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Materialdienst 1/2008
Hermann Barth

Im Glauben an einen Gott verbunden - Wie weit trägt diese Gemeinsamkeit?

Das Verhältnis zwischen Christentum und Islam in theologischer Perspektive

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Die Handreichung des Rates der EKD über „Klarheit und gute Nachbarschaft“ im Verhältnis zwischen „Christen und Muslimen in Deutschland“ hat mit ihrer Veröffentlichung am 28. November 2006 eine Flut von Zuschriften ausgelöst. Vorwiegend lobten sie den Text – was nicht heißt, dass jedes Lob Grund zur Freude gab. Einige tadelten ihn, zuletzt der „Appell aus Baden“, der inzwischen in der evangelischen Kirche zahlreiche Unterstützer hinter sich versammelt und Rat und Synode der EKD zu einer Kurskorrektur aufgefordert hat. Eine der frühen kritischen Reaktionen kam von einem theologischen Studienleiter an einer Akademie und beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit dem Abschnitt über „Chancen und Grenzen des Glaubens an den ‚einen Gott’“. Ich zitiere in Auszügen:

„Natürlich können wir akademisch keine Entscheidung darüber treffen, ob es sich hier wie da auch ‚wirklich’ um ein und denselben Gott handelt. Wir können aber und sollten differenziert wahrnehmen, dass es unter Christen wie Muslimen solche gibt, die von einem gemeinsamen Gott ausgehen, und solche, die diese Identität ablehnen. Im Koran ... ist es klar und deutlich die durchgängige Auffassung, dass sich derselbe Gott, der im AT und im NT verehrt wird, jetzt den Arabern offenbart hat, und zwar letztgültig ... Am Kriterium des Christusglaubens den Muslimen den gemeinsamen Gottesglauben abzusprechen, ist ... heikel: In Analogie hätte dieses Kriterium verheerende Wirkung für das christlich-jüdische Gespräch. An dieser Stelle gibt es sogar eine größere Nähe zwischen Christen und Muslimen, denn letztere erkennen – in Aufnahme einer selektiven Lektüre des NT, aber immerhin! – Jesus als großen Propheten an, was im Judentum sicher die Ausnahme ist ...

An dem ... Abschnitt wird ... anschaulich, wie unausgegoren und uneinheitlich die ganze Schrift ist ... Ich bitte deshalb ernsthaft in Erwägung zu ziehen, [ihre] Verbreitung einzustellen. Was ‚Klarheit und gute Nachbarschaft’ von Christen und Muslimen anbetrifft, ist sie kontraproduktiv. Der Papst hingegen hat auf seiner Türkeireise ein deutliches Zeichen gesetzt, als er mit dem Großmufti gemeinsam betete. Dabei war für beide klar, dass sie je zu dem einen Gott beten, der sich auf unterschiedliche Weise offenbart hat, und auch, dass die je eigene Offenbarungstradition die letztgültige und die andere eine [nur] relativ gültige ist. Auf dieser Grundlage kann respektvoll miteinander um die Wahrheit gerungen werden.“

Diese briefliche Äußerung führt in exemplarischer Deutlichkeit vor, wie viele Unklarheiten den theologischen Blick auf das Verhältnis zwischen Christentum und Islam belasten. Ich kann nicht versprechen, Klarheit zu schaffen. Dafür sind die Fragen zu schwer und meine Erfahrungen und Kenntnisse im Umgang mit dem Thema zu bescheiden. Ich hoffe aber, zumindest die Richtung weisen zu können, in die sich das weitere Nachdenken bewegen muss.

Dazu gehe ich in sechs Schritten vor. Der I. Teil meines Referats ist überschrieben: „Im Glauben an einen Gott verbunden“; er geht der Frage nach, was es inhaltlich genau ist, das die monotheistischen Religionen miteinander verbindet. Der II. Teil setzt sich mit der Erfahrung auseinander, dass im Falle von Christentum und Islam das Verbundensein im Glauben an einen Gott einhergeht mit einer Fülle von theologischen und frömmigkeitlichen Differenzen; er trägt den Titel: „Trotz des Glaubens an einen Gott einander fremd“ und sieht Christentum und Islam vor der Aufgabe, in ihrer Begegnung dieser wechselseitigen Fremdheit standzuhalten und die Differenzen nicht vorschnell zu überspringen. Dass in der Bestimmung des Verhältnisses zwischen Christentum und Islam auch andere Akzente gesetzt werden, ist Gegenstand des III. Teils, und zwar unter der Überschrift: „Ein Blick auf andere Positionen in der Diskussion über Christentum und Islam“. Der IV. Teil erläutert, warum es geradezu überlebenswichtig ist, die Fremdheitserfahrungen abzubauen und zu guter Nachbarschaft zu finden. Denn: „Kein Friede zwischen den Kulturen ohne Frieden zwischen den Religionen“. Der V. Teil fragt danach, auf welchen Ebenen und in welcher Weise Christen und Muslime miteinander in einen Austausch treten und zu guter Nachbarschaft finden können; die Überschrift gibt schon die Antwort: „Begegnung, Dialog, Gebet – alles zu seiner Zeit“. Der VI. Teil schließlich wendet sich der Schwierigkeit zu, dass die notwendigen Prozesse kulturellen Wandels im Islam Zeit brauchen, wir aber nicht viel Zeit haben; seine Überschrift lautet daher: „Wie viel Zeit brauchen wir? Wie viel Zeit haben wir noch?“

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Anmerkung

1 Der Beitrag beruht auf einem Referat, das am 26.9.2007 beim Generalkonvent des Sprengels Stade der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers gehalten wurde.

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