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Materialdienst 10/2008
Freigeistige Bewegung

Aus der "Zentrale des neuen Atheismus"

Anfang Juli 2008 hat die Giordano Bruno Stiftung in Mastershausen einen Bericht über ihre Arbeit und über die Pläne für die nächste Zeit vorgelegt. Durch geschicktes Besetzen von Themen und mittels guter Öffentlichkeitsarbeit ist es der Stiftung gelungen, binnen kurzer Zeit einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erreichen. Im Tätigkeitsbericht schreibt die Stiftung, dass sie sich als „die maßgebliche Denkfabrik (Think-Tank) für Humanismus und Aufklärung“ etabliert habe (3). Das zeige sich auch in einem nennenswerten Anstieg der Fördermitglieder. Deren Zahl konnte zwischen Frühjahr 2007 und Frühjahr 2008 von 350 auf 1100 erhöht werden, was immerhin eine Verdreifachung bedeutet (3).

Zu den besonderen Ereignissen des vergangenen Jahres gehörte zweifellos die Verleihung des Deschner-Preis an den britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Diese erfolgte am 12. Oktober 2007 im Rahmen eines Festaktes in der Aula der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt. Zwei Ereignisse des vergangenen Jahres haben die Öffentlichkeit besonders interessiert: Die Gründung des „Zentralrats der Ex-Muslime“ Ende Februar 2007 (vgl. MD 8/2007, 297ff) und der Streit um das religionskritische Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ (vgl. MD 3/2008, 113ff). Letzteres war von der Giordano Bruno Stiftung gefördert worden; Vorstandsmitglied Michael Schmidt-Salomon hat den Text verfasst. Der Streit um dieses Kinderbuch war für die Stiftung eine hervorragende Gelegenheit, sich und die eigenen Anliegen immer wieder öffentlich zu präsentieren. Hier konnte man beobachten, wie leicht aus einer schlechten Nachricht, nämlich der Androhung der Indizierung, eine gute Werbung wird. Der Konflikt um das Kinderbuch wurde zu einer guten Reklame für Verlag, Autor und Stiftung. So ist es nicht ganz falsch, wenn die Stiftung in ihrem Tätigkeitsbericht schreibt, sie werde immer mehr als „Zentrale des neuen Atheismus in Deutschland“ wahrgenommen (15). Das jedoch entspricht nicht unbedingt ihrem Selbstverständnis. Denn es geht der Giordano Bruno Stiftung wie den meisten der sog. „neuen Atheisten“ weniger um Atheismus als vielmehr um Naturalismus und Humanismus – wobei in diesem Kontext Humanismus anders verstanden wird als gemeinhin in der philosophischen und theologischen Tradition (vgl. MD 3/2008, 83f). Insofern sind die Begriffe verwirrend. Diesem Perspektivenwechsel vom neuen Atheismus zu einem neuen Humanismus dienen einige Tagungen, die die Stiftung unterstützt. So fand bereits im Juni 2008 in Nürnberg eine Tagung zum Thema statt, Mitte November wird man in Zusammenarbeit mit der Friedrich Ebert Stiftung in Berlin fragen: „Was ist heute Humanismus?“

Das Jahr 2009 möchte die Giordano Bruno Stiftung als „Darwin-Jahr“ ausrufen. Man möchte des 200. Geburtstages von Charles Darwin gedenken und zugleich das Erscheinen der berühmten Schrift „On the Origin of Species by Means of Natural Selection“ vor 150 Jahren würdigen. Die Stiftung plant aus diesem Anlass zahlreiche Veranstaltungen (vgl. www.darwin-jahr.de).

Wie zu erwarten, wird man nach dem großen Medienecho ein weiteres atheistisches Kinderbuch produzieren. Zum kleinen Ferkel gesellt sich im Oktober ein freches Hündchen. „Die Geschichte vom frechen Hund – Warum es klug ist, freundlich zu sein“ wird eine „drollige Einführung in die evolutionäre Ethik für Dreijährige“ bieten. Und im Frühjahr 2009, passend zum Darwin-Jahr, soll uns Susi Neunmalklug in einem „Anti-Kreationismus-Comic“ die Welt erklären. Das wird dann ein Buch „für kleine und große Besserwisser“ sein. Die Zeit der ideologielastigen Kinderbücher geht also jetzt erst so richtig los. Daneben plant die Stiftung einige seriöse Bucher zur Evolutionstheorie und zu religionskritischen Fragen.

Schließlich ist zu berichten, dass die Giordano Bruno Stiftung zwei Klagen unterstützt, die sich gegen kirchliche Privilegien richten. In Bayern klagt man gegen das Tanz- und Konzertverbot am Karfreitag, weil es „absurd ist, ausgerechnet an einem Feiertag nicht feiern zu dürfen“. Die zweite Klage richtet sich gegen die sog. „Konkordatslehrstühle“. Das sind Lehrstühle, die sich außerhalb theologischer Fakultäten befinden und nur mit der Zustimmung des örtlichen Bischofs besetzt werden können. Die Stiftung sieht hier einen Widerspruch zum Anti-Diskriminierungsgesetz, weil Konfessionslose ausgegrenzt würden, und sie glaubt die weltanschauliche Neutralität des Staates verletzt.

Andreas Fincke, Berlin

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