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Materialdienst 1/2003
Gesellschaft

Kritik am Staatsakt für Augstein

Mit einem Offenen Brief hatten zahlreiche Organisationen der Konfessionslosen gegen den Staatsakt für Rudolf Augstein protestiert, der am 25. November 2002 in der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis stattgefunden hat. Zu den Unterzeichnern gehörten die "Freien Humanisten Hamburg", der "Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften", der "Deutsche Freidenker Verband", der "Verband Freier Weltanschauungsgemeinschaften Hamburg" und der "Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten". In dem an den Ersten Bürgermeister und den Senat der Hansestadt Hamburg adressierten Schreiben heißt es, dieser Staatsakt in einer Kirche sei "keine Ehrung, dies ist eine Verhöhnung des Verstorbenen, seiner Weltanschauung und seines Lebenswerkes".

Die Absender weisen darauf hin, dass Augstein bereits 1968 aus der Kirche ausgetreten sei und zitieren aus dem Vorwort zur Neuauflage seines Buches "Jesus Menschensohn" von 1999, wo er gleich eingangs klar stellt: "Spekulationen darüber, dass ich - inzwischen 75 Jahre alt - die viel beschworene Umkehr vorgenommen und mich nun eines besseren besonnen hätte, gar in den "Schoß der Kirche" zurückkehren würde, dürften sich nach der vorliegenden Lektüre erübrigen." Erwähnt wird auch eines seiner letzten Interviews, in dem Augstein seine Distanz zum christlichen Glauben nochmals bekräftigt hat. Auf die Frage, ob er an Gott glaube, gab er zur Antwort: "Nein. Ich kenne die Evangelien und die echten Briefe des Apostel Paulus. Ich glaube nicht an die Auferstehung irgendeines Toten, und dann muss ich mich damit weiter auch gar nicht beschäftigen."

Die Konfessionslosenverbände nahmen daran Anstoß, dass die offizielle Trauerfeier in einer Kirche stattfand und sahen darin einen Verstoß gegen die weltanschauliche Neutralität des Staats. Diesem Argument war verschiedentlich mit dem Einwand begegnet worden, der Staatsakt in einer Kirche sei keine kirchliche Veranstaltung. Die Absender des genannten Briefes wiesen jedoch darauf hin, dass der Hauptpastor des Hamburger Michel in der Tageszeitung "Die Welt" bereits vorab erklärt hatte, er wolle "zu Ehren des Verstorbenen, der nicht an die Auferstehung glaubte, von der christlichen Auferstehung predigen" - was jedoch so nicht geschah. Er würdigte den Verstorbenen und sein Lebenswerk aus kirchlicher Perspektive. In diese Perspektive gehört die in seiner Predigt zum Ausdruck gebrachte Überzeugung, dass Gott auch an die glaubt, die "nicht an ihn glauben wollen oder können" und dies gelte "auch für den, der den Glauben für ein Herrschaftsinstrument einer Kirche hält, die die Menschen unfrei und klein macht".

Bereits im Vorfeld des genannten Schreibens und der geplanten Feierlichkeiten hatten Vertreter der Konfessionslosenverbände mit der Hamburger Senatskanzlei Kontakt aufgenommen. Von dort war ihnen mitgeteilt worden, dass "der Senat sich nicht mit der Religionszugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit seiner Ehrenbürger befasst" und folglich "die Kirche der anzunehmende Ort" sei. Die Kritiker hielten dagegen: "Warum, fragen sich zu Recht die konfessionsfreien Bürger und Bürgerinnen (immerhin ist über ein Drittel der Hamburger Bevölkerung konfessionsfrei), ist eigentlich die Kirche immer "der anzunehmende Ort"? Wo doch lediglich 54 % der Hamburger noch einer der beiden großen christlichen Kirchen angehören."

Interessant ist die weitere Argumentation: "Indem der Senat die Trauerfeier für seinen konfessionsfreien Ehrenbürger Augstein als Gottesdienst zelebrieren lässt, grenzt er entweder die konfessionsfreien Bürgerinnen und Bürger von einer Teilnahme systematisch aus, oder nötigt diese, sich zu Ehren des Gedenkens eines Konfessionsfreien einer religiösen Kulthandlung zu unterwerfen und erklärten kirchlichen Missionsabsichten auszusetzen." Die Absender verweisen darauf, dass der Regierende Bürgermeister am 14. November 2002 bei der Abschlussveranstaltung zum Hamburger "Tag der Weltreligionen" ausgeführt hat: "Das Miteinander von Religionen erzeugt Respekt vor den Werten anderer. Der interreligiöse Dialog trägt zu mehr Menschlichkeit und Versöhnung bei." Auf dem Hintergrund dieser Worte forderten die Absender den Senat auf, "diesem Anspruch auf Respekt vor den Werten anderer auch im Hinblick auf die Konfessionsfreien endlich gerecht zu werden. Daher sollte die staatliche Trauerfeier für das Nichtkirchenmitglied, den Christentumskritiker Rudolf Augstein eine weltanschaulich neutrale Gestaltung bekommen, die das Andenken des Verstorbenen wirklich ehrt und es nicht verhöhnt und auch der Unterschiedlichkeit der Weltanschauungen der Bevölkerung gerecht wird!"

Die Diskussion offenbarte unterschiedliche Interessenlagen: Die Verbände der Konfessionsfreien machten mit ihrem "Offenen Brief" deutlich, dass sie sich als Anwalt der Konfessionslosen profilieren wollen, was ihnen zweifellos bis zu einem gewissen Grade auch gelungen ist. Selten hat eine Aktion der Konfessionslosenverbände vergleichbare Resonanz gefunden: So haben zahlreiche Tageszeitungen den Offenen Brief (zumindest auszugsweise) zitiert bzw. die dort aufgeführten Argumente wurden bis in die Wortwahl von den Medien übernommen, auch wenn mitunter nicht näher auf die summarisch genannten "Kritiker" eingegangen wurde. Das Thema Augstein war klug gewählt, mit Blick auf ihre geringe Mitgliederzahl erstaunt dennoch, wie scheinbar mühelos es den Konfessionslosenverbänden gelungen ist, ein wichtiges Thema in die Debatte zu bringen. Sie werden sich also ermutigt sehen, auch in Zukunft öffentlichkeitsrelevante Themen zu besetzen.
 
Nachdenklich stimmen sollte an dieser Auseinandersetzung, dass die Klage von der falschen Seite kam. Eigentlich hätten engagierte Christinnen und Christen ihre Stimme dagegen erheben müssen, dass für den scharfzüngigen Kirchen- und Gotteskritiker in einem Gotteshaus eine große Gedenkveranstaltung mit gottesdienstlichen Elementen zelebriert wurde. Nichts gegen einen Staatsakt! Ohne Augstein und den SPIEGEL wäre die politische Kultur der Bundesrepublik wahrlich blasser. Aber hätte man nicht mehr Respekt vor der erklärten Weltsicht Augsteins zeigen können? Wie ernst nimmt die Kirche ihre Kritiker - wie ernst nimmt sie sich selbst?

Andreas Fincke

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