündige Gespräch berührte ihn tief und gab seinem Leben eine ungeahnte Wendung. Später hat er häufiger berichtet, dass er Steiner und seiner Lehre viel verdankt und die finsteren Jahre zwischen 1933 und 1945 nur dank Steiners Anthroposophie überstehen konnte.1

Man kann die Anthroposophie („Menschenweisheit“) als eine esoterische Weltanschauung beschreiben. Steiner war von 1902 bis 1913 Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Er trennte sich jedoch von den Theosophen und entwickelte ab 1913 die Anthroposophie, für die er auch die Bezeichnung „Geisteswissenschaft“ verwendete. Es handelt sich hierbei um einen Erkenntnisweg, der „das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall“ führen möchte. Für die Erkenntnis höherer Welten entwickelte Steiner einen entsprechenden Schulungs- oder Meditationsweg. Er beruft sich bei der Darlegung der Kosmologie und seines Menschenbildes auf übersinnliche Erkenntnis, die er aus der „Akasha-Chronik“, einer Art Weltgedächtnis, gewonnen haben will. Steiner bezeichnet die Anthroposophie als „Geheimwissenschaft“, als Weg der Erkenntnis, der nur Eingeweihten zugänglich ist, für Außenstehende jedoch „okkult“, verborgen, bleibt.2

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde die Anthroposophie durch die Waldorfpädagogik, die biologisch-dynamische Landwirtschaft (Demeter) sowie durch Erscheinungsformen alternativer Medizin (Weleda) bekannt. In besonderer Weise sieht sich die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, die ihren Sitz in Dornach bei Basel (Schweiz) hat, Steiners Erbe verpflichtet. Auf religiösem Gebiet wird der Einfluss der Anthroposophie in der Christengemeinschaft besonders deutlich. Diese Gemeinschaft wurde 1922 im Beisein Rudolf Steiners gegründet. In Deutschland hat die Gemeinschaft mit dem Untertitel „Bewegung für religiöse Erneuerung“ einige zehntausend Mitglieder und Freunde.

Bis zu Steiners Tod im Jahre 1925 hielt Veltheim intensiven Kontakt. 1920, als Steiner im Schweizer Dornach bei Basel das erste „Goetheanum“ einweihte, verbrachte Veltheim gut vier Wochen im Zentrum der anthroposophischen Bewegung.

Hans Hasso von Veltheim wurde zu dem, was man im besten Sinne des Wortes als Weltbürger bezeichnen kann. Er unternahm Reisen nach Indien, Afghanistan und Südostasien, schrieb zahlreiche Bücher, traf sich mit vielen Geistesgrößen seiner Zeit und führte reichlich Korrespondenz.

Er begegnete Rainer Maria Rilke, Gerhart Hauptmann, Oswald Spengler, Hermann Graf Keyserling, Alexander und Imogen von Bernus, Emil Bock, Annie Besant und Krishnamurti. Politisch stand er mit Walther Rathenau, Gustav Stresemann, Aristide Briand und später auch mit den Verschwörern des 20. Juli 1944 in Verbindung. Eine engere Freundschaft verband ihn mit dem Sinologen Richard Wilhelm und dem Berliner Oberrabbiner Leo Baeck. So wurde der kleine und unscheinbare Ort Ostrau, genauer das Ostrauer Schloss, zu einem Zentrum des Geisteslebens.

1931 ließ Veltheim im Park ein Denkmal für seinen im Vorjahr verstorbenen Freund, den Sinologen Richard Wilhelm, errichten. Den Stein zierte eine chinesische Steinplastik, die eine Guanyin (eine buddhistische Göttin) darstellte. Es folgten weitere Denkmäler und Statuen mit Bezug zur östlichen Philosophie.

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Anmerkungen

1 Vgl. Karl Klaus Walther, Hans Hasso von Veltheim. Eine Biographie, Halle 2005, 69.
2 Zur Anthroposophie vgl. genauer: R. Hempelmann u.a. (Hg.), Panorama neuer Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Gütersloh 22005, 248ff.

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