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Materialdienst 9/2008
Andreas Fincke

Freidenkerische Lebenskunde

Konkurrenz für den Religionsunterricht?

Auf Beschluss des Abgeordnetenhauses hat Berlin im Schuljahr 2006/2007 für alle Klassen von 7 bis 10 einen zweistündigen Ethik-Unterricht als Pflichtfach eingeführt. Daneben bleibt der freiwillige Besuch des Religions- oder Weltanschauungsunterrichts zwar möglich, er verliert jedoch aufgrund der zusätzlichen Belastung für die Schülerinnen und Schüler weiter an Attraktivität. Ab September 2008 will nun die Initiative „ProReli“ Unterschriften sammeln, um per Volksentscheid die Gleichstellung des Religionsunterrichts mit dem Fach Ethik zu erreichen. Der Volksentscheid wird erstmals bindend sein. Sollte die Initiative also das notwendige Quorum von 610000 Ja-Stimmen erreichen, wird der Religionsunterricht in Berlin ein ordentliches Lehrfach.

Zu den Kritikern der von den Kirchen unterstützten Initiative „ProReli“ gehört auch der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), der aufgrund seiner atheistisch / freidenkerischen Haltung Religion als ordentliches Schulfach verhindern möchte. Der HVD hat aber auch noch ein höchst eigenes Interesse: Sollten die Schülerinnen und Schüler sich in Berlin zwischen Religion und Ethik entscheiden müssen, dürfte das vom HVD verantwortete Fach „Humanistische Lebenskunde“ marginalisiert werden. Im Folgenden erläutert Andreas Fincke, Referent für Grundsatzfragen im Evangelischen Konsistorium zu Berlin, die Hintergründe dieses Unterrichtsfachs.


In Berlin bietet der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) seit vielen Jahren das freidenkerisch geprägte Unterrichtsfach Humanistische Lebenskunde an. Derzeit erreicht er knapp 45000 Schüler und hat damit das Fach fest etabliert. Es lohnt ein Vergleich: Den evangelischen Religionsunterricht besuchen in Berlin gegenwärtig knapp 85000 Kinder, rund 25000 besuchen den katholischen und lediglich 4500 den islamischen Religionsunterricht. Das Unterrichtsfach Humanistische Lebenskunde spiegelt die Entwicklung der Bundeshauptstadt in den letzten Jahrzehnten wider und zeigt, wie sehr Migration und Mauerfall das religiöse Klima zu Ungunsten der großen Kirchen verändert haben. Vor 1989 führte das Fach mit weniger als 1000 teilnehmenden Schülern im damaligen Westteil der Stadt ein Schattendasein. Inzwischen profitiert man vom entkirchlichten Osten und von Kindern nichtdeutscher Herkunft.

Lebenskunde ist ein schillernder Begriff.1 Er hat in diesem Zusammenhang nichts mit dem „Lebenskundlichen Unterricht“ in der Bundeswehr zu tun und auch nichts mit einer rassistisch begründeten „Lebenskunde“, die ab 1933 Teil des Biologieunterrichts in der Mittelstufe wurde. Verwechselt wird das Fach heute immer wieder mit LER (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde), einem Unterrichtsfach, das seit 1996 an den brandenburgischen Schulen der Sekundarstufe I eingeführt wurde. Als Teil des offiziellen Schulcurriculums ist LER ein ordentliches Lehrfach und versteht sich, im Gegensatz zum kirchlichen Religionsunterricht, als bekenntnisfreier Unterricht. Damit ist LER, wie Kritiker vortragen, ein staatlicher Pflichtunterricht in weltanschaulich-religiösen Fragen. Humanistische Lebenskunde ist dagegen kein „neutraler“ schulischer Ethik-Unterricht, sondern die Alternative zum Religionsunterricht, oder – paradox formuliert – freidenkerischer Religionsunterricht.

