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Materialdienst 5/2008
Hansjörg Hemminger, Annette Kick, Andrew Schäfer

Ein Land voller Propheten

Neureligiöse und spirituelle Kleingruppen um Medien, Gurus und erleuchtete Meister (Teil 1)

„Sie ... liebten ihre Religion in milder Form – eine fromme Hoffnung, ein hingebungsvoller Ausruf, ein allgemeiner, angenehmer Eindruck eines gütigen Universums – aber nichts Aufrüttelndes oder Verwirrendes, kein Leid, keine Dunkelheit, kein ungeschaffenes Licht.“
Charles Williams

Von der Jugendreligion zur spirituellen Szene

Zwischen 1960 und 1980 tauchten im Rahmen der Hippie- und 68er- Bewegung, später im Rahmen der New-Age-Bewegung, bisher unbekannte religiöse Gemeinschaften in Europa auf und fanden eine überwiegend junge Anhängerschaft. Es handelte sich nicht nur um einen religiösen Pluralisierungsschub, sondern um einen Prozess der Globalisierung. Meist von Asien aus, oft über die USA vermittelt, boten sich neue hinduistische Guru-Gruppen, synkretistische Neureligionen, buddhistische Kaderorganisationen und viele andere Gemeinschaften als exotische, gleichzeitig faszinierende und befremdliche Sinnagenturen an. Hinzu kamen Neuoffenbarerinnen und -offenbarer aus der Tradition des Esoterizismus, die eigentlich unreligiösen Scientologen und Psychogruppen wie das „Ehrhard Seminary Training“ (est) und der „Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis“ (VPM). Universelles Leben, Fiat Lux, die Transzendentale Meditation (TM), Hare Krishna (ISKCON), die Vereinigungskirche des Koreaners Mun, Ananda Marga, Soka Gakkai, Sri Chinmoy, Eckankar, der Wicca-Kult usw. traten neben die bisher bekannten (meist christlichen) Sondergruppen und Sekten.1 Nicht nur die Fremdheit der dogmatischen Systeme, auch der Fanatismus der Anhängerschaft und die radikale Ablehnung des gesellschaftlichen Bezugssystems, in das sie eindrangen, führten zu der negativen Charakterisierung als Jugendreligionen oder Jugendsekten.

Die Entwicklung gipfelte und endete in der Bewegung von Bhagwan Shree Raijneesh, später Osho, die zahlenmäßig alle genannten Gruppen, vielleicht mit Ausnahme der Transzendentalen Meditation, weit übertraf. Mit ihr gab es zwischen 1980 und 1990 einen Übergang von den ehemals radikalen Jugendsekten zu Formen, die teilweise Einzug in die liberal-progressiven Milieus des Bürgertums hielten. Nach dem Zerfall des Bhagwan-Imperiums wechselte seine Anhängerschaft mehrheitlich in das Milieu einer marktförmigen Esoterik und prägt dieses bis heute.

Weitere Ideen- und Praxisbestände für diesen Markt lieferten die alternative Psychoszene, vormoderner Aberglaube und das Neuheidentum. Hexen, Druiden und Schamanen gesellten sich zu den esoterischen Meistern, den spirituellen Lebenshelfern, den indischen Gurus im Westen und den verschiedenen Religionsgründern. Im Zuge dieser Entwicklung trat das gesellschaftskritische Pathos der New-Age-Bewegung immer mehr zurück. Die Rede von der Transformation des Weltbewusstseins und von einem neuen Zeitalter wurde spiritualisiert und individualisiert. Es bildete sich ein gebrauchs- und konsumorientiertes Angebot einer „freien Spiritualität“ heraus. Der ältere Esoterizismus der Theosophen, Spiritisten, Anthroposophen und Rosenkreuzer (um die wichtigsten Systeme zu nennen) wurde zum Teil vereinnahmt, zum Teil aber auch an den Rand gedrängt. Immer neue Sonderformen entstanden in diesem magisch-spirituellen Gemisch: esoterische Channeling-Gruppen als moderne Formen des Spiritismus, die Universale Kirche als sektiererische Version der Theosophie oder zahllose neohinduistisch-esoterische Kleingruppen, die sich um selbst ernannte Meister sammelten.

Das esoterische Marktangebot entzog und entzieht den früheren Jugendreligionen, den Religionsgründern und den Hindu-Gurus im Westen die potentiellen Anhänger. Was sie zu bieten hatten, bieten andere in sozialverträglicherer und offenerer Form.2 Die meisten ehemaligen Jugendreligionen sowie die alten esoterischen Systeme sind zwar auf diesem Markt immer noch präsent, aber relativ erfolglos. Die Vereinigungskirche stagniert in Deutschland bei mageren 3000 Mitgliedern, ISKCON hat noch weniger Anhänger und Ananda Marga ist praktisch verschwunden. TM taucht zwar immer wieder mit lautstark verkündeten Projekten in den Medien auf. Taten folgen jedoch selten, und der Kader, der den Kern der Gemeinschaft bildet, scheint nicht zu wachsen. Die der Transzendentalen Meditation zuzuordnende Naturgesetzpartei musste ihre Aktivitäten wegen Erfolglosigkeit einstellen. Das Universelle Leben stagniert ebenso wie die „Munies“, und Fiat Lux wird mit der Gründerin Uriella alt und stirbt womöglich auch bald mit ihr. Nur Scientology gelingt es immer wieder, politischen Einfluss geltend zu machen – dies aber nicht durch ihre bescheidenen europäischen Ressourcen, sondern mit Hilfe der starken Mutterorganisation in den USA. Die Zeit der großen, nach außen hin geschlossenen und zumindest im Kern fanatischen Gruppen scheint abzulaufen.

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Anmerkungen

1 Der schwierige Begriff „Sekte“ wird hier ausnahmsweise einmal benutzt. Näheres siehe bei Hansjörg Hemminger, Was ist eine Sekte? Stuttgart / Mainz 1995. Die Sondergruppen und Sekten vor dem erwähnten Globalisierungsschub werden nahezu vollständig von den zahlreichen Ausgaben des Standardwerks von Kurt Hutten beschrieben: Seher – Grübler – Enthusiasten, Stuttgart, erste Auflage 1950, letzte Auflagen (posthum) 1989 und 1997.
2 Zu den geistigen Grundlagen des Esoterik-Markts siehe auch Jens Schnabel, Das Menschenbild der Esoterik, Neukirchen-Vluyn 2007, und Gabriele Lademann-Priemer / Rüdiger Schmitt / Bernhard Wolf (Hg.), Alles fauler Zauber? Beiträge zur heutigen Attraktivität von Magie, Münster 2007.

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