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Materialdienst 10/2008
Michael Nüchtern

Adam und Eva wohnen in Baden-Württemberg

Beobachtungen zur säkularen Wirkungsgeschichte eines biblischen Paares

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„Adam und Eva leben im Paradies.“ Eine großformatige Anzeige mit dieser Überschrift schaltete das Bundesland Baden-Württemberg im Sommer 2003 über Wochen in überregionalen Tageszeitungen. Man sah die schmunzelnden Gesichter eines Adam J. aus Karlsruhe und einer blonden Eva P. aus Stuttgart. Mit der bekannten Mischung aus Großspurigkeit und Schelmerei unseres Bundeslandes wurde auf aktuelle Studien von McKinsey, ZDF und T-Online hingewiesen, dass „in Baden-Württemberg nicht alles wie im Paradies“ sei, sondern auch „manches viel besser. Beispiel Arbeitslosigkeit: Die betrug im Paradies annähernd 100 Prozent, denn bekanntlich arbeitete man dort nicht. Baden-Württemberg dagegen hat seit Jahren die niedrigste Arbeitslosenquote Deutschlands.“ Im launigen Ton ging es über 20 Zeilen weiter, auch die Apfelbäume wurden erwähnt. „Ein großer Unterschied zum Paradies indes bleibt bestehen: Dort gab es keine Kehrwoche. Wie das endete, ist bekannt.“

Abgesehen von Geschmacksfragen ist an dieser Anzeigenkampagne mindestens zweierlei bemerkenswert: 1. Die Pointe der Anzeige ist nur verständlich, das Schmunzeln stellt sich nur dann ein, wenn die biblische Geschichte bei den Lesenden so in etwa bekannt ist. D. h. die Aktion setzt voraus, dass der christliche Traditionsabbruch nicht vollkommen ist. 2. Die Anzeige ist ein Beispiel für das Weiterwirken biblischer Geschichten und Motive in der populären Kultur. Biblische Geschichte wird in völlig säkularen Zusammenhängen zitiert, nicht als heiliger Text, sondern profanisiert, nicht religionskritisch oder bösartig, sondern postmodern augenzwinkernd mit kleinem Tabubruch, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Genesis 2 und 3 gehören zu den Lieblingsgeschichten der Werbung. Edeka zum Beispiel sagte zum 100. Geburtstag im Mai 2007 „Danke, Eva!“ Die Lebensmittelkette wollte der langen Liste an Wegbereitern für ihren Erfolg danken. „Allen voran natürlich Eva. Eva? Richtig! Eva, die Grande Dame aus dem Garten Eden, Frau von Adam, erste Genießerin der Menschheit und – Sie wissen schon – die mit dem Apfel“ (zitiert nach: Süddeutsche Zeitung vom 30.5.2007). Überall, wo „Einkaufsparadiese“ verheißen werden, eine leicht bekleidete Schöne einen Apfel verlockend präsentiert, handelt es sich um oft nur halbbewusste säkulare Wirkungen der biblischen Szenerie.

Auch das unzählbar variierte und zitierte Fresko Michelangelos aus der Sixtinischen Kapelle „Die Erschaffung des Menschen“ muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Die Präsentation von Urlaubsparadiesen, in denen sich ein Paar neckisch unter Palmen tummelt und Tiere die unverfälschte Natur symbolisieren, weckt die Urerinnerungen an jenen Garten in Eden, von dem die biblische Geschichte berichtet. Restaurants, Hotels und Campingplätze unter südlicher Sonne heißen typischerweise auch so wie jener Ort, an dem Gott der Herr im Osten das Paradies für die Menschen herrichtete (Gen 2,8).

