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Materialdienst 4/2008

Patchwork-Religiosität - ein Thema von bleibender Aktualität

Patchwork-Glaube ist eine Gestalt heutiger Religionsfaszination. Immer mehr Menschen praktizieren einen überaus individuell geprägten, auswählenden Religionsvollzug. Sie schöpfen in Sachen Religion aus verschiedenen Quellen, vermeiden die Beheimatung in einer einzigen Tradition und weichen vor endgültigen Festlegungen aus. Einzelne religiöse Elemente und Rituale werden aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen „entwendet” und in lebenspraktischer Hinsicht aufgegriffen und ausprobiert. Verschiedenes wird miteinander verbunden und vermischt: japanische und chinesische Heilungspraktiken, buddhistische Meditation, schamanistische Ekstasetechniken, mit religiösen Versprechen aufgeladene alternative Therapieangebote usw.

Soziologen sprechen von „Religions-Bricolage” oder vom religiösen Flickenteppich. Zahlreiche gebildete Menschen in westlichen Gesellschaften, auch zahlreiche Mitglieder unserer Kirchen, zeigen sich fasziniert vom Fremden und Unbekannten, zum Beispiel vom Buddhismus. Nur bei wenigen entwickelt diese Faszination eine Kraft, die zur Bekehrung führt. Die Buddhismusbegeisterung ist groß, die Anzahl der Konversionen bleibt gering. Heutige Religionsfaszination verkennt den bindenden Charakter der religiösen Überlieferung und versteht Religionen und Weltanschauungen anders als diese sich selbst verstehen. Die spielerisch ästhetische Annäherung an religiöse Rituale kann ein erster Schritt zu einer tieferen Bindung sein, muss es aber nicht.

Die Sozialgestalt von Patchwork-Religiosität zeigt sich weniger in festen Gruppenbildungen, sie ist vielmehr als Netzwerk organisiert, das nur lockere Verbundenheit ermöglicht. An verbindlich gestalteter Gemeinschaft und einer kontinuierlichen Glaubensvergewisserung durch symbolische Handlungen besteht kein Interesse. Ein punktuelles Zusammenkommen, ein Kommen und Gehen ist kennzeichnend. Patchwork-Religiosität spielt sich in Netzwerken und Szenen ab. Sie ist als „Publikum“ und „Kundschaft“ organisiert. Die Kraft ihrer Gemeinschaftsbildungen ist begrenzt, ebenso ihr Beitrag zur religiösen Identitätsbildung.

Erst eine Lebenswelt, die durch weltanschaulich-religiöse Vielfalt gekennzeichnet ist, hat Patchwork-Glauben möglich gemacht. Religionsfreiheit, Migrationsprozesse, moderne Kommunikationsmedien, religiöser Tourismus, ein neu erwachtes Sendungsbewusstsein nichtchristlicher Religionen und neuer religiöser Bewegungen verstärken den kulturellen Austausch und tragen zur Pluralisierung religiöser Orientierungen bei. Die Globalisierung ist nicht allein ein ökonomisches, sondern auch ein religiöses Phänomen. Sie schafft universale Gleichzeitigkeit und lässt die Menschen aus der Raumdimension sozusagen herausfallen. Patchwork-Glaube ist Teil des heutigen religiösen Pluralismus, zugleich Protest gegen die Rationalitätsdominanz unserer Kultur, Einspruch gegen das geheimnisleere Wirklichkeitsverständnis der Moderne und den kirchlichen und theologischen Arrangements mit ihm. Die anhaltende Nachfrage nach spirituellen Erfahrungen deutet gleichermaßen auf elementare Bedürfnisse wie auf unübersehbare Defizite der modernen Kultur hin.

Patchwork-Religiosität antwortet auf Ermüdungserscheinungen rationaler Weltbewältigung und artikuliert den spirituellen Hunger der Menschen. Die Suchbewegungen zielen auf außergewöhnliche Ergriffenheitserfahrungen, auf Kommunikation mit dem Göttlichen, Selbstfindung, Körpererfahrung, Bewusstseinserweiterung, Erleuchtung. Der weitgehende Ausfall einer gelebten christlichen Spiritualität unterstützt die Empfänglichkeit für religiöse Alternativen. So lassen sich viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen die Hände lieber von einem Reiki-Meister als von einer Pfarrerin oder einem Pfarrer auflegen.

