publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 6/2008
Franz Winter

Das Neue Testament, der Buddhismus und der "arische Mythos"

Die angebliche Abhängigkeit der neutestamentlichen Schriften vom Buddhismus ist seit dem 19. Jahrhundert ein kontrovers diskutierter Forschungsbereich. Zwar hat diese Diskussion ihren Höhepunkt längst überschritten, jedoch finden sich bis heute immer wieder Ansätze einer Wiederaufnahme. Im Rahmen dieses Beitrags soll eine der jüngsten „Beeinflussungstheorien“, die mit der Person des Indologen und Buddhismusforschers Christian Lindtner in Zusammenhang steht, vorgestellt und besprochen werden. Dabei eröffnet sich ein Lehrbeispiel für die Nähe zu Verschwörungstheorien und die Verkettung dieser Theoriebildungen mit einer Reihe von „Beweisen“, die wiederum zu „besonderen“ Geschichtskonstruktionen führen können. Im Falle Christian Lindtners ist insbesondere sein Engagement im Kontext des zeitgenössischen politischen Revisionismus anzusprechen, das in seinem Interesse für die Rekonstruktion einer besonderen Stellung des „arischen“ Volkes gründet. Dies hat wiederum eine bestimmte weltanschauliche Verbindung mit der vorgestellten „Beeinflussungs-These“, wie auszuführen sein wird. Zudem sollen in diesem Beitrag auch die Verwendung bestimmter Argumentationsfiguren aus diesem Gegenstandsbereich in der modernen Populäresoterik und – demgegenüber – moderne wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzungen mit der Thematik kurz vorgestellt werden.

Die Frage nach der Abhängigkeit der frühchristlichen Schriften vom Buddhismus ist ein Themenbereich, der mittlerweile schon ganze Bibliotheken füllen könnte. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wurde immer wieder die Frage aufgeworfen, ob Teile des neutestamentlichen Schrifttums oder gar das ganze Corpus massiv unter buddhistischem „Einfluss“ entstanden hätten.1 Diese Diskussion war zu einem großen Teil von bestimmten Interessen geleitet und hatte einerseits im romantischen Ursprungsdenken und der Suche nach dem „einen“ Grund der Religionen ihren Hintergrund. Andererseits kann darin auch der Versuch einer Anbindung der westlichen religiösen Traditionen an die östliche Tradition gesehen werden, die als die eigentlich überlegene zu gelten habe. Diese Annahme verdankte sich u. a. dem massiven weltanschaulichen Impuls der Theosophie. Zwar wurde die Diskussion schon Anfang des 20. Jahrhunderts durch einige substantielle Bestandsaufnahmen beruhigt2, jedoch gibt es bis heute Versuche einer Wiederaufnahme, wie hier gezeigt werden soll.

Die Anbindung des Christentums an den Buddhismus in der modernen Populäresoterik

Versatzstücke dieser Diskussion sind gern verwendete Argumentationsfiguren in der modernen Populäresoterik. Die Anbindung des Christentums an den Buddhismus gilt dabei als „Klassiker“ eines Geheimwissens, das der Menschheit von einer verdogmatisierten Kirche durch allbekannte Täuschungsmanöver vorenthalten worden sei und das nun – endlich – allgemein zugänglich gemacht werden könnte. Die einschlägigen Veröffentlichungen erweisen sich dabei als Jagd nach Indizien, die stufenweise das Bild einer riesenhaften Verschwörung ergeben, die den buddhistischen Ursprung des Christentums verdeckt habe. Und sollten die Indizien nicht genügend Überzeugungskraft haben, so könnten gegebenenfalls auch Texte nachgereicht werden.

