publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 6/2003
Reinhard Hempelmann

"Wir sollen Menschen sein und nicht Gott"

Evangelische Weltanschauungsarbeit als ökumenische Aufgabe

Im Kontext religiös-weltanschaulicher Vielfalt ist Wahrnehmungs- und Unterscheidungsfähigkeit eine zentrale Voraussetzung für die Entwicklung religiöser Identität und eines christlichen Orientierungswissens. Evangelische Weltanschauungsarbeit möchte dazu einen Beitrag leisten. Sie tut dies in Bindung an die Heilige Schrift und an die reformatorischen Bekenntnisse, zugleich im Gespräch mit der Zeit und angesichts unübersehbarer Wandlungsprozesse der religiösen Landschaft.

Christlicher Glaube als Schule des Sehens und Unterscheidens

Der christliche Glaube kann bezeichnet werden als Schule des Sehens. Dabei werden die Augen für das Verstehen der Bibel geöffnet, aber auch für die Wahrnehmung von kulturellen und religiösen Situationen, in denen die Botschaft des Evangeliums Gestalt gewinnt. Das Rechenschaftgeben vom christlichen Glauben geschieht nie kontextlos. Es gehört zur inkarnatorischen Struktur der christlichen Wahrheit, dass sie in verschiedene kulturelle Situationen eingeht und in diesem Eingehen verschiedene Ausformungen erfährt. Diese Gestaltwerdung des Glaubens geht offensichtlich Hand in Hand mit dem, was im Anschluss an die von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und der Arnoldshainer Konferenz (Akf) herausgegebene Studie "Religiosität, Religionen und Christlicher Glaube" als Konfessionalisierung und Indigenisierung bzw. Inkulturation bezeichnet werden kann.1 Die Vielfalt von Kirchen und Kirchenverständnissen zeigt dabei einerseits den Reichtum der Gnade Gottes an. Sie ist andererseits aber auch ein Zeichen der "Zerreißung des einen Leibes Christi".2 In den konfessionellen Ausformungen geschieht nicht nur die Konkretion des christlichen Zeugnisses, sondern auch seine Verdunkelung. Alle konfessionellen Traditionen berufen sich dabei auf die Heilige Schrift und die Kirche des Anfangs. Sie sehen diesen Anfang freilich perspektivisch, im Zusammenhang ihrer eigenen ekklesialen und kulturellen Kontextualität. Auch in der Weltanschauungsarbeit ist die Wahrnehmung und Beurteilung religiös-weltanschaulicher Strömungen mitbestimmt durch konfessionell geprägte Perspektiven. Gleichzeitig ist gerade dieser Arbeitsbereich ein durchaus eindrucksvolles Beispiel für eine langjährige fruchtbare ökumenische Zusammenarbeit. Die in der Geschichte des Ökumenischen Rates der Kirchen wirksam gewordenen Perspektiven zur Stärkung der Gemeinschaft der Christen und der Kirchen haben dabei allesamt eine Rolle gespielt: die Suche nach Gemeinschaft im diakonischen Dienst, in der missionarischen Sendung und im gemeinsamen Bekennen des Glaubens.3

Christlicher Glaube ist zugleich eine Schule des Unterscheidens. "Wir sollen Menschen sein und nicht Gott". Dieser Satz artikuliert ein elementares Unterscheidungskriterium reformatorischer Theologie, das für evangelische Weltanschauungsarbeit eine zentrale und bleibende Orientierungsperspektive enthält. Wie wahrnehmungsfähig sind religiöse oder vermeintlich religiöse Orientierungen für diese Grenzen des Menschen? Am Umgang mit der Begrenztheit menschlichen Lebens scheiden sich die Geister. Dies gilt für den Umgang mit Religionsformen, die dem Menschen suggerieren, er selbst verfüge über alle Kräfte der Heilung und Erlösung. Erinnert werden muss daran auch angesichts der Erfolge der Genforschung. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt nährt erneut optimistische Visionen von einer heilen Welt und einem unbeschädigten, von Krankheit und Leid verschonten Leben. Der Technisierungsprozess ist von dem unverkennbaren Bemühen bestimmt, Grenzen zu überschreiten bis hin zu expliziten Unsterblichkeitsphantasien.

