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Materialdienst 6/2003
Islam

Islam in Frankreich

(Letzter Bericht: 5/2003, 176ff, 192) Die knapp sechs Millionen Muslime in Frankreich haben seit April eine repräsentative Vertretung gegenüber der Regierung. Vom 6. bis 13. April fanden Wahlen zum "Rat der islamischen Religion in Frankreich" (CFCM) statt, an der sich ca. 85 % der Muslime beteiligten.
 
Überraschend stark schnitt bei der Wahl des 42-köpfigen Gremiums die Gruppe "Union Islamischer Organisationen" ab, die mit 14 Sitzen ein gutes Drittel verbucht. Sie vertritt einen strengen Islamismus-nahen Kurs, während der Vorsitz von Dalil Boubakeur, dem Leiter der gemäßigten Pariser Hauptmoschee, eingenommen wird. Die Moschee steht dem algerischen Kurs nahe. Die stärkste Fraktion stellt die FNMF, die den gemäßigten Islam der marokkanischen Ausrichtung vertritt. Der Rat beruht auf einem Plan des früheren Ministerpräsidenten Lionel Jospin und soll in umfassender Weise als Ansprechpartner für u.a. folgende Fragen zur Verfügung stehen: islamische Soldaten- und Gefängnisseelsorge, rituelles Schlachten, Kopftuchtragen an Schulen etc. Die Muslime stellen in Frankreich nach der katholischen Kirche die größte Religionsgruppe noch vor den protestantischen Christen dar (letztere 1,6 % der Bevölkerung). In Anbetracht des starken Abschneidens der CFCM wurden warnende Stimmen laut, die den Islamrat darauf hinwiesen, dass dieser nicht zum Instrument islamistischer Bestrebungen werden dürfe. Der Pariser Erzbischof Kardinal Jean-Marie Lustiger sieht diese Stärkung des Islam in Frankreich mit Sorge.
 
Grundsätzlich wird auch in Deutschland eine repräsentative Organisation des Islam für wünschenswert gehalten - die EKD hat dies des öfteren angemahnt -, um etwa die Einführung des islamischen Religionsunterrichts entsprechend GG Art. 7 (3) über Experimente und Modellversuche hinauszubringen und dem Staat auch in manch anderer Hinsicht als autoritativer Gesprächspartner gegenübertreten zu können. Vielleicht dient die französische Entwicklung als Impuls für deutsche islamische Verbände und Moscheevereine.

Ulrich Dehn

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