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Materialdienst 7/2008
Islam

Ein abgesagter Vortrag

(Letzter Bericht: 6/2008, 233f) Die Professorin für Islamwissenschaften und Leiterin des Instituts für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz, Christine Schirrmacher, sollte auf Einladung des „Personenkomitees Aufeinander zugehen“ am 21. Mai 2008 in Traun (Österreich) über den „Islam in Europa als Herausforderung für Staat, Gesellschaft und Kirche“ sprechen. Nach Protesten von muslimischer Seite, insbesondere des Wiener SPÖ-Landtagsabgeordneten und Integrationsbeauftragten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), Omar Al Rawi, wurde der Vortrag abgesetzt.
In dem Vortrag (siehe www.islaminstitut.de/Nachrichtenanzeige.55+M53cc9a9ea6e.0.html) geht Schirrmacher, die in dem Zusammenhang als „antiislamische und antimuslimische Aktivistin“ bezeichnet wurde, auf gesellschaftliche, politische und religiöse Fragen ein, die es angesichts der bis zu 20 Millionen heute in Europa lebenden muslimischen Migranten zu beantworten gilt.

Die europäischen Staaten hätten sich lange schwer damit getan, sich als „Einwandererländer“ zu erkennen. Dies mache die Bearbeitung bisher teilweise versäumter Aufgaben notwendig. Man müsse über kulturelle und gesellschaftliche, politische sowie religiöse Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutieren, drohende Fehlentwicklungen thematisieren und Regeln für das zukünftige Zusammenleben erarbeiten.

Schirrmacher sieht dabei Probleme auf beiden Seiten. So kommen auf die Migranten neue, bisher unbekannte Fragen zu, die ein Leben ohne lautsprecherverstärkten Gebetsruf, mit nicht geschächtetem Fleisch, in einer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft ohne gewohnte religiöse Werte aufwirft. Für die Mehrheitsgesellschaft andererseits eröffnet sich die Frage, ob Merkmale muslimischer Identität als Bereicherung oder Bedrohung anzusehen sind und wie weit Toleranz und Freiheit reichen.

Als politische Herausforderung wird der Islam sowohl in seinem – zahlenmäßig kleinen – gewaltbereiten Flügel als auch in seinem mit rechtsstaatlichen Mitteln Einfluss suchenden Teil angesehen. In diesem Zusammenhang wird die mangelnde Repräsentativität islamischer Dachorganisationen angesprochen. Schirrmacher schlussfolgert aus der Vielfalt politisch-islamischer Gruppierungen die Notwendigkeit, ihre Hintergründe und Motive zu erkennen, um zu differenzierten Wahrnehmungen fähig zu sein und Fehlurteile zu vermeiden.
In Bezug auf bedenkliche Tendenzen werden auch kritische Worte geäußert, so im Blick auf das Drängen islamischer Organisationen, nichts „Negatives“ über den Islam zu veröffentlichen. Hier gelte es, Wachsamkeit walten zu lassen, um die Presse- und Meinungsfreiheit zu verteidigen. Im Blick auf die westliche Gesellschaft wird die Frage gestellt, ob der Islam sie vielleicht mit ihrer „Ziel- und Wertelosigkeit“ konfrontiert. Es sei zu klären, inwieweit man sich auf das jüdisch-christliche Erbe berufen will. Nur dann sei es überhaupt möglich, als glaubwürdiger Dialogpartner in Erscheinung treten zu können. Der Prozess ist schwierig, doch: „Es lohnt sich, für ein echtes Miteinander einzustehen, das uns in Europa aber bei teilweise divergierenden Werteordnungen nicht in den Schoß fallen wird.“ In ihren Ausführungen zielt Schirrmacher darauf, dass „alles dafür getan werden [muss], dass die Migranten in Europa dauerhaft Heimat finden.“ Das Nebeneinander muss durch ein Miteinander ersetzt werden, und dies könne nur durch konstruktiven Dialog erreicht werden, der wiederum des Mutes bedarf, schwierige und konfliktbehaftete Themen anzusprechen.

Am Ende drängt sich die Frage auf, wie es dazu kommen konnte, dass dieser sachliche – und sachlich zu diskutierende – Beitrag zu aktuellen Aufgaben der Integration von Muslimen in Europa auf Betreiben der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich verhindert wurde. Eine faire Auseinandersetzung über die Sachthemen wäre allemal dialogfördernder, und sie darf nicht durch selbsternannte Zensoren in Frage gestellt werden.

Stefan Hoschkara, Berlin

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