Weltanschauungsarbeit als Praxisfeld

Weltanschauungsarbeit ist die Bezeichnung für ein übergemeindliches kirchliches Handlungsfeld, in dem es um Information, Deutung, Aufklärung über religiös-weltanschauliche Gruppierungen und Strömungen geht. Zu diesem Praxisbereich gehören Informations- und Beratungsangebote, die der Gesamtkirche, Gemeinden, Einzelpersonen, darüber hinaus auch kommunalen Einrichtungen und einer breiten gesellschaftlichen Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Auf EKD-Ebene ist es die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), die sich als zentrale Studien-, Auskunfts- und Beratungsstelle in diesem Handlungsfeld durch eine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit beteiligt, u.a. durch die Herausgabe der Monatszeitschrift Materialdienst. Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen und ca. dreimal im Jahr erscheinende EZW-Texte. Sie hat ihre Arbeit in verschiedenen Referatsbereichen organisiert: 1. Grundsatzfragen, Strömungen des säkularen und religiösen Zeitgeistes, neue christliche Bewegungen; 2. Außerchristliche Religionen, östliche Religiosität und Spiritualität; 3. Christliche Sondergemeinschaften (z. B. Neuapostolische Kirche, Jehovas Zeugen, Mormonen); 4. Esoterik, Okkultismus, Spiritismus, Theosophie, Anthroposophie; 5. Religiöse Aspekte der Psychoszene, weltanschauliche Strömungen in Naturwissenschaft und Technik, Scientology.
 
Innerhalb der VELKD befasst sich der Arbeitskreis Religiöse Gemeinschaften mit weltanschaulichen Fragen. Er gibt das "Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen" heraus, das inzwischen in fünfter Auflage erschienen ist.4 Dem Arbeitskreis gehören auch Landeskirchliche Beauftragte an, die aus Kirchen der jetzt neu konstituierten Union Evangelischer Kirchen (UEK) kommen. Auf der Ebene der Landeskirchen nehmen Beauftragte für Weltanschauungsfragen diese Aufgabe wahr, die sich in der Konferenz Landeskirchlicher Beauftragter zusammengeschlossen haben, und ihrerseits mit regionalen Arbeitskreisen und örtlichen Beauftragten, Bildungseinrichtungen und Gemeinden kooperieren. Von Seiten der römisch-katholischen Kirche sind vergleichbare Strukturen entwickelt worden. Die Anliegen christlicher Weltanschauungsarbeit finden ebenso in zahlreichen Freikirchen Resonanz. Angesichts der Breite des Arbeits- und Themenfeldes von Weltanschauungsarbeit ist diese auf Kooperation mit anderen kirchlichen und wissenschaftlichen Stellen angewiesen, ebenso auf Kontakte mit Eltern- und Betroffeneninitiativen. Die Internationalität neuer religiöser Bewegungen und weltanschaulicher Strömungen erfordert ein vermehrtes Bemühen, deren wissenschaftliche Erforschung in anderen Ländern wahrzunehmen und vom Umgang anderer Kirchen mit religiös-weltanschaulicher Vielfalt zu lernen. Dies gilt insbesondere auch im Blick auf den Prozess des Zusammenwachsens der Staaten in der Europäischen Union.

Zum Gegenstandsfeld

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die weltanschauliche Situation durch fortschreitende Säkularisierung bei gleichzeitiger Revitalisierung von Religiosität und Religion geprägt.5 Nicht Säkularisierung allein, sondern die Entwicklung in Richtung eines religiösen Pluralismus ist der für moderne Gesellschaften charakteristische Vorgang.6 Evangelische Weltanschauungsarbeit beobachtet charakteristische Tendenzen der religiösen Gegenwartskultur. Sie befasst sich zugleich mit organisierten Religionsformen, und zwar auch solchen, die jenseits des Hauptstroms religiöser Gemeinschaftsbildung liegen. Die Deutung von Einzelphänomenen und Einzelgruppen empfängt dabei wichtige Impulse durch die Wahrnehmung der die Gesamtsituation bestimmenden religiös-weltanschaulichen Strömungen und umgekehrt. Der Bezug auf das Umfeld fortschreitender Säkularisierung und religiöser Pluralisierung schwingt in allen Themenbereichen mit.

