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Materialdienst 7/2008
Lutz Lemhöfer

Heimliche Religion im Kriminalroman

Das Beispiel Skandinavien

Das Genre Kriminalroman

„Der Kriminalroman trägt alle Merkmale eines blühenden Literaturzweiges zur Schau.“1 Der Satz ist nicht neu, er stammt von Bertolt Brecht, der ihn 1940 in einem Essay über die Popularität des Kriminalromans notiert hat. Heutzutage stimmt diese Aussage mehr denn je. Nach internationalen Schätzungen sind 25% aller literarischen Neuerscheinungen Kriminalromane; ebenso erklärt ein Viertel aller Menschen, die sich bei Umfragen als „Leser/-innen“ bezeichnen, sie läsen auch Krimis. Wenn man noch die Omnipräsenz des Krimis im Film und besonders im Fernsehen hinzunimmt, kann man die gesellschaftliche Bedeutung dieses Genres ermessen.

Das Genre verbindet auf glückliche Weise Erwartbares und Unerwartbares. Oder noch einmal mit Brecht: „Der Kriminalroman hat ein Schema und zeigt seine Kraft in der Variation. Die Tatsache, dass ein Charakteristikum des Kriminalromans in der Variation mehr oder weniger festgelegter Elemente liegt, verleiht dem Ganzen sogar das ästhetische Niveau.“2

Zum Schema gehört sicher dies: Ein Verbrechen ist geschehen, ein amtlicher oder nichtamtlicher Ermittler bemüht sich um Aufklärung, die zumeist ihn und auch andere in bedrohliche Situationen bringt. Diese auch Spannung erzeugende Bedrohung, der „thrill“, endet mit der Entlarvung des Täters, mit der dann auch der Gerechtigkeit genüge getan wird. Dieses Schema ist aber wiederum unglaublich aufnahmefähig für unterschiedlichste lokale, regionale und gesellschaftliche Subtexte. Das wird weidlich genutzt. Die reinen Rätsel-Krimis etwa von Edgar Wallace sind heute weit weg, wenn beispielsweise bei Henning Mankell die negative Seite der Globalisierung in Form osteuropäischer Mafia oder politisch motivierter Killerkommandos aus dem Südafrika der Apartheid ins beschauliche Südschweden schwappt – oder wenn im deutschen „Tatort“ zeitnah Themen wie NS-Vergangenheit (Wehrmachtsausstellung), Sextourismus oder Wiedervereinigung die Folie kriminalistischer Aufklärung bilden. Ich zitiere Jochen Vogt, einen der wenigen universitären Krimi-Forscher: „Ungeachtet seiner durch und durch kommerziellen Natur hat sich ‚der Krimi’ zu einem Instrument entwickelt, mit dem die Gesellschaft sich selbst beobachten kann – gerade auch dort, wo sie sich immer weniger versteht.“3

Krimi und Religion

Dies gilt dann auch für den Bereich der Religion, wobei das nicht wirklich überraschend kommt. Immer geht es schließlich um Gut und Böse, was ja der Theologie nicht fern liegt. Für die theologische Betrachtung hat das Genre Kriminalroman einen weiteren entscheidenden Vorzug: Es geht nie um Banalitäten. Per definitionem beschäftigt er sich mit extremen Situationen: Mord und Totschlag, Schuld und Sühne, Leidenschaft und Verzweiflung, Situationen also, in denen es ums Ganze geht und die nicht selten moralische und philosophische Fragen aufwerfen. Da finden das Geistliche und der Geistliche durchaus Raum.

Dies kann auf dreierlei Weise geschehen: entweder durch einen geistlichen Fahnder, der die Maßstäbe seines Berufsstandes in die Suche nach dem Täter einbringt und damit unerwartete Perspektiven eröffnen kann, oder durch ein religiöses Milieu, in dem oder vor dessen Hintergrund ein Verbrechen stattfindet. Höchst spannend wird dann die Frage, ob dieses Milieu – Kloster, Gemeinde, Kirchentag – lediglich die zufällige Kulisse einer kriminellen Tat darstellt oder ob diese ihre Wurzeln in dem religiös begründeten Beziehungsgeflecht findet. Drittens kann man manchmal auch ertragreich einen völlig säkularen Krimi aus religiöser oder theologischer Perspektive betrachten. Schuld – Unschuld; Recht – Unrecht: Das sind ja nicht nur juristische Kategorien, sondern auch theologische.

Diese dritte Fragestellung soll hier im Mittelpunkt stehen, ohne die beiden anderen ganz außen vor zu lassen. Denn die klassischen geistlichen Ermittler vom Schlage eines „Father Brown“ bei Gilbert K. Chesterton sind nun doch schon etwas angejahrt (auch wenn es im deutschen Fernsehen plattfüßige Adaptionen mit Ottfried Fischer als neuzeitlichem „Pfarrer Braun“ gibt), ebenso der klassische Pfarrhof etwa in Dorothy Sayers’ „Der Glocken Schlag“. Hier geht es darum, religiösen Themen auch in einem sehr säkularen Milieu nachzugehen, und dafür eignet sich die bei uns sehr populäre skandinavische Krimi-Kultur besonders gut.

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Anmerkungen

1 Bertolt Brecht, Über die Popularität des Kriminalromans. Gesammelte Werke, Bd. 19, Frankfurt/M. 1969, 450.
2 Ebd.
3 Jochen Vogt, Krimi international, in: Der Deutschunterricht 2/2007, 4
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