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Materialdienst 9/2008
Heike Würpel

Spiritualität und Sexualität

Ein Kongressrückblick

War es eine Demonstration für neue kirchliche Offenheit – oder handelte es sich um einen handfesten Skandal? Vom 17. bis 18. Mai 2007 fand in den Gemeinderäumen der evangelischen Zwölf-Apostel-Kirche in Berlin-Schöneberg der Kongress „Spiritualität & Sexualität“ statt. Eingeladen hatte hierzu „Calumed e.V.“ mit Sitz im niedersächsischen Bispingen. Der Verein engagiert sich – so die Satzung – für die öffentliche Gesundheitspflege und Gesundheitsfürsorge. Er setzt sich aber auch für die „Förderung der Bildung und Fortbildung z. B. auf dem Gebiet der transpersonalen und humanistischen Psychologie sowie die Förderung des Gedankens des individuellen und sozialen Wachstums und Lernens“ ein. Ursprünglich sollte der Kongress im Tagungszentrum der Katholischen Akademie in Berlin-Mitte stattfinden, weshalb die EZW sich im Vorfeld genötigt sah, die katholischen Verantwortlichen auf die umstrittenen Referenten des geplanten Kongresses hinzuweisen. Es kam zur Absage. Doch Calumed sah sich nach einem anderen kirchlichen Veranstaltungsort um und wurde schnell fündig: Von der Gemeindeleitung der Zwölf-Apostel-Kirche erhielt der Verein die Zusage, den Kongress dort durchführen zu können – trotz des Protests des Berliner landeskirchlichen Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen, Thomas Gandow, und der EZW. Auch die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz drängte die Gemeinde, dem Kongress die Überlassung kirchlicher Räume zu versagen – ohne Erfolg. Der in der Kirchengemeinde ehrenamtlich tätige Pfarrer Peter Weigle, der auch Vorstandsvorsitzender von „Calumed“ ist, begann seine – inzwischen im Internet veröffentlichte – Eröffnungsrede vor rund 240 Kongressteilnehmern mit den Worten: „Sie ahnen gar nicht, wie ich mich freue Sie hier zu sehen. Denn kirchlich-fundamentalistische Kreise haben über die Kirchenleitungen massiven Druck gemacht, diese Veranstaltung zu vereiteln. Ein Dank an die 12-Apostel-Gemeinde, dass sie sich hat in dieser Sache nicht beirren lassen und zu ihrem Wort steht.“ Für besondere Brisanz sorgte zudem die Tatsache, dass der Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Basel und Professor für Systematische Theologie, Reinhold Bernhardt, zu den Referenten des umstrittenen Kongresses zählte. Bereits ein Jahr zuvor hatte er beim Calumed-Kongress „Spiritualität & Heilung“ in Berlin mitgewirkt. Vor kurzem ist im spirituellen Szenemagazin „connection-spirit – Das Magazin fürs Wesentliche“ (7-8/2008, 38-42) ein Kongressrückblick der Teilnehmerin und Tantra-Anbieterin Heike Würpel über die umstrittene Veranstaltung erschienen, den wir im Folgenden dokumentieren.


Der Calumed e. V. hatte zum vierten Mal geladen und circa 240 Interessierte, Freunde und Bekannte waren am 17. Mai 2007 in die Berliner 12-Apostel-Kirche geströmt. Der Kongress barg den explosiven Zündstoff bereits im Titel: Spiritualität und Sexualität? Das darf nicht sein – dementsprechend fielen auch die Reaktionen im Vorfeld aus.

Es hagelte Kritik von Seiten des Sektenbeauftragten der Evangelischen Kirche Berlin/Brandenburg und der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Von Verführung war die Rede und Missbrauch einer kirchlichen Einrichtung für „Doktorspiele auf dem Altar“. Die Empörung und Angst reichte aus, um die Betreiber des „Tagungszentrums Katholische Akademie“ – dem ursprünglich geplanten Veranstaltungsort – zur Absage zu bewegen. Der Ausweichplatz, die Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, war allerdings schnell gefunden. Man kennt sich gegenseitig. Peter Weigle, Vorstandsvorsitzender von Calumed, nimmt hier einen Predigerauftrag wahr. Aber die Zwölf-Apostel-Gemeinde ist auch sonst unvoreingenommener. Vielleicht spielt die Lage zum nahen Berliner Straßenstrich dabei eine Rolle.

Trotzdem, die Mitglieder von Calumed waren bei der Veranstaltung spürbar nervös. Zumindest in der Nähe von Journalisten. Keinen Staub aufwirbeln und zweideutige Schlagzeilen vermeiden, war die Devise. Doch das lässt sich bei diesem Thema in unserem Land wohl nicht vermeiden. Es gab z. B. eine kurze, aber heftige Auseinandersetzung mit Kollegen von der Berliner Zeitung. Sie kamen auf der Suche nach Sensationsbildern und wurden lautstark vor die Tür gewiesen – samt ihrem zwischenzeitlich geknipsten Film. Auch Gruppierungen wie „fuckforforests“, die den Kongress als Podium nutzten, produzierten unbehagliche Mienen auf die Gesichter der Veranstalter. Die Teilnehmer jedoch nahmen die teilweise fast humoristischen Einlagen überwiegend dankbar auf als willkommene Pausenunterhaltung.

Sabine Lichtenfels jedoch, die Person, an der sich der ursprüngliche Protest hauptsächlich entzündet hatte, zeigte sich bei ihrem Vortrag eher seicht und unklar. Ihr Workshop am nächsten Tag fiel aufgrund kurzfristiger Absagen ganz aus. Ob das die Aufregung wert war? Doch der Reihe nach (ja, die gab es auch im vielfach geänderten Tagesablauf).

Prof. Dr. theol. Reinhold Bernhardt „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Der promovierte Theologe, Dekan und seit 2001 Professor für Systematische Theologie/Dogmatik an der Universität in Basel war ein überraschender Redner in der Reihe der bekannten Tantriker oder Sexaufklärer. Seine Wortmeldung war im Grunde bereits nach einem einleitenden Satz am Ende angelangt: „Nein, Liebe kann niemals und unter keinen Umständen Sünde sein.“ Als Beweis, Erklärung und Entkräftung dieser Aussage nutzte er seinen Vortrag. Laut Bernhardt gilt Gott = Liebe. Die Sünde im theologischen Sinn bedeutet das Getrenntsein von Gott. Beide Begriffe – Liebe und Sünde – werden in keinem einzigen Bibelvers gleichzeitig genannt oder miteinander verwoben. Ein gutes Zeichen? Es kommt auf die Auslegung an. Im theologischen Sinn wird Liebe untrennbar mit Nächstenliebe verbunden. Demnach ist auch eine Abschottung zu bedürftigen Mitmenschen eine Sünde ebenso wie die Ausnutzung eines Anderen in einer Beziehung. Daraus erklärt sich vielleicht die kirchliche Auffassung, dass Liebe in egozentrischer Form problematisch ist.

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