  • Religiöse Themen und religionsartige Erscheinungen kommen nicht nur in institutionalisierten Religionsgemeinschaften vor, sondern auch in Werbung, Fernsehen, Kino, Kunst und Wissenschaft. Eine entspiritualisierte Kultur verstärkt die Sehnsucht nach dem Überschreiten vorfindlicher Wirklichkeit. Das Profane wird sakralisiert. Um säkulare Formen von Religiosität wahrzunehmen, ist es notwendig, zumindest in heuristischer Absicht, auf einen funktionalen Religionsbegriff zurückzugreifen. Es ist unübersehbar, dass "Funktionen, die einst hauptsächlich vom Christentum gebündelt wahrgenommen wurden, heute von Instanzen, Institutionen und Akteuren erfüllt werden, die sowohl von ihrem Selbstverständnis her als auch im alltäglichen Bewusstsein nicht als 'religiös' gelten".7 Die vakante Stelle der Religion bleibt nicht leer. Zwar kann eine funktionale Betrachtungsweise die Innenperspektive konkreter Religionen nicht erreichen; denn diese ist aufgrund ihrer unbedingten Bindung unverträglich mit der Suche nach funktionalen Äquivalenten. Sie verdeutlicht aber die Unabweisbarkeit der Religionsthematik im Leben der Menschen. Religion wird zwar einerseits zunehmend in den Bereich des Privaten abgedrängt, andererseits wird unsere Lebenswelt immer religiöser. Die fundamentale theologische Kategorie der Verheißung (promissio) findet Äquivalente in zahllosen Versprechen und Tröstungen säkularer Religiosität, die Weltbildfunktionen erfüllen und dem Bedürfnis nach Sinn, Identitätsstiftung, Kontingenzbewältigung und einer umfassenden Daseinsdeutung nachkommen. Religiöse Sprache, wie sie in der Säkularität begegnet, fordert zur Entzifferung heraus. In profanen Zusammenhängen muss Religiöses entdeckt werden.
  • Zugleich wirkt sich der moderne Konsumismus und Eklektizismus auch in religiöser Hinsicht aus. Religiös-säkulare Mischphänomene werden marktförmig angeboten und teilweise hemmungslos kommerzialisiert. Religiöses wird säkular "verpackt", beispielsweise als Entspannungstechnik oder Therapieangebot, oder Nichtreligiöses umgibt sich aus strategischen Gründen mit dem Schein des Religiösen.
  • Esoterische Systeme und Praktiken artikulieren sich innerhalb des abendländischen Kulturraums oftmals "antimodernistisch" und greifen bewusst auf vormoderne Traditionen zurück, bleiben freilich in ihrem Protest an die Determinanten der Moderne gebunden oder artikulieren sich als charakteristischer Ausdruck postmodernen Lebensgefühls. Wouter J. Hanegraaff hat an der sogenannten "New-Age-Spiritualität" gezeigt, dass sich in dieser ein neuer Typ säkularer Religion Geltung verschafft, für den die Verselbständigung der "Spiritualität" gegenüber traditionellen Religionen und seine direkte Einbindung in die säkulare Kultur charakteristisch ist.8
  • Religiöse Sondergemeinschaften (Neuapostolische Kirche, Jehovas Zeugen etc.), sofern sie im Umfeld des Protestantismus entstanden sind, kritisieren dessen modernitätsverträgliche Auslegungen des Christlichen, insbesondere auf dem Felde der Eschatologie. Neuoffenbarungsgruppen lösen sich aus dem Umfeld ihrer "Herkunftsreligion" und suchen religiöse Autorität durch Berufung auf unmittelbare Kundgaben des Göttlichen neu aufzurichten. Sie sind im Anschluss an den amerikanischen Soziologen Rodney Stark gesprochen keine "neue(n) Organisationen (bzw. Organisationsformen) eines alten Glaubens" (sect movements), sondern unterstützen Entwicklungen, die in Richtung neuer Religionsbildungen verlaufen (cult movements).9
  • Pentekostales Christentum und christlicher Fundamentalismus begreifen sich im Kontext eines dezidiert christlichen Selbstverständnisses und protestieren gegen die Bündnisse, die Kirche und Theologie mit der säkularen Kultur geschlossen haben.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Vgl. Religionen, Religiosität und christlicher Glaube: eine Studie, hg. im Auftrag des Vorstands der Arnoldshainer Konferenz (Akf) und der Kirchenleitung der VELKD, Gütersloh 1991, 108-117.
2 Ebd., 113.
3 Vgl. dazu Harding Meyer, Art. Einheit der Kirche, in: Ökumene Lexikon, Frankfurt a.M. 1983, 289.
4 Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, im Auftrag der Kirchenleitungen der VELKD hg. v. Horst Reller, Hans Krech u. Matthias Kleiminger, Gütersloh 52000.
5 Vgl. dazu auch Christoph Schwöbel, Interreligiöse Begegnung und fragmentarische Gotteserfahrung, in: Concilium 37, 2001, 92-104.
6 Vgl. zum Folgenden: Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, hg. v. Reinhard Hempelmann u.a., Gütersloh 2001.
7 Hans-Joachim Höhn, Zerstreuungen. Religion zwischen Sinnsuche und Erlebnismarkt, Düsseldorf 1998, 16 (Anm. 10) im Anschluss an Franz-Xaver Kaufmann.
8 Wouter J. Hanegraaff, New Age Religion and Western Culture. Esotericism in the Mirror of Secular Thought, Leiden u.a. 1996.
9 Rodney Stark / William S. Bainbridge, The Future of Religion, Secularization, Revival and Cult Formation, Berkeley 1985, 24ff. Vgl. dazu auch Reinhart Hummel, Religiöser Pluralismus oder christliches Abendland, Darmstadt 1994, 71ff.
 

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!