Ein bis heute immer wieder zitierter „Beweis“ für den „asiatischen“ Hintergrund des Neuen Testamentes ist das Buch La vie inconnue de Jésus-Christ (Das unbekannte Leben Jesu) des russischen Journalisten Nicolai Notovitch, das Ende des 19. Jahrhunderts in mehreren Auflagen und bald darauf in vielen Übersetzungen erschien.3 Darin wird unter Wiedergabe eines vermeintlichen Manuskriptfundes behauptet, dass Jesus sich in seiner Jugendzeit in Indien aufgehalten habe, wo er auch den Buddhismus kennen gelernt haben soll. Dieses Buch erlebte in den 80er Jahren ein Revival durch Veröffentlichungen der Journalisten Holger Kersten und Elmar R. Gruber.4 Beide präsentierten diese Fälschung als Beweis für einen Indienaufenthalt des jungen Jesus (samt Ausbildung durch buddhistische Mönche) und kombinierten diese These mit dem angeblichen Nachkreuzigungsaufenthalt Jesu in Kaschmir. Die Legende, dass Jesus in Kaschmir starb, geht wiederum auf den Begründer der islamischen Ahmadiyya-Bewegung, (Mīrza) Ghulam Ahmad (1835-1908), zurück.5 Die Beweisführung beruht in erster Linie auf der Identifikation Jesu mit der legendarischen islamischen Gestalt eines „Yuz Asaf“. Hinter dessen Lebensbeschreibung steht aber nichts anderes als eine aus verschiedenen Elementen und Traditionen zusammengesetzte und natürlich im Laufe der Zeit massiv veränderte Buddha-Biographie. Damit scheint es fast eine Ironie der Religionsgeschichte zu sein, dass im Hintergrund der von (Mīrza) Ghulam Ahmad mit Jesus identifizierten Gestalt der Buddha steht.6

In Europa wurde diese These seit den 70er Jahren insbesondere durch den Journalisten Andreas Faber-Kaiser und sein Buch Jesus lebte und starb in Kaschmir7 bekannt gemacht. In jüngster Zeit erfuhr sie eine Wiederbelebung durch die Veröffentlichungen der amerikanischen Journalistin Suzanne Olsson, die zudem sogar ihre eigene Genealogie auf Jesus zurückführt.8 Die relevanten Veröffentlichungen, insbesondere das Buch Jesus in Kashmir. The Lost Tomb, liegen bislang in Englisch vor; es ist zu vermuten, dass bald auch deutsche Übersetzungen erscheinen werden.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Eine neuere Zusammenfassung dieser Theoriebildungen findet sich bei Perry Schmidt-Leukel, „Den Löwen brüllen hören“. Zur Hermeneutik eines christlichen Verständnisses der buddhistischen Heilsbotschaft (BÖT 23), Paderborn u.a. 1992, bes. 20-30.
2 V. a. Richard Garbe, Indien und das Christentum. Eine Untersuchung religionsgeschichtlicher Zusammenhänge, Tübingen 1914.
3 Vgl. dazu Norbert Klatt, Das Buch „Die Lücke im Leben Jesu“. Die Fälschung einer Quelle durch Nikolaus Notovitch, in: MD 11/1984, 346–348; ders., Jesus in Indien, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 39, 1987, 267-272; ders., Lebte Jesus in Indien? Eine religionsgeschichtliche Klärung, Göttingen 1988. Mit Notovitch hat sich auch ausführlich der Buddhologe Günther Grönbold auseinandergesetzt: Jesus in Indien. Das Ende einer Legende, München 1985.
4 Vgl. z.B. Holger Kersten, Jesus lebte in Indien. Sein geheimes Leben vor und nach der Kreuzigung, München 1983; Elmar R. Gruber / Holger Kersten, Jesus starb nicht am Kreuz. Die Botschaft des Turiner Grabtuchs, München 1998.
5 Er propagierte diese These in seiner Schrift „Masih Hindustan Mein“ (so das Urdu-Original; das Buch ist in seiner englischen Übersetzung „Jesus in India. Being an Account of Jesus’ Escape from Death on the Cross and of his Journey to India“ weit verbreitet).
6 Vgl. dazu Norbert Klatt, Wer ist Yuz Asaf?, in: MD 10/1984, 315f; ders., Zum „Jesus-Grab“ in Srinagar, in: MD 3/1985, 83f. 
7 Es war zuerst auf Spanisch erschienen (Barcelona 1976) und bald in viele Sprachen übersetzt worden.
8 Ausführliche Informationen dazu bietet ihre Homepage: www.jesus-kashmir-tomb.com/.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!