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Materialdienst 9/2008

Wahhabitischer und salafitischer Islam

Ist von strengen und extremistischen Formen des Islam die Rede, fallen häufig die Stichworte wahhabitisch oder salafitisch/salafistisch. Wer oder was verbirgt sich dahinter? Was ist darunter zu verstehen? Welcher Einfluss ist hierzulande damit verbunden?

Der Salafismus (arabisch Salafiyya) beruht auf der Grundüberzeugung, dass die wahre Religion, der vom Propheten Muhammad verkündete und von den ersten muslimischen Generationen bewahrte Islam, durch religiöse „Neuerungen“ unzulässig verändert, geschwächt oder gar verdorben wurde. Ziel ist daher die (Wieder-)Herstellung einer vollkommenen, von allen Fremdeinflüssen gereinigten muslimischen Gemeinschaft allein auf der Basis von Koran und Sunna (= Überlieferungen vom vorbildlichen Verhalten Muhammads). Erreicht werden soll dieses Ziel durch die Rückbesinnung auf die Lehren und die Lebensweise der salaf as-salih, der „frommen Altvorderen“; damit sind der Prophet und die Prophetengefährten (Sahaba) sowie die beiden darauf folgenden Generationen gemeint. Was das praktisch zu bedeuten hat, war jedoch immer umstritten und hat dementsprechend unterschiedliche Richtungen hervorgebracht.

Geschichte

Muhammad ibn Abd al-Wahhab (1703-1792) war ein Gelehrter der Arabischen Halbinsel, der unter Rückgriff auf Lehren des mittelalterlichen hanbalitischen Juristen Ibn Taimiyya nachhaltig für eine streng orthodoxe, von allen „unstatthaften Neuerungen“ (arab. bid’a, Pl. bida’) befreite Form des Islam eintrat. Bräuche der Volksfrömmigkeit, Heiligenverehrung und Gräberkult lehnte er als Zeichen von Unglauben und Vielgötterei strikt ab. Auch Mystiker (Sufis) und Schiiten entsprachen nicht seiner Vorstellung der Reinhaltung des Tauhid (Lehre von der Einheit Gottes). Ibn Abd al-Wahhab verbündete sich mit dem Clan der Banu Saud, die in der Region einflussreich wurden und nach der Gründung des Königreichs Saudi-Arabien den wahhabitischen Islam als Staatsreligion etablierten. Durch den Erdölreichtum konnte und kann der sogenannte „Petro-Islam“, die puritanische Ausprägung des wahhabitischen Islam, mit der entsprechenden finanziellen Ausstattung in alle Welt exportiert werden.

Dass der Wahhabismus nur einen (nicht unumstrittenen) Teil des Salafismus darstellt, zeigt der Blick auf andere Quellen dieser Strömung. Als Reaktion auf die europäischen Kolonialisierungsbestrebungen und die damit verbundenen Krisenphänomene in der islamischen Welt traten ab Mitte des 19. Jahrhunderts Reformer auf, die ebenfalls die Rückkehr zur ursprünglichen Reinheit des islamischen Bekenntnisses als Voraussetzung für eine vom Westen unabhängig(er)e Entwicklung forderten. Die wachsende Abhängigkeit vom expandierenden „Westen“ in wirtschaftlicher, politischer und intellektueller Hinsicht wurde vielfach als Demütigung der islamischen Welt empfunden. „Modernisten“ wie Dschamal ad-Din al-Afghani (1839-1897), Muhammad Abduh (1849-1905) und Raschid Rida (1865-1935) verbanden – wenn auch auf unterschiedliche Weise – die kompromisslose Ausrichtung am islamischen Tauhid als zentrales Motiv mit der selektiven Aneignung moderner Vorstellungen und Errungenschaften. Die Erneuerung des Islam sollte durch Reinterpretation der Scharia ebenso erfolgen wie durch die Modernisierung der Bildung, der Technologie und der Wissenschaften. So konnte man zur konsequenten Nachahmung der Lebensweise des Propheten und der ersten Generationen nach Koran und Sunna aufrufen und begann zugleich, die Wurzeln moderner Wissenschaften im Koran und den Islam als für die Segnungen des Westens aufgeschlossene Religion zu entdecken. Zur Überwindung der Schwäche des Islam wurden Ideen zur religiösen und politischen Einung der islamischen Welt propagiert (Panislamismus).

Angesichts der zum Teil paradox anmutenden Verbindung von religiösem Rigorismus und politisch-ideologischen Debatten bis hin zu sozialistischen und nationalistischen Zukunftsvisionen der „modernistischen“ Bewegung verwundert es kaum, dass sich in der Folge sowohl liberale und säkulare als auch religiöse oder radikalislamische „Reformansätze“ auf Protagonisten wie Afghani und Abduh beziehen konnten.

So führt eine Entwicklungslinie von der Muslimbruderschaft über Theoretiker des radikalen Islam wie Sayyid Qutb (1906-1966) zum militanten Salafismus, der zum Dschihad gegen alle Ungläubigen aufruft und so die Errichtung eines gottgefälligen Gemeinwesens mit allen Mitteln der Gewalt durchsetzen will. Charakteristisch ist dabei, dass unter das Verdikt des Unglaubens auch alle Muslime fallen, die den eigenen Kriterien nicht entsprechen (takfir = für ungläubig erklären).

Gegenwart

Der salafitische Islam ist eine „konfessionsübergreifende“ Bewegung – und eine kleine Minderheit (ca. 1%) – innerhalb des sunnitischen Spektrums. Seine Anziehungskraft gründet in der Attraktivität eines authentischen Islam nach göttlichen Vorschriften und in der Orientierungskraft einer klaren ethisch-religiösen Weisung (wörtliches Verständnis von Koran und Sunna), die vielfältige Anknüpfungsmöglichkeiten bieten.

Vor allem junge Muslime fühlen sich von salafitischen Inhalten immer mehr angesprochen, erlauben sie doch eine klare Abgrenzung vom Traditionalismus des Elternhauses ebenso wie vom westlichen Lebensstil – nicht zuletzt durch Kleidung und Verhalten. Typisch sind etwa bei Männern die knöchelfreien weiten Gewänder und das Häkelkäppchen bei vollbärtigem Gesicht. Auch für eine wachsende Konvertitenszene ist gerade die strenge Orientierung an den religionsgesetzlichen Vorgaben der Scharia attraktiv. Slogans wie „Der Islam ist die Lösung“ und die Forderung eines „gerechten Wirtschaftssystems“ ohne Zins und Wucher („Islamic Banking“!) versprechen klare Strukturen und mehr Gerechtigkeit.

Durch die überaus rege Internetpräsenz mit zahllosen Auftritten, die von der Werbung für Salafi-Kleidung bis zu Pamphleten gegen alles Nichtislamische und dschihadistischer Agitation alle Bedürfnisse abdecken, und durch intensive Vortragstätigkeit herumreisender Wanderprediger wie Pierre Vogel oder Hassan Dabbagh zieht der Salafismus überproportional Aufmerksamkeit auf sich und gewinnt zunehmend an Einfluss auf die muslimische Öffentlichkeit wie auch auf die Wahrnehmung des Islam in der Gesellschaft. Nachrichten über militante salafitische Dschihadisten (wie al-Qaida) gehören zum täglichen Repertoire medialer Berichterstattung und prägen das Bild des Islam in der Öffentlichkeit. Die Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass der Übergang von friedlicher Frömmigkeitsübung innerhalb der Bewegung zu terroristischem Aktivismus fließend ist und auch in Deutschland ein nicht zu unterschätzendes Gefahrenpotenzial darstellt.

Stellungnahme

Es gibt unterschiedliche Ausprägungen des Salafismus, der in Saudi-Arabien als Wahhabismus eine besonders rigide Form ausgebildet hat. Eine konservativ friedliche, Gewalt ablehnende Richtung ist zu unterscheiden von militanten Aktivisten, die die Rückkehr zum wahren Islam mit der persönlichen Verpflichtung zum Dschihad gegen die Ungläubigen verbinden.

Doch in allen Formen führt die unkritische Übernahme von koranischen Formulierungen und mittelalterlichen religionsgesetzlichen Entscheidungen als wörtlich zu verstehende Handlungsanweisung für hier und heute nicht nur zu einer radikalen Schwarz-Weiß-Rhetorik, sondern auch zu einer Antihaltung gegenüber anderen Religionen, ganz zu schweigen von den zum Teil menschenverachtenden Interpretationen der islamischen Regelungen zur Geschlechtertrennung, überhaupt vom Umgang mit Frauenrechten und demokratischen Werten wie Religionsfreiheit und Menschenrechten. Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass die Rückwärtsgewandtheit in der Koranauslegung mit der Schlichtheit der gegenwartsbezogenen Wirklichkeitsdeutungen korreliert und zugleich als intellektueller Fortschritt verkauft wird. Höchst problematisch sind die immer häufiger zu berichtenden Konversionen – zumal von Jugendlichen –, die den Konversionswilligen bei Vortragsveranstaltungen erschreckend einfach gemacht und als Zeichen eines Sieges des Islam inszeniert werden, der ganz Europa „befreien“ soll. Auf die Tatsache, dass solch eine Entscheidung zwar spielend leicht getroffen werden kann, aber praktisch irreversibel ist, wird kaum aufmerksam gemacht. Hier ist Aufklärung nötig und falsche Zurückhaltung fehl am Platz.

Literatur

Meier, Andreas: Der politische Auftrag des Islam – Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. Originalstimmen aus der islamischen Welt, Wuppertal 1994.
Roy, Olivier: Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung. München 2006.
Schulze, Reinhard: Geschichte der Islamischen Welt im 20. Jahrhundert, München 1994.

Internet

www.salaf.de; www.salaf.com;
www.fataawa.de; www.al-tamhid.net;
www.diewahrereligion.de

Friedmann Eißler

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