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Materialdienst 6/2008
Hansjörg Hemminger, Annette Kick, Andrew Schäfer

Ein Land voller Propheten

Neureligiöse und spirituelle Kleingruppen um Medien, Gurus und erleuchtete Meister (Teil 2)

Neureligiöse Kleingruppen haben derzeit Konjunktur. Sie sind Ausdruck religiöser Pluralisierungs- und Individualisierungsprozesse, aber auch ein Hinweis auf die zunehmende Popularisierung esoterischer Vorstellungen in der Gesellschaft. Welche Spannungen und Konflikte ergeben sich für den Einzelnen durch die Mitgliedschaft in Kleingruppen um selbsternannte Gurus, Schamanen und spirituelle Lehrer? Der nachfolgende Beitrag setzt die in MD 5/2008, 163-173, begonnene Spurensuche fort und entwickelt kirchlich-theologische Beurteilungshilfen für ein interessantes wie schillerndes Phänomen gegenwärtiger Religionskultur.


„Ich fühle mich ein wenig mikrokosmisch.“
Charles Williams

Klein, aber fein?

Kleine, familiäre Anhängergruppen um einen (religionsgeschichtlich betrachtet) ebenso kleinen Meister, eine Meisterin oder einen Guru gab es auch in früheren Jahrzehnten. Bekannt wurde die Gruppe um die Psychologin und ehemalige Anhängerin von Brahma Kumaris, Heide Fittkau-Garthe.1 Die Auflösung dieser Gruppe liegt nur ein Jahrzehnt zurück. Als sie auf dem Gipfel des Teide, des höchsten Berges der Kanarischen Inseln, von Aliens abgeholt werden wollte, wurden die Mitglieder von der spanischen Polizei verhaftet. Die Szene der Neuoffenbarer lieferte ähnliche Beispiele, denn nicht alle hatten den Erfolg von Gabriele Wittek oder Uriella.2 Einige blieben relativ unbeachtet wie die „Bieberauer Schule“3. Sie fiel erst auf, als die kleine Anhängerschaft aus dem Hunsrück flüchtete und sich in ein Feriendomizil am Mittelmeer zurückzog.

Die These dieses Textes lautet, dass sich die Zahl solcher Gruppen in den letzten zehn bis zwanzig Jahren stark vermehrt hat, und zwar besonders in ihrer kleinsten, unauffälligsten und privatesten Form. Der gesellschaftliche Hintergrund für diese Entwicklung wird durch die Stichworte Globalisierung, Pluralisierung, Beschleunigung und Individualisierung beschrieben.4 Das Förderband, das die Ideen und Methoden von den alten Religionen Asiens, den „neuen religiösen Bewegungen“ und dem Esoterizismus in den spirituellen Markt und letztlich auch zu diesen Gruppen transportiert, ist immer noch die vielgestaltige Esoterikbewegung. Der Übergang von Persönlichkeitstraining, Wellness-Wochenende und Meditationsgruppe zur spirituellen Dienstleistung und zur Gemeinschaftsbildung um spirituelle Führerfiguren ist in dieser Bewegung fließend. Die bürgerliche Akzeptanz der Esoterik und die damit verbundene Banalisierung und „Veralltäglichung“ der Angebote bilden nach dieser These die Voraussetzung für die inflationäre Vermehrung der Meister, Gurus und Erlöser. Man kann, ohne Aufsehen zu erregen, eine solche Rolle einnehmen, weil das Meister- und Erleuchtetsein zumindest im entsprechenden Milieu etwas Alltägliches und deshalb tendenziell Harmloses wurde. Der Anspruch auf einen besonderen Zugang zur unsichtbaren Welt, auf Erleuchtung, auf den Status des Avatars oder Bodhisattwas darf dann allerdings nach außen nicht in dem Maß deviant wirken, dass Abgrenzungs- oder gar Ächtungsmechanismen greifen. Dass dadurch der traditionelle Sinn dieser Begriffe, die einmalige oder sehr seltene Personen bezeichnen, nachhaltig verfälscht wird, spielt dabei keine Rolle. Religiöse Authentizität ist in unserer Kultur kein Maßstab, nach dem sich die gesellschaftliche Akzeptanz von Personen und Gruppen richtet.

Nur deshalb ist es möglich, dass bürgerlich lebende Menschen, (zumindest zunächst) ohne einen Bruch mit ihrem bisherigen Leben wahrzunehmen, zu gläubigen Anhängerinnen oder Anhängern eines kleinen Meisters werden, der in ihrer Nachbarschaft zu Hause oder der für sie persönlich erreichbar ist. Es muss Szenen trivialer Esoterik und alltäglicher okkulter Lebenshilfe geben, damit sich in ihnen viele kleine Intensivgruppen bilden können, die „mehr vom selben“ wollen. Dass es diese Szenen gibt und dass sie von einem früher undenkbaren Konsens getragen werden, belegen zahlreiche Beispiele5. Als Belege seien Artikel aus Tageszeitungen (Internet) aus einem kurzen Zeitraum 2007 genannt, die das Phänomen „Banalisierung der Esoterik“ mehr oder weniger drastisch demonstrieren:

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Anmerkungen

1 Hansjörg Hemminger / Walter Schmidt: Das Paradies und die Planeten.
2 Beide behandelt in: Hans Krech / Matthias Kleiminger (Hg.): Handbuch Religiöse Gemeinschaften undWeltanschauungen.
3 Georg Schmid, Georg Otto Schmid (Hg.): Lebensgemeinschaft Hujetsmühle, 222.
4 Eine knappe Darstellung der Folgen findet sich bei Sebastian Murken und Sussan Namini, Himmlische Dienstleister, 62ff.
5 Als Hinweis auf solche Szenen eignet sich die Zeitschrift Fliege. Leben Heilen Helfen des früheren TV-Pfarrers Fliege mit ihrem unterschiedslosen und unkritischen Sammelsurium vor allem gebrauchsesoterischer Lebenshilfeangebote. Sie öffnet bürgerliche Milieus für esoterische Themen und bedient sie zugleich mit einer Mischung von okkult-esoterischer Lebenshilfe und christlich-kirchlichen Sujets.

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