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Materialdienst 1/2003
Ulrich Dehn

Bekenntnis und Toleranz - ein Widerspruch?

Das Zusammenleben von Religionen gestalten

Der Text basiert auf einem Vortrag, gehalten am 6.7.2002 im Rahmen des Düsseldorfer Kirchentages.

Cordoba ist ein altes berühmtes Stichwort für gelebte Toleranz. Die spanische Provinzhauptstadt in Niederandalusien erwarb sich ihren unsterblichen Ruf in der Zeit der islamischen Blüte unter den Abassiden vom 8. bis zum 13. Jahrhundert und insbesondere unter dem Kalifen Abd ar-Rahman III.: Dieser ließ im 10. Jahrhundert Cordoba zum Zentrum von Macht, architektonischer, kultureller und philosophischer Blüte und interreligiösem Miteinander aufsteigen. Averroes, Maimonides und Ibn Hasm wurden zu weltberühmten Namen, und zumal das Judentum genoss unter ar-Rahman Respekt und Anerkennung, die es unter christlicher Herrschaft nie gefunden hatte und später nur noch selten wieder fand. Das "Experiment Cordoba" fand ein Ende durch die Reconquista, die Stadt war fürderhin katholisch.1 Die historische Episode darf sicherlich als Paradigma für islamische Toleranz nicht überstrapaziert werden, das Stichwort "Cordoba" jedoch blieb im interreligiösen Gedächtnis und ist von einer Initiative als Modell für ein künftiges Jerusalem vorgeschlagen worden: eine quasi exterritoriale Stadt, die vom friedlichen Miteinander der Religionen lebt - in Anbetracht der täglichen Nachrichten ein Traum, der schwerlich in Erfüllung gehen wird.
 
Zum Thema Religion und Toleranz drängen sich schnell dramatische Informationen in den Sinn: Todesstrafe für Menschen, die sich vom muslimischen Glauben abgewendet haben, Brandschatzung christlicher Kirchen in Pakistan oder Indonesien, die Inhaftierung christlicher Entwicklungshelfer und mutmaßlicher Missionare in Afghanistan, Nordirlandkonflikt etc., blutige Auseinandersetzungen zwischen Hindu-Fundamentalisten und Muslimen um die Babri-Moschee im nordindischen Ayodhya. Etwas mehr Sorgfalt ist vonnöten, um auch noch Nachrichten wie folgende zur Kenntnis zu nehmen: Vandalisierung des muslimischen Pavillons auf der Expo 2000 in Hannover durch einen Christenmenschen, christliche Kolonisierung der ursprünglich fast ausschließlich muslimischen Insel Mindanao in den Philippinen durch die dortige Regierung, und ein wenig in die Geschichte gegraben: Zerstörung des Inventars buddhistischer Tempel im Japan des 17. Jahrhunderts durch christliche Missionare. Und auch für den Buddhismus mit dem Image der Sanftheit und Gewaltlosigkeit würden wir zu diesem Thema erstaunlich fündig werden: Mönchsarmeen, die sich in der frühen Neuzeit den Verdrängungskämpfen der japanischen Landesfürsten zur Verfügung stellten und gezielt militärisch gegen Mitglieder der anderen buddhistischen Schulrichtungen und anderer Religionen vorgingen.

Aufzählungen dieser Art sind aus verschiedenen Gründen nicht sonderlich aussagekräftig. Zum einen können, worauf Reinhart Hummel hinweist, "historische Belege von Toleranz und Intoleranz gegenüber abweichenden Lehren und Praktiken ... nicht unreflektiert miteinander verglichen werden, sondern sind auf Zeit, Ort und Situation hin zu befragen. Das gilt vor allem für den Buddhismus, der sich mit unterschiedlichen Ländern, Kulturen und politischen Konstellationen hat auseinandersetzen müssen"2 - ebenso aber auch für den Islam in der Zeit seiner schnellen Ausbreitung der ersten ca. fünf Jahrhunderte seit Mohammed und insbesondere für seine Akkulturation in der Diaspora. Zum anderen sind Informationen der obengenannten Art, zumal wenn sie sich auf die Gegenwart beziehen, ein Bestandteil unseres journalistisch geprägten Weltbildes und sagen fast nichts über die Realität, mit der wir es täglich zu tun haben. Diese Realität wird zumal von jedem einzelnen Menschen je nach Lebensumständen und Wohnort völlig unterschiedlich erfahren und lässt je eigene seelische Dynamiken zum Thema Toleranz entwickeln. Wir kommen unterschiedlich intensiv in Berührung mit Menschen anderen Glaubens, viele sind nach wie vor darauf angewiesen, Begegnungen ausdrücklich zu inszenieren. Wessen Kenntnisnahme der anderen Religionen auf die leicht zugänglichen Massenmedien beschränkt ist, bekommt die Stereotypen bestätigt. Auch eine vor kurzem abgeschlossene Medienanalyse fand heraus, dass nach wie vor mehrheitlich der Islam als tendenziell fundamentalistisch und mit einem eher ungebrochenen Verhältnis zur Gewalt dargestellt wird, der Buddhismus hingegen als sanft, weitherzig und gewaltlos. Beide Klischees können nur in differenzierten Auseinandersetzungen auf mehreren Ebenen überwunden werden.

Toleranztraditionen

Wie sieht es mit den Toleranztraditionen in den Religionen aus? Wir beginnen mit dem Islam, dem zum einen unterstellt wird, dass er die größten Schwierigkeiten mit dem Thema hat, der uns zum anderen demographisch am nächsten ist: In Deutschland leben annähernd zwanzigmal so viele Muslime wie Buddhisten.

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Anmerkungen

1  Brockhaus. Die Enzyklopädie, Band 4, Mannheim 201996, 681f.
2  Reinhart Hummel, Umgang mit "Sekten" - Von den Religionen des Ostens lernen?, in: Michael Bergunder (Hg.),  Religiöser Pluralismus und das Christentum (Festgabe für Helmut Obst zum 60. Geburtstag), Göttingen 2001, 174-188, 175.

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