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Materialdienst 4/2008
Matthias Pöhlmann

Johann Hinrich Wicherns vergessenes Erbe

Impulse für eine evangelische Apologetik zwischen Innerer Mission und Publizistik

Die evangelische Weltanschauungsarbeit ist wie auch die organisierte evangelische Publizistik ein Kind der Inneren Mission. Beide Arbeitsfelder sind untrennbar mit dem Namen Johann Hinrich Wichern verbunden. Vor 200 Jahren, am 21. April 1808, wurde der evangelische Theologe und Begründer der Inneren Mission in Hamburg geboren.1 Das Wichern-Gedenkjahr 2008 ruft mit vielfältigen Veranstaltungen und Sonderpublikationen die Verdienste, aber auch die Licht- und Schattenseiten der sicherlich bedeutendsten sozialpolitischen Persönlichkeit der evangelischen Kirche in Erinnerung.2 An dieser Stelle soll aus gegebenem Anlass besonders auf die praktisch-theologischen Impulse Wicherns für das Zusammenwirken von Diakonie, Innerer Mission, Volksmission, Apologetik und Publizistik eingegangen werden.3

„Wort und Tat“

Auf Wicherns Initiative geht die Einrichtung des Central-Ausschusses für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche, einem Vorläufer des heutigen Diakonischen Werkes, zurück.4 Die organisierte Armenfürsorge, die Wichern umfassend in Angriff nahm, war eine Reaktion auf die dramatische Lage, die sich durch vielfältige Krisen akut verschärft hatte. Die Wirtschaft begann zu stagnieren. Hinzu kamen Missernten und Hungersnöte in der Zeit von 1845 bis 1847. Die Industrielle Revolution (ca. 1760-1850) brachte in Deutschland den vierten Stand, das Proletariat, hervor. Nach 1850 prägte es sich vollständig aus. Die abhängige Lohnarbeiterschaft umfasste den Großteil der Bevölkerung. Ihr Einkommen bewegte sich oft am Rand des Existenzminimums. Ein Massenpauperismus nie gekannten Ausmaßes setzte ein. Städtische und ländliche Unterschichten, die unaufhaltsam anwuchsen, standen vor der materiellen Verelendung. Doch die Kirche blieb weitgehend stumm und übernahm die Position des distanzierten Beobachters. Sie versäumte es, sich auf die Seite der Armen zu stellen, abgesehen von einzelnen Pfarrern, die rasche Hilfe einforderten.

Die religiös-weltanschauliche Situation in Deutschland begann sich Mitte des 19. Jahrhunderts grundlegend zu wandeln. Dies hing auch mit veränderten religionsrechtlichen Bedingungen zusammen. So konnten in dieser Zeit religiöse Bewegungen angelsächsischen Ursprungs ihren Einfluss vergrößern. Vor allem in den Industriezentren, v. a. in Schlesien, Sachsen, Württemberg und im Rheinland, sowie in den Großstädten Berlin und Hamburg konnten diese Bewegungen hohe Wachstumsraten verzeichnen. In diesen Gemeinschaften artikulierte sich religiöser, aber auch sozialer Protest. Die wachsende Anonymität in den Großstädten, der nachlassende Zusammenhalt innerhalb der kirchlichen Großstadtgemeinden, die zunehmende Säkularisierung der Kirchen und ihre Anbindung an die Monarchie, die Vorbehalte gegenüber einer liberalen theologischen Richtung, die den Wunder- und Endzeitglauben eliminieren wollte, bildeten die Hauptmotive für das Anwachsen überschaubarer, meist endzeitlich ausgerichteter sektiererischer Gemeinschaften.5

Wichern entfaltete 1848 in seiner berühmten Stegreifrede bei einer Kirchenversammlung in der Lutherstadt Wittenberg das Programm einer umfassenden Liebestätigkeit. So forderte er, der künftige Kirchenbund solle die „innere Mission“ in seinen Aufgabenkatalog aufnehmen. Die Kirche habe, so sein Vorwurf, zu lange die Nöte der Arbeiter und Handwerker ignoriert und damit christentumsfeindlichen Strömungen in die Hände gearbeitet. Wichern schwebte als eigentliches Ziel die „Verchristlichung der Gesellschaft“ vor.6 Die vielfältigen Krisenherde jener Jahre ließen kommunistische Lösungsansätze besonders attraktiv erscheinen. Das Wirken der Kirche wurde indes in der Öffentlichkeit als obrigkeitsgetreue Vertröstungsstrategie wahrgenommen. Unter den Arbeitern dominierte ein atheistischer Kommunismus. Im Februar 1848 war das Kommunistische Manifest erschienen. Wichern erinnerte seine Kirche nachhaltig an ihre diakonische Aufgabe. Der zu bildende Central-Ausschuß sollte die bislang vielfältigen karitativen Initiativen bündeln und koordinieren.

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Anmerkungen

1 Aus aktuellem Anlass sind mehrere Veröffentlichungen erschienen, die die Verdienste Wicherns würdigen; den besten Literaturüberblick bietet Werner Raupp, Art. Wichern, Johann Hinrich, in: BBKL XVI (1999), 1473-1503. Die Internetversion www.bautz.de bietet aktuelle Literaturnachträge.
2 Vgl. die Initiative des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland: www.wichern2008.de.
3 Zum Zusammenhang von Innerer Mission, Volksmission und Apologetik vgl. Theodor Strohm, Innere Mission, Volksmission, Apologetik. Zum soziokulturellen Selbstverständnis der Diakonie. Entwicklungslinien bis 1937, in: Jochen-Christoph Kaiser / Martin Greschat (Hg.), Sozialer Protestantismus und Sozialstaat. Diakonie und Wohlfahrtspflege in Deutschland 1890 bis 1938, Stuttgart 1996, 17-40.
4 Zur Gesamtgeschichte vgl. Ursula Röper / Carola Jüllig (Hg.), Die Macht der Nächstenliebe. Einhundertfünfzig Jahre Innere Mission und Diakonie 1848-1998, Stuttgart 22007.
5 Vgl. hierzu insgesamt Helmut Obst, Außerkirchliche religiöse Protestbewegungen der Neuzeit (= KGE III/4), Berlin 1990.
6 Kurt Nowak, Geschichte des Christentums in Deutschland. Religion, Politik und Gesellschaft vom Ende der Aufklärung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, München 1995, 127f.
7 Helmut Hinze, Innenpolitische Prozesse der 1880er Jahre und die Entwicklung des evangelischen Pressewesens im deutschen Kaiserreich, in: Jochen-Christoph Kaiser / Martin Greschat (Hg.), Sozialer Protestantismus und Sozialstaat. Diakonie und Wohlfahrtspflege in Deutschland 1890 bis 1938, Stuttgart 1996, 165-172, hier 165ff.

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