publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 11/2008
Werner Thiede

Kontakt mit Verstorbenen?

Eine theologische Kritik

Dass es über unsere sinnlich wahrnehmbare Welt hinaus auch eine jenseitige Wirklichkeit gibt, ist eine Grundannahme aller Esoterik. Gedacht wird dabei an einen transzendenten Raum nicht nur für göttliche Wesenheiten, sondern auch für die Seelen verstorbener Menschen und vielleicht auch Tiere. Die Annahme einer derartigen Jenseits-Dimension hat es in unterschiedlichen Ausprägungen zu allen Zeiten und an allen Orten der Menschheitsgeschichte gegeben; auch die Bibel kennt sie (z. B. 1. Sam 28; Luk 16,19ff). Ihre Selbstverständlichkeit hat sie menschheitsgeschichtlich betrachtet erst „kürzlich“, nämlich seit dem Aufklärungszeitalter im Abendland, eingebüßt. Heutzutage glaubt in Deutschland etwa die Hälfte der Bevölkerung an so etwas wie eine Unsterblichkeit der Seele. Und mehr noch als diese Hälfte lässt sich faszinieren von Ereignissen, Experimenten und Geschichten, die dazu geeignet sind, jenen uralten Menschheitsglauben neu zu stärken, dass mit dem Tod keineswegs alles aus ist. Gibt es denn tatsächlich die Möglichkeit, mit Verstorbenen in Kontakt zu treten? Oder ist vielleicht die Jenseitswelt – auch wenn es sie geben sollte – verschlossen für uns Irdische?

Zur Frage eines postmortalen Lebens

Die christliche Kirche weiß von einem bestimmten Verstorbenen, zu dem Kontakt möglich ist: Jesus.1 Aber er ist in keinem Totenreich zu suchen, sondern von den Toten auferstanden und seither bei Gott selbst. Dieser Mensch ist nach kirchlicher Überzeugung Gott selbst. In ihm ist Gott Mensch geworden, und in ihm hat er selbst den Tod erlitten – und überwunden! Wer mit ihm verbunden ist, hat deshalb nach dem Zeugnis der Kirche bereits hier und heute ewiges Leben. Kontakt mit Jesus zu haben ist möglich, weil Jesus von den Toten auferstanden ist. Und das bedeutet viel mehr als ein Dasein jenseits des Todes. Ein „nachtodliches“ Dasein könnte ja immer noch ein sehr fragliches, tristes, vielleicht sogar verzweifeltes sein. Ewiges Leben heißt demgegenüber: bei Gott geborgen sein, für immer mit Gott leben dürfen. Darum geht es der christlichen Botschaft. Irgendwelche okkulten Jenseitskontakte sind im Vergleich damit völlig uninteressant. Rasendes Interesse können sie nur bei denen erwecken, die den Glauben an die reine Diesseitigkeit aller Wirklichkeit pflegen und gleichwohl überwinden möchten. Dass Neugierde in dieser Hinsicht nur begrenzt Sinn hat, wird aus den folgenden Ausführungen hervorgehen. Sehr viel wichtiger ist jene fromme Neugierde, die über den Tod hinaus nicht nur nach Leben, sondern nach wirklich ewigem Leben fragt.

Immerhin, die Fragerichtung stimmt schon einmal bei denjenigen, die sich überhaupt für ein Leben nach dem Tod interessieren. Von der amerikanischen Psychologin Sukie Miller ist vor einigen Jahren ein Buch in deutscher Übersetzung erschienen, das den spannenden Titel trägt: „Nach dem Tod. Stationen einer Reise“. Es beansprucht, aus den kulturell und religiös so unterschiedlichen Perspektiven über den Tod hinaus ein alle verbindendes, gemeinsames Muster herausdestillieren zu können. Demnach schimmern durch sämtliche Hoffnungen weltweit vier jenseitige Stadien hindurch: „Warten“, „Gericht“, „Möglichkeiten“ und „Wiederkehr“. Was die Autorin auf diese Weise festzuklopfen und zu untermauern versucht, kann freilich schon im Ansatz dort nicht überzeugen, wo man auch nur eine geringe Ahnung von den Unterschieden hat, die sich in der Welt der Religionen und Philosophien hinsichtlich eines Lebens nach dem Tod auftun.2

