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Materialdienst 9/2008
Christian Ruch

Von der "Weltkommunikation" zur "Community"

Warum leben wir in einem "Land voller Propheten"?

In einem zweiteiligen Beitrag haben sich Hansjörg Hemminger, Annette Kick und Andrew Schäfer an dieser Stelle mit dem Phänomen beschäftigt, dass die religiöse Szene immer mehr zersplittert und die Gruppen, mit denen man es in der Weltanschauungsarbeit zu tun hat, immer zahlreicher und gleichzeitig immer kleiner zu werden scheinen.1 Zu beobachten sei eine „Privatisierung und Atomisierung von Religion“, Deutschland sei inzwischen ein „Land voller Propheten“, d. h. es gebe „immer mehr Gruppen und Grüppchen ..., die sich in eher familiärer Weise um einen angeblichen Meister scharen ... Diese Gruppen umfassen weniger – manchmal weit weniger – als 100 Personen, und sie sind nur lokal oder höchstens regional aktiv.“2 Und: „Die Zeit der großen, nach außen hin geschlossenen und zumindest im Kern fanatischen Gruppen scheint abzulaufen.“3 Im Folgenden soll – sozusagen als Ergänzung – aus einer soziologischen Perspektive gezeigt werden, warum das eigentlich so ist.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass der von Hemminger, Kick und Schäfer beschriebene Trend auch andernorts beobachtet wird. So heißt es etwa im jüngsten Jahresbericht der Zürcher Fachstelle „infoSekta“: „Der Trend zu esoterisch ausgerichteten Einzelanbietern und Kleingruppen ... blieb auch 2007 ungebrochen.“4 Denn „noch ausgeprägter als in den Vorjahren zeichnet sich die Fragmentierung des Weltanschauungsmarktes ab: 82% der Anfragen betreffen kleine Vereinigungen und Einzelanbieter wie Heiler, spirituelle Medien, Lebensberaterinnen, Psychotherapeuten, esoterische ‚Akademien’, Hauskreise, Persönlichkeitscoachs, selbsternannte Propheten u. a. Es handelt sich dabei oft um Anbieter, zu denen die Ratsuchenden kaum kritische Unterlagen im Internet finden und sich daher eine Stellungnahme der Fachstelle wünschen.“5

Geht man davon aus, dass auch kleine esoterische und neureligiöse Zirkel soziale Systeme sind und soziale Systeme in erster Linie aus Kommunikation bestehen – wohlgemerkt: aus Kommunikation, nicht aus Menschen!6 –, scheint es sinnvoll, die veränderten Kommunikationswege und -bedingungen zu betrachten, um zu verstehen, warum sich die religiöse Szenerie auf die genannte Weise verändert. Und weil ich glaube, dass die neuen Kommunikationsmedien wie das Internet die Kommunikation und damit die Struktur sozialer Systeme in einem Maße beeinflussen und verändern werden, dessen Dimension wir noch gar nicht richtig abschätzen können, ist es unumgänglich, sich mit dem Phänomen der sogenannten „Weltkommunikation“ zu befassen.

Was bedeutet Weltkommunikation?

Leitmedium der Weltkommunikation ist das Internet. Es degradiert die anderen Medien immer mehr zu Medien zweiter Ordnung, da man heute fast jede Zeitung im Internet lesen, dort auch fast jeden Radiosender hören und beinahe alle Fernsehsendungen abrufen kann – und dies oft gratis und nahezu unabhängig vom Zeitpunkt und Ort des Erscheinens bzw. der Ausstrahlung. Das Internet ermöglicht also eine Kommunikation jenseits von Zeit und Raum: Doch wenn die Zeit und vor allem der Raum an Bedeutung verlieren, hat dies Konsequenzen für unsere Weltwahrnehmung. Herbert Marshall McLuhan brachte dies auf die schöne Formel vom „global village“: Wie in einem Dorf kennt jeder jeden (oder meint ihn zu kennen), und es können (zumindest im Prinzip) alle mit allen kommunizieren. Doch das Ganze hat auch eine Kehrseite: Genauso wie die Entfernungen der „realen“ Welt auf die Größe eines virtuellen Dorfes zusammenschrumpfen, verflüchtigt sich die „reale“ Nähe. „Kommunikation in die Ferne gelingt immer besser – Nahkommunikation wird immer schwieriger“, schrieb der deutsche Medienphilosoph Norbert Bolz.7

Die Folge: Die Welt zerfällt bzw. die Kommunikation zentriert sich in „tribes“ und „communities“, also Stämme und kleine Gemeinschaften, in denen nicht mehr eine traditionelle soziale und räumliche Gebundenheit die Zusammengehörigkeit definieren, sondern zeitweilig geteilte gemeinsame Interessen und Anliegen. Das Internet lässt also Gemeinschaft jenseits räumlicher Begrenzung entstehen – zumindest für eine gewisse Zeit. Denn das ist der entscheidende Unterschied zu traditionellen Sozialbeziehungen: Während die Zugehörigkeit zu familialen und territorialen Strukturen die Menschen über lange Lebensabschnitte prägt – man ist ein Leben lang Deutscher und in der Regel sehr lange in Familienbeziehungen, etwa zu Geschwistern und Eltern, gebunden –, ist die Bindung an einen „tribe“ oder eine „community“ zeitlich begrenzt, und dies in doppelter Hinsicht: Einerseits nimmt die Zugehörigkeit zu einer „community“ in der Regel nur einen gewissen Lebensabschnitt in Anspruch (im Freizeitclub für Singles ist man nur bis zur nächsten Partnerschaft), zum andern bezieht sich die „community“ meistens nur auf einen gewissen Lebensbereich, bindet also keinen allzu großen Teil an Lebenszeit, so dass man auch noch Zeit für anderes hat – und sei es für die Teilhabe an anderen „tribes“ und „communities“.

Bevorzugter Ort der „community“ ist die Newsgroup im Internet, wobei die ernsthafte Forendiskussion und der lustvolle Chat als bevorzugte Konversationsmedien dienen, letzterer vergleichbar dem früheren Tratsch auf dem Markt- oder Dorfplatz.

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Anmerkungen

1 Hansjörg Hemminger / Annette Kick / Andrew Schäfer, Ein Land voller Propheten. Neureligiöse und spirituelle Kleingruppen um Medien, Gurus und erleuchtete Meister, in: MD 5/2008, 163-173, sowie MD 6/2008, 203-212.
2 Ebd., 164ff.
3 Ebd.
4 InfoSekta-Jahresbericht 2007, 5.
5 Ebd., 17.
6 Gerade diese Sichtweise macht wohl eine der Schwierigkeiten der Systemtheorie von Niklas Luhmann aus. Siehe dazu Niklas Luhmann, Soziale
Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/M. 1987, 288f.
7 Norbert Bolz, Weltkommunikation, München 2001, 34.

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