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Materialdienst 11/2008
Hansjörg Biener

Religionsdidaktische Neuheit "Saphir 5/6"

Das erste Schulbuch für Islamkunde in deutscher Sprache

Im September 2008 wurde mit „Saphir 5/6“1 das erste Religionsbuch der Öffentlichkeit vorgestellt, das ab dem Schuljahr 2008/09 von den Kultusministerien mehrerer deutscher Bundesländer als Schulbuch für Islamkunde und Islamunterricht in deutscher Sprache zugelassen ist. Diese religionsdidaktische und gesellschaftspolitische Neuheit ist es wert, weit über den Raum der Schule hinaus wahrgenommen zu werden.

Charakterisierung von „Saphir 5/6“

Der für die fünfte und sechste Jahrgangsstufe konzipierte Band bietet Lernanregungen zu 15 Themen, darunter „Glauben macht schön“, „Engel sind überall“, „Muhammad kam als Letzter“, „Vorbild sein – schaff ich das?“, „Am Frieden arbeiten“ und „In Deutschland leben“. Manche Themen kann man so oder so ähnlich auch in christlichen Religionsbüchern finden, gelegentlich wird sogar dasselbe Bildmaterial benutzt, wobei Fragen und Antworten anders perspektiviert werden. Im Vorwort wird stark auf den Anregungscharakter abgehoben: „Saphir 5/6 will euch ermutigen, eure eigenen Fragen zu stellen und im Qur’ān und miteinander nach Antworten zu suchen“ (3).

Die Gliederung der Kapitel verdeutlicht die didaktische Grundanlage des Buchs. Die jeweils erste Seite zeigt eine ornamental verschieden gestaltete Raute mit arabischem Korantext in der Mitte, darüber links eine deutsche Übersetzung, rechts eine interpretierende Paraphrase desselben Verses in heutigem Deutsch, außerdem rechts unten ein lebensweltliches Element (Sprichwort, Werbespruch). Die erste Doppelseite des Kapitels eröffnet in der Regel mit vielen Bildern einen Assoziationsraum, in dem die Vielfalt des Themas wahrgenommen werden kann und in dem gelegentlich auch Ambiguitäten entdeckt werden könnten. In der Folge finden die Schüler und Schülerinnen in offen gehaltenem Layout viele Texte aus Koran und Hadith, Zitate, Dialoge, Szenen, auch Autorentexte und Abbildungen sowie jeweils am Ende der Seiten Unterrichtsanregungen.

Ein Lexikon, ein Verzeichnis der Koran-Zitate sowie Urheberhinweise schließen den Band. Die Quellenangaben im Bildverzeichnis liegen deutlich über dem derzeitigen Standard, nicht aufgenommen sind hingegen Methodenseiten etwa für Textbearbeitung, Bildbetrachtung, Rollenspiel, Vorbereitung eines Expertengesprächs usw. In „Saphir 5/6“ wäre etwa beim Thema Konflikte eine Mediationsseite mit Schritten zur Konfliktbearbeitung denkbar gewesen. Interessant und brisant werden in späteren Bänden Seiten zur Auslegung des Koran oder zur ethischen Urteilsfindung.

Erarbeitet wurde das Buch von einem Team geborener und konvertierter Muslime und Musliminnen, die akademische und unterrichtspraktische Erfahrung vor allem aus Nordrhein-Westfalen und Bayern einbringen. Rabeya Müller ist Leiterin des Instituts für interreligiöse Pädagogik und Didaktik in Köln2, das seit langem Unterrichtsmaterialien zum Islam erarbeitet. Lamya Kaddor ist Lehrerin für Islamkunde in deutscher Sprache in Nordrhein-Westfalen und hat als wissenschaftliche Mitarbeiterin das „Centrum für Religiöse Studien“ der Universität Münster3 mit konzipiert. Harun Behr war Lehrer in München, veröffentlichte 1998 eine erste deutschsprachige „Islamische Bildungslehre“4 und promovierte 2003 in Bayreuth mit einer „Analyse von Lehrplanentwürfen für islamischen Religionsunterricht an der Grundschule”. Seit 2006 ermöglicht er als Professor für islamische Religionslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg Lehramtstudierenden die Zusatzqualifikation für einen zu erwartenden islamischen Religionsunterricht.5 Als didaktischer Berater firmiert Werner Haußmann, der einige Jahre früher den Weg von der Schule in die Lehrerbildung an der Universität Erlangen-Nürnberg ging. Insgesamt haben 18 Autoren und Autorinnen das Buch erarbeitet.

Eine „didaktische Innovation“

Mit der Publikation im Kösel-Verlag – „Saphir“ ist ähnlich ausgestattet wie die katholische Reihe „Reli“ (1998ff) – erreicht die islamische Reihe von vornherein graphisch und didaktisch einen ähnlichen Standard wie Bücher für den evangelischen und den katholischen Religionsunterricht. Das ist ein wichtiges Signal der Gleichbehandlung für die Schüler und Schülerinnen, aber auch ein Zeichen der Normalität an die islamische Gemeinde und die ganze Gesellschaft.

Dennoch ist „Saphir 5/6“ ein unverkennbar islamisches Buch. Dies wird schon optisch durch die Eulogien sichtbar, die in einer gelungenen kalligraphischen Lösung die Erwähnung Gottes und seines Gesandten begleiten, und erst recht an den Inhalten. Die arabischen Fachbegriffe werden im Lexikon in Arabisch und Umschrift geboten. Während in den Islam-Darstellungen christlicher Religionsbücher die Sunna übersehen wird, treten in „Saphir 5/6“ die Traditionen über Muhammads Lebenspraxis dem Koran zur Seite.

Interreligiöse Aspekte sind immer wieder präsent, aber auf unaufdringliche Weise. In Kösel-Tradition wurden Inhalte, die Christentum und Judentum betreffen, von Christen und Juden mitgelesen. Es bleibt abzuwarten, wie die eigenständige Darstellung anderer Weltreligionen, die in christlich-konfessionellen Religionsbüchern längst Standard ist, ausfallen wird.

„Saphir“ ist an hiesigen religionspädagogischen Standards orientiert und deshalb „korrelativ“ angelegt. Es geht nicht einfach um eine möglichst geschickte „Religionsvermittlung“, vielmehr muss im Interesse der Jugendlichen und in Verpflichtung an die Religionstradition sowohl das Expertentum der Kinder für ihr Leben als auch der Anspruch der Tradition auf Lebensbedeutung berücksichtigt werden. Dementsprechend erscheinen die Inhalte aus christlich-religionsdidaktischer Perspektive als sachlich, fachdidaktisch und lebensweltlich-gesellschaftlich für die Altersgruppe in der fünften bzw. sechsten Jahrgangsstufe angemessen. Die wechselseitige Verschränkung lässt gelegentlich allerdings Sachverhalte schillern, wie beim Glaubensinhalt „Engel“. In der offenen Anlage der „Saphir“-Seiten wird die Frage, ob es die Engel als eigene Entitäten „gibt“ oder ob sie „nur“ eine Metapher sind wie in „Du bist ´n Engel“, nicht beantwortet.

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Anmerkungen

1 Saphir 5/6. Religionsbuch für junge Musliminnen und Muslime, hg. von Lamya Kaddor / Rabeya Müller / Harry Harun Behr, Kösel-Verlag, München 2008, 196 Seiten, 14,95 Euro.
2
www.ipd-koeln.de.
3
www.uni-muenster.de/ReligioeseStudien.
4 Garching 1998.
5
www.izir.uni-erlangen.de.

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