Sukie Miller ordnet das „Gericht“ dem Zweck der „Wiederkehr“ im Sinne von Seelenwanderung zu, ohne ernsthaft zu berücksichtigen, dass einige Weltreligionen in ihrem eigentlichen Lehrbestand so etwas wie Reinkarnation gar nicht kennen. Wenn also das Buch dieser Autorin eines lehrt, dann ist es – gegen seine eigene Intention – gerade die Unmöglichkeit, menschlichem Deuten und Hoffen über den Tod hinaus ein einheitliches Schema zu unterlegen. Gefragt ist nicht Vereinnahmung, sondern sensible Wahrnehmung unterschiedlichster Traditionen und Denkweisen. Und auf dieser Basis werden dann Entscheidungen des Glaubens und Hoffens zu treffen sein. Wie es um die Wahrheit über die Wirklichkeit jenseits des Todes steht, lässt sich nämlich im Diesseits keineswegs objektiv ausmachen – und zwar auch nicht durch irgendwelche Schlüssellöcher ins Jenseits.

Weil in dieser Frage keine verlässlichen Auskünfte zu erhalten sind, macht sich jeder Jenseitsglaube lächerlich in den Augen des säkularen Zeitgeistes bzw. des materialistischen Denkens. Aber bei näherer Betrachtung mag man diesen diesseitsorientierten Zeitgeist seinerseits lächerlich finden – lebt doch die Säkularität von der gesamtgesellschaftlichen Verdrängung der Wirklichkeit des Todes!3 Insofern ist das mannigfach versuchte Überschreiten solch beschränkter Diesseitsorientierung, wie es in den letzten 30 Jahren geradezu Mode geworden ist, ein Stück weit zu begrüßen. Das neu intensivierte Fragen nach dem Jenseits innerhalb und außerhalb der esoterischen Bewegungen ist psychologisch, philosophisch und theologisch legitim – und mit Sicherheit gesünder als seine Tabuisierung oder allzu rasche Abfertigung.

Problematisch ist also nicht das Fragen als solches, sondern eher ein zu rasches Akzeptieren von Antworten. Dass es häufig zu solch raschem Akzeptieren kommt, hat zwei Gründe. Der erste liegt auf Seiten des Empfängers: Er ist mit seinem Fragen existentiell auf eine Antwort aus, ja in unserer überwiegend säkularen Gesellschaft geradezu spirituell ausgehungert! So tendiert er nicht selten dazu, jegliche Antwort, die ein Wissen über das Jenseits des Todes beansprucht, begierig aufzunehmen. Der andere Grund liegt auf Seiten derer, die ein solches Jenseitswissen für sich beanspruchen und deshalb mit autoritärer Geste weitergeben: Ihr Gestus verführt entweder zu raschem Abwinken oder eben zu rascher Akzeptanz. Beides aber ist falsch. Es prüfe, wer sich ewig bindet! Anders formuliert: Man prüfe sorgfältig, an welche Art von Ewigkeitshoffnung man seine Existenz bindet – oder aus welchen hieb- und stichfesten Gründen man meint, es sich leisten zu können, mit keinerlei Jenseits des Todes zu rechnen.