Patchwork-Religiosität profitiert von den antiinstitutionellen Affekten der Menschen und steht im Zeichen der Verarbeitung religiöser Vielfalt. Sie erkennt in der Vielzahl religiöser Traditionen Sprachspiele, die sich auf die eine Erfahrung des Göttlichen beziehen. Theistische religiöse Konzeptionen werden meist dezidiert abgelehnt. Man ist darum bemüht, eine nichttheistische, in vielen Fällen nachchristliche religiöse Erfahrung zu vermitteln und schreibt zugleich die Kategorien Emotionalität und Intuition groß. Die religiöse Erfahrung zielt auf Überwindung der Grenzen menschlichen Daseins, auf die Entgrenzung des Ichs in ein kosmisches Bewusstsein, ebenso auf die Revitalisierung archaischer Kulte und Riten.

Was bedeutet Patchwork-Religiosität für die Kirchen? Ist es angemessen, sie als Zeichen einer neuen Aufmerksamkeit für Religion zu werten, oder ist sie eine Modeerscheinung, die das Fortschreiten von Säkularisierungsprozessen nur vorübergehend aus dem Blickwinkel drängt?

Unabhängig davon, wie viel religiöse Substanz der Patchwork-Religiösität zugebilligt wird, ist darauf hinzuweisen: Die christlichen Kirchen haben einen Verkündigungsauftrag gegenüber Menschen, die eine Spiritualität praktizieren, die sich gegenüber den traditionellen Religionen verselbständigt hat. Sie werden dem Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern von Patchwork-Religiosität sowenig ausweichen wie dem Gespräch mit Angehörigen anderer Religionen und mit konfessionslosen Zeitgenossen. Hinter dem Phänomen der Patchwork-Religiosität stehen unterschiedlich zu bewertende Ausdrucksformen menschlicher Sehnsucht nach Selbsttranszendenz: das ständige Suchen ohne Ziel, die Überzeugung von einem heilen Selbst, das durch Meditation und Therapie gefunden werden kann, Vertrauen auf apersonale kosmische Kräfte, Sehnsucht nach dialogischer Gotteserfahrung und Suche nach Wahrheit, Sinn und Heil. Religiöse Suche kann in Offenheit und Verschlossenheit gegenüber der göttlichen Wirklichkeit geschehen. Die Bibel und die christliche Tradition wissen etwas davon, dass auch der religiöse Mensch Gott verfehlen und im Vollzug seiner Religiosität bei sich selbst bleiben oder seine Freiheit verlieren kann, etwa durch die Hingabe an umstrittene Führergestalten und menschenverachtende Ideologien. Weder ein Rationalismus, der Gott ausschließt, noch die antirationalistischen Tendenzen von Patchwork-Religiosität entsprechen dem christlichen Verständnis von Mensch und Welt. Das mit Recht beklagte Erfahrungsdefizit kirchlichen Lebens lässt sich nicht durch kritiklose Hingabe an unbestimmte religiöse Erfahrungen bewältigen, deren weltanschaulich-religiöse Implikationen vergleichgültigt werden. Selbstesoterisierung ist keine Strategie zur Überwindung von Selbstsäkularisierung.

Natürlich muss es neue Inkulturationen des Christlichen in den Kontext neuer Religiosität geben. Selbstverständlich darf es einen individuellen Religionsvollzug geben. Christinnen und Christen können von der Weisheit anderer Religionen lernen. Eine evangeliumsgemäße Spiritualität wird allerdings nicht darauf verzichten, von der Nähe Gottes in Kreuz und Auferweckung Jesu Christi zu reden und sie erfahrbar zu machen. Sie wird den Mut bewahren, die göttliche Wirklichkeit mit „Du“ anzureden.

Reinhard Hempelmann

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