Zum historischen Hintergrund des Lebenskundeunterrichts

Die Anfänge des Lebenskundeunterrichts liegen in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, als im Kontext beginnender Entkirchlichung nach Alternativen zum Religionsunterricht gesucht wurde. In der Diskussion war ein sittlicher Unterricht, der pädagogische Gesundheitslehren mit philosophischer Volkskunde verbinden könnte und zugleich als Vorbereitung für die damals aufkommende Jugendweihe hätte dienen können.2 Seinerzeit wurde der Unterricht eher als Religionskunde gedacht – in gewisser Weise vergleichbar dem heutigen LER. 1924 wurde Lebenskunde in Berlin eigenständiges Lehrfach an einigen bekenntnisfreien bzw. weltlichen Schulen. Schon damals kam Berlin also eine Schlüsselrolle bei der Einführung dieses Faches zu.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Fach verboten. In Berlin (West) wurde Ende der 1950er Jahre ein erster Versuch zur (Wieder-)Einführung eines vom Freidenkerverband verantworteten Lebenskundeunterrichts unternommen. Neben anderen hatte sich Willy Brandt wiederholt im Berliner Abgeordnetenhaus für die Gleichbehandlung von kirchlichem Unterricht und Lebenskundeunterricht eingesetzt. Das Experiment wurde 1963 jedoch angesichts geringer Teilnehmerzahlen eingestellt. Anfang der 1980er Jahre versuchte man es erneut. Ab 1984 konnte Lebenskunde als freiwilliges, nicht-religiöses Unterrichtsfach der Freidenker in allen Schulstufen angeboten werden. Damit war Lebenskunde dem Religionsunterricht gleichgestellt, der in Berlin ebenfalls nur ein freiwilliges Unterrichtsfach ist. Damals legten die Behörden Wert auf die Feststellung, dass Lebenskunde nicht Religionskunde impliziert. Nicht ohne Ironie war, dass Lebenskunde bis 2001 in der Berliner Senatsverwaltung unter der Rubrik Religionsunterricht geführt wurde.

Mit der Wiedereinführung der Lebenskunde 1984 wurde auch eine inhaltliche Kurskorrektur vorbereitet. Peu à peu verabschiedeten sich die Freidenker von ihrer klassischen Forderung nach einer strikten Trennung von Staat und Religion, d. h. von Schule und Religionsunterricht. Ab Mitte der 1990er Jahre vollziehen auch die programmatischen Texte den Kurswechsel nach. Hatte man zuvor Lebenskundeunterricht gefordert, solange es Religionsunterricht gibt, wünscht man jetzt Lebenskunde unabhängig vom Religionsunterricht. Die Situation war paradox: In gewisser Weise führten die Westberliner Freidenker in den 1980er Jahren etwas ein, das sie eigentlich ablehnten – nämlich einen bekenntnisgebundenen Weltanschauungsunterricht an der Schule. Dass sie diesen Weg dennoch gingen, geschah wohl aufgrund der realen politischen Verhältnisse und der besonderen Lage im Westteil Berlins, in der die klassischen, sozialistischen Freidenkerideen nur schwer aufrechterhalten werden konnten. Ohnehin kann man feststellen, dass die Westberliner Freidenker in Distanz zu den westdeutschen Freidenkern standen. Sie fühlten sich eher der Sozialdemokratie verbunden, während die westdeutschen Freidenker zur DKP und zu kommunistischen Vorstellungen tendierten. Offensichtlich entzauberte die Nähe zur DDR sozialistische Ideen.

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Anmerkungen

1 So Horst Groschopp, Art. Lebenskunde, in: Norbert Mette / Folkert Rickers (Hg.), Lexikon der Religionspädagogik, Bd. 2, Neukirchen-Vluyn 2001, 1164ff.
2 Vgl. Humanistische Lebenskunde bundesweit? Meldung des hpd v. 15.12.2006, www.hpd-online.de.

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