Die gängige Skepsis gegenüber Jenseitsspekulationen hat zweifellos ein doppeltes Recht: Erstens liegen bis heute trotz über anderthalb Jahrhunderten parapsychologischer Forschung keine objektiven Beweise für ein Leben nach dem Tod vor.4 Und zweitens sind die diversen subjektiven Offenbarungen oder Einblicke in ein angebliches Jenseits im Groben wie im Einzelnen äußerst widersprüchlich – sowohl innerhalb der verschiedenen Religionen als auch innerhalb der esoterischen Bewegung. Damit relativieren sich all diese Offenbarungsansprüche gegenseitig. Andererseits ist die Existenz unseres Weltalls mit allem Wunderbaren, das es neben seinen chaotischen Strukturen enthält, einschließlich der Existenz unseres eigenen Bewusstseins, Grund genug, die Frage nach einem verborgenen Sinn und Ziel nicht einfach wegzuschieben oder abzulehnen. Der Ernst dieser großen Frage macht wiederum alle Versuche suspekt, hier völlige Beliebigkeit walten zu lassen. Es besteht folglich Anlass genug, sich mit den Ansprüchen, Auskunft über ein Ziel jenseits des Todes geben zu können, verantwortungsvoll auseinanderzusetzen. Insbesondere ist dieser Anlass aus der Sicht kirchlicher Theologie gegeben, der die Christusbotschaft am Herzen liegt, so dass sie deren Grundaussagen zu anders lautenden Offenbarungsansprüchen in ein kritisches Verhältnis zu setzen hat.

Im Folgenden werde ich das weite Feld esoterischer Jenseitsvorstellungen nur exemplarisch und ohne Vollständigkeitsanspruch angehen können. Dabei kommt es mir aber durchaus darauf an, dass ein Gesamteindruck von dem möglich wird, worum es den behandelten und ähnlichen „Auskünften“ eigentlich geht. Methodisch erscheint es mir sinnvoll, nur neuzeitliche Entwicklungen auf dem Gebiet der postmortalen Perspektiven in den Blick zu nehmen.5 Meine geschichtlichen Rückblicke werden sich schwerpunktartig mit Gestalten und Lehren befassen, die allesamt noch heute Anhängerschaften verzeichnen. Ich beschränke mich dabei aber auf Jenseitsvorstellungen außerhalb von Theologie und Kirche. Einen ersten Abschnitt werde ich dem Visionär Swedenborg und am Rande den von ihm ausgehenden spiritualistischen Schulen widmen. In einem zweiten Abschnitt wird der sogenannte Spiritismus mit seinen experimentierenden Zugangsversuchen zum Jenseits zu behandeln sein. Und ein letzter Abschnitt soll theosophische bzw. anthroposophische Vorstellungen in dieser Fragerichtung zur Sprache bringen.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Auf die theologische Problematik katholischer Anrufung von Selig- oder Heiliggesprochenen kann hier nicht eingegangen werden (vgl. z.B. P. Brown: Die Heiligenverehrung. Ihre Entstehung und Funktion in der lateinischen Christenheit, Leipzig 1991).
2 Vgl. z. B. Hans-Jürg Braun: Das Leben nach dem Tod. Jenseitsvorstellungen der Menschheit, Düsseldorf / Zürich 1996; Harold Coward: Das Leben nach dem Tod in den Weltreligionen, Freiburg i. Br. 1998.
3 Vgl. Werner Thiede: Tabuisierung des Todes im 21. Jahrhundert? Überlegungen zu einem spätmodernen Kulturphänomen, in: Berliner Theologische Zeitschrift 21 (2004), 206-225.
4 Das gilt ungeachtet gegenteiliger Behauptungen selbst aus Professorenmund. So behauptete Prof. Walther Hinz: „Doch das persönliche Überleben des Todes ist durch Erfahrungsbeweise wissenschaftlich begründet“ (Woher – Wohin, Zürich 1980, 5); Prof. Werner Schiebeler äußert sich ebenso: Wir überleben den Tod. Erfahrungsbeweise für ein Weiterleben, Freiburg i. Br. 1983.
5 Vgl. bes. Bernhard Lang / Colleen McDannell: Der Himmel. Eine Kulturgeschichte des ewigen Lebens, Frankfurt/M. 1990.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!