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Materialdienst 1/2008
Okkultismus

Gründer der Thelema Society verstorben

(Letzter Bericht: 6/2006, 234ff) „Am 13.11.2007, kurz nach 22:00 Uhr, verließ uns Michael D. Eschner in seiner physischen Form.“ So lapidar informiert die Okkultgruppe „Thelema Society“ im November 2007 auf ihrer Website (www.thelema.de, 28.11.2007) über den Tod ihres prominentesten Mitglieds. Allerdings lässt der Hinweis, dass Eschner in seiner physischen Form gegangen sei, aufhorchen. Was sich darin andeutet, wird durch die weiteren Texte deutlicher, die der Nachricht beigegeben sind: Hier geht es um einen spirituellen Führer mit besonderen Qualitäten. Neben weiteren in der Szene sattsam bekannten Zitaten aus dem „Liber Al vel Legis“ von Aleister Crowley sticht Folgendes mit seiner deutenden Qualität hervor: „Wenn der Körper des Königs vergeht, wird er für immer in Ekstase bleiben.“

Die Anknüpfung an Crowley ist bei einer Gruppe, die sich in der thelemitischen Tradition sieht, nicht überraschend. Im Falle des Verstorbenen ist sie geradezu zwingend. Schließlich hielt sich der 1949 geborene Eschner für eine Reinkarnation Aleister Crowleys (gest. 1947). Auf alle Fälle hatte er schon zu Lebzeiten einen ähnlich schlechten Ruf wie Crowley zu seiner Zeit. Zu diesem Ruf hatte er einiges beigetragen.

Die Strafverfolgungsbehörden beschäftigten sich öfter mit ihm. 1993 kam es zu einem Verfahren wegen Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung. Eschner wurde verurteilt und musste für einige Jahre ins Gefängnis. Weitere Missbrauchsvorwürfe führten zu keinem neuen Prozess gegen Eschner selbst.

Der gelernte Elektromechaniker Eschner hatte sich im Berlin der 60er Jahre vom Marxismus infizieren lassen. Sein Weg führte ihn später in sexualmagische Kreise. So propagierte er dann ein okkultes Weltbild in der Nachfolge Aleister Crowleys. Der philosophische Autodidakt suchte sein Gedankengebäude zunehmend zu erweitern und probierte Anleihen bei Hegel, Heidegger und verschiedenen gerade gängigen Konzepten. In der letzten Zeit war häufig von der Systemtheorie Niklas Luhmanns die Rede. Gleichzeitig gab Eschner sich in Interviews als abgeklärter älterer Herr. Man mochte es kaum glauben, dass da einer saß, dessen Ideologie sich in scharfem Widerspruch zum abendländischen Wertekanon befand!

Eschner hatte schon 1982 in Berlin die Organisation „Thelema-Orden des Argentum Astram“ gegründet. Der Name wechselte mehrfach, bis die inzwischen im niedersächsischen Bergen-Dumme ansässige Gruppe den Namen „Thelema Society“ erhielt. Es sollen sich ca. 120 Personen dazu zählen, die in drei Kreisen organisiert sind. Der innere Kreis umfasst gegenwärtig wohl 30 Mitglieder. In Bergen-Dumme kam es zu den Vorfällen, die schließlich zu Eschners Verurteilung führten. Ehemalige Mitglieder berichten von Ekeltraining, Gewalt, Übergriffen und Angst.

In letzter Zeit war es stiller um Eschner geworden. Er sollte angeblich nicht mehr die führende Figur der Gruppe sein. Nach dem plötzlichen Tod kam das Gerücht von einem Selbstmord Eschners auf, das aber von der Polizei dementiert wurde. Es bleibt abzuwarten, wie es mit der Thelema Society weitergeht. Was Eschner anbelangt, ist die Sache für seine Anhänger klar: „Du lebst … nur ein bissel anders“ (www.thelema.de, 28.11.2007).

Jürgen Schnare, Hannover

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