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Materialdienst 7/2008

Evangelikalismus ist nicht Fundamentalismus

Einzelne Medienvertreter haben gegenwärtig großes Interesse daran, die religiöse Situation in Deutschland so darzustellen, dass sie zum Abbild nordamerikanischer Verhältnisse wird. Demnach gibt es auch in Deutschland die Gefahr eines politisch einflussreichen christlichen Fundamentalismus. Man sieht Kräfte am Werk, die auf der Grundlage eines wortwörtlichen Bibelverständnisses Einfluss nehmen und eine neue Ordnung für das gesellschaftliche Zusammenleben einführen wollen. Verwiesen wird auf die wachsende Bedeutung neuer freikirchlicher Gemeinschaftsbildungen für junge Menschen, die Attraktivität enthusiastischer Ausdrucksformen der christlichen Frömmigkeit, die öffentlichen Kontroversen über Veranstaltungen beim Christival in Bremen. In Fernsehbeiträgen wie „Jesus’ junge Garde“ (2005), „Jesus Camp“ (2006) oder „Die Hardliner des Herrn“ (2007) wurden Evangelikale teilweise pauschal mit christlichen Fundamentalisten gleichgesetzt: Sie kämpfen gegen Homosexualität, Feminismus und Abtreibung, gegen die Evolutionslehre an öffentlichen Schulen, gegen die historisch-kritische Bibelforschung, mit Hilfe exorzistischer Praktiken gegen Dämonen und den Teufel. Sie erziehen unsere Kinder und Jugendlichen zu religiösen Eiferern. Ist eine christliche Rechte in Deutschland auf dem Vormarsch? Verbinden sich das Erlebnis der Wiedergeburt und das Erfülltsein mit dem Geist erkennbar mit politischen Optionen? Ist die Betonung der unbedingten Geltung der Heiligen Schrift mit der für fundamentalistische Bewegungen charakteristischen Überzeugung verknüpft, „auf der Grundlage der heiligen Texte eine neue Gesellschaft aufzubauen“ (Gilles Kepel)? Aus verschiedenen Gründen ist die Gleichsetzung der evangelikalen Bewegung mit dem christlichen Fundamentalismus unangemessen und nicht zutreffend:

1. Deutschland gehört, wie der nordamerikanische Fundamentalismusforscher Martin Marty mit Recht sagt, zum „fundamentalismusschwachen Gürtel, ... der von Europa über Kanada und die nördlichen Teile der Vereinigten Staaten bis nach Japan reicht“. In Deutschland artikulieren sich politisierte Formen des Fundamentalismus beispielsweise in christlichen Kleinparteien, wie der Partei Bibeltreuer Christen (PBC) oder der Christlichen Mitte (CM). Aus allen bisherigen Wahlergebnissen wird sichtbar, dass beide Parteien politisch einflusslos bleiben. Der christliche Fundamentalismus in seinen protestantischen oder katholischen Spielarten stellt sich in unserem Kontext vor allem als kirchenpolitische, seelsorgerliche und ökumenische Herausforderung dar.

2. Eine Gleichsetzung von Evangelikalismus und Fundamentalismus ist historisch nicht gerechtfertigt. Die Wurzeln der evangelikalen Bewegung liegen im Pietismus, im Methodismus und in der Erweckungsbewegung. Vorläufer hat sie in Bibel- und Missionsgesellschaften, in der Bewegung der Christlichen Vereine junger Männer und Frauen, der Gemeinschaftsbewegung sowie der 1846 in London gegründeten Evangelischen Allianz. Bereits die geschichtliche Entwicklung belegt, dass der Evangelikalismus an „vorfundamentalistische Strömungen“ anknüpft und innerhalb der Bewegung ein breites Spektrum an Ausprägungen der Frömmigkeit erkennbar wird. Die fundamentalistische Bewegung ist nicht Fortsetzung des Evangelikalismus, sondern ein neues, modernes Phänomen, das aus einer Verengung des evangelikalen Erbes hervorgegangen ist.

3. Der zu beobachtende Hang von Teilen des nordamerikanischen Evangelikalismus zur Verwischung der Grenze zwischen Religion und Politik kann im Blick auf Europa und Deutschland nicht bestätigt werden. Evangelikale Strömungen gewinnen zwar hier an Bedeutung, allerdings vorrangig im gemeindlichen und kirchlichen Kontext.

Dabei wird auch deutlich, dass sich die evangelikale Bewegung in Deutschland – zu ihr gehören nach Angaben der Deutschen Evangelischen Allianz ungefähr 1,3 Millionen Christinnen und Christen hauptsächlich aus evangelischen Landeskirchen (ungefähr die Hälfte) und evangelischen Freikirchen – keineswegs einheitlich darstellt. Sie umfasst verschiedene Richtungen und reicht von dem in den evangelischen Landeskirchen verwurzelten pietistischen Gemeinschaftschristentum bis zu enthusiastischen und separatistischen Gruppen. In der Außenperspektive lassen sich sehr verschiedene Positionen unter dem Stichwort Evangelikalismus zusammenfassen. Allzu pauschal wird oft von den Evangelikalen gesprochen. Welche Evangelikalen sind gemeint? Die Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“, die Initiativen wie ProChrist und Willow Creek pointiert ablehnt, oder die Deutsche Evangelische Allianz, die ProChrist und Willow Creek mit Nachdruck unterstützt? Stellungnahmen zur evangelikalen Bewegung und zum christlichen Fundamentalismus erfordern differenzierende Wahrnehmungen und Urteilsbildungen. Zwischen beiden gibt es Zusammenhänge und Übergänge. Beide sind gleichwohl zu unterscheiden.

4. In einer Studie zu transkonfessionellen Bewegungen aus dem Jahr 1976 wurde darauf hingewiesen, dass die Herausforderung evangelikaler Bewegungen für die historischen Kirchen darin liegt, „angesichts einer oft formellen, unverbindlichen Christlichkeit ... die Notwendigkeit persönlicher Entscheidung und Verpflichtung zu erkennen und zu betonen ... und alle Formen kirchlichen Lebens, christlichen Zeugnisses und kirchlichen Dienstes ... unter die Norm der Heiligen Schrift zu stellen“. Ein solches Anliegen hat seine Berechtigung. Mit dem Begriff Fundamentalismus wird wertend und kritisch auf die Schattenseiten und Fehlentwicklungen protestantischer Erweckungsfrömmigkeit hingewiesen. Fundamentalismus ist die Gefährdung des Evangelikalismus. Beides wäre für den öffentlichen Diskurs über christliche Orientierungen problematisch: wenn entschiedene Überzeugungen pauschal unter Fundamentalismusverdacht gestellt würden; wenn die Frage nach christlicher Identität hauptsächlich und primär durch Abgrenzung – antipluralistisch, antihermeneutisch, antifeministisch, antievolutionistisch – beantwortet würde, bei gleichzeitiger Aufrichtung von starker „patriarchalischer“ Autorität. Viele Evangelikale wissen das und sind an einer Selbstunterscheidung gegenüber dem christlichen Fundamentalismus interessiert. Man kann Fundamente haben, ohne Fundamentalist zu sein.

Reinhard Hempelmann

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