Dass ausgerechnet die Geschichte von Adam und Eva es bis in die Tiefen der Alltagskultur gebracht hat, ist nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass sie in der theologischen Tradition doch mit dem Gewicht von Schuld, Schicksal und Tod belastet ist. Johann Peter Hebel resümiert in seinen Biblischen Geschichten die Erzählung Genesis 3 mit den Worten: „Wer die Unschuld verloren hat, kann in keinem Paradies mehr glücklich sein.“2

Ein weites Feld weltlicher Wirkungsgeschichte

Im Folgenden soll die säkulare Wirkungsgeschichte der biblischen Geschichte über einige Stationen an Beispielen verfolgt werden. Dabei werden auch Hypothesen formuliert, wie jene Entkoppelung der Figuren von Sündenfall und Fluch sowie von mythischer Schwere erklärt werden kann. Die biblische Geschichte von Adam und Eva (Gen 2,4b-3,24) hat vielfältige Spuren in unserer Kultur hinterlassen. Man sprach oder spricht noch vom Adams- bzw. Evaskostüm, wenn Nacktheit vornehm umschrieben werden soll. „Verbotene Früchte“, die in der Geschichte eine wenig förderliche Rolle spielen, wurden zum geflügelten Wort. Die Bezeichnung Adamsapfel für den vorstehenden Schildknorpel des Halses geht auf den Volksglauben zurück, dass ein Bissen des berühmten Apfels in Adams Kehle stecken blieb. Das „Feigenblatt“ wurde zur scherzhaften Metapher einer gelungenen oder weniger gelungenen Verhüllung – oft im übertragenen Sinne.

Die biblische Geschichte erzählt Elementares vom Menschen: von dem Verhältnis der Geschlechter und von Mensch und Tieren; sie gibt Würde und Hybris des Menschen zu denken, seine Erdverfallenheit und seine Gottesnähe. Gedanken über die Größe des Menschen finden in den Bildern und Szenen der Geschichte Anhalt wie auch über sein Elend. Die Geschichte von Adam und Eva enthält alles, was das Leben reiz- und spannungsvoll macht: Essen, üppige Gärten, Sexualität, Verführung, Scham, Schuld und Entfremdungsgefühle. Sie erzählt von den Mühen des Lebens, vom Schweiß und vom Kindergebären, von Nacktheit und Tod.

Wer all das im Abendland bedenken wollte oder will, bekam und bekommt von unserer Geschichte Bilder und Szenen geliefert. Wer trivial und tiefsinnig die „condition humaine“ zum Thema machte und macht, dem bot und bietet diese biblische Geschichte Material. Deswegen ist das Urteil zutreffend, dass Rückgriff auf, Auseinandersetzung und Spiel mit dieser Geschichte unsere Kultur geprägt haben. Mit den Worten von Kurt Flasch, der die Wandlungen des Mythos von Eva (!) und Adam untersucht hat: „Die intellektuelle und künstlerische Arbeit an den uralten Erzählungen wurde ein Element der europäischen Identität.“3

Die Geschichte von Adam und Eva – in Verbindung mit anderen kulturellen Wirkkräften und oft gegen die ursprüngliche Gestalt der Geschichte selbst – wurde auch dazu benutzt, ein Bild der Frau zu prägen. Sie wird unter Rekurs auf unsere Geschichte zur „verführerischen Eva“, die – selbst leicht verführbar – ihrerseits den Mann verführt und ins Verderben stürzt. In der Redewendung „cherchez la femme!“, die dazu anleitet, die Frau zu suchen, die hinter einem Übel steckt, spiegelt sich eine Misogynie, die auch in die Wirkungsgeschichte unserer Geschichte gehört.

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Anmerkungen

1 Es handelt sich um eine aktualisierte und geringfügig veränderte Fassung des Beitrags: Adam und Eva wohnen in Baden-Württemberg, in: Johannes
Ehmann (Hg.), Praktische Theologie und Landeskirchengeschichte. Dank an Walther Eisinger, Heidelberger Studien zur Praktischen Theologie 12, Münster 2008, 239-248.
2 Sämtliche Schriften V, Biblische Geschichten, kritisch hg. v. Adrian Braunbehrens, Gustav Adolf Benrath und Peter Pfaff, Karlsruhe 1991, 8.
3 Kurt Flasch, Eva und Adam, Wandlungen eines Mythos, München 2